Texter | Journalist | Schriftsteller

Kategorie: Bücherwald (Seite 10 von 12)

Rezensionen von Büchern über Natur und Jagd, überwiegend aus der Rubrik Bücherwald im Magazin Halali

Natur am Wegesrand

Wir sind heute in Bild und Ton atemberaubende Aufnahmen gewohnt. Technisch hochgerüstete Fotografen und Filmer jagen mit Löwen, tauchen in die Tiefsee oder fliegen mit Kranichen über die Alpen. Neubürger und Rückkehrer wie Wolf, Luchs und Biber drängen in den Vordergrund und werden allenfalls kurz vernachlässigt, wenn ein Problembär zuwandert oder ein Wal vor der Ostseeküste gesichtet wird. Das ist nicht unverständlich, aber auf eine Art auch ungerecht gegenüber der ganz gewöhnlichen Pflanzen- und Tierwelt, die oft nicht weniger aufregend und im eigentlichen Sinne sehenswert ist.

Dieser Natur vor unserer Haustüre hat sich Marc Giraud zugewandt. Der französischen Naturforscher, Sachbuchautor und Moderator hat Blick und Kamera auf die heimischen Landschaften, Pflanzen und Tiere gerichtet. Zahlreiche Fotografien stammen vom vielfach ausgezeichneten Naturfotografen Fabrice Cahez. Entstanden ist daraus ein Naturführer mit einem ebenso ungewöhnlichen wie attraktiven Gestaltungskonzept, das über 700 Farbfotos mit kurzen Begleittexten verbindet. Ein Bestimmungsbuch ist es aber nicht, selbst wenn sich dank des ausführlichen Registers einiges darin nachschlagen ließe. 

Vielmehr ist das Buch selbst aufgebaut wie ein Spaziergang, oder vielmehr wie vier Spaziergänge, denn es ordnet die Natur nach den Jahreszeiten. So beginnt der Gang durch den Frühling mit Weidenkätzchen und ihren Besuchern, also Hummeln, Faltern und Singvögeln. Es wird angedeutet, welche Bedeutung das Licht für die Pflanzen hat, wie Waldböden und Böschungen als Lebensräume aufgebaut sind und was der Einsatz von Pestiziden bedeutet. Heimische Orchideen und Wildrosen werden entdeckt, oder auch Löwenzahn, Brennnesseln, Eisvögel, Teichfrösche – kurzum all jene Lebewesen, die einem draußen begegnen können, wenn man denn aufmerksam ist und hinschaut. Genau dazu animiert das Buch. Man könnte es nach dem Lesen versuchsweise dem pubertierenden Nachwuchs vor das Smartphone legen. 

Marc Giraud: Natur am Wegesrand, erschienen 2018 im Haupt Verlag, 256 Seiten, Klappenbroschur, 24,90 Euro

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Jagd. Unsere Versöhnung mit der Natur

Bücher wie dieses sind Indiz und Ursache. Sie zeigen an, dass die Jagd sich langsam aus der klischeeverzerrten Ächtung einer den Tod verdrängenden Gesellschaft befreit. Und zugleich befördern sie diese Entwicklung. Noch vor kurzer Zeit wäre das undenkbar gewesen: Eine mehrfach ausgezeichnete Journalistin und Autorin, die unter anderem für „Brigitte“ und „Spiegel“ schreibt, legt ein Buch über die Jagd vor. Wohlgemerkt nicht als investigativer Angriff auf alte Männer in lodengrünem Wams, sondern als sehr persönliche Erzählung mit tiefem Blick in die eigene Psyche. Dass ein großer Verlag wie Rowohlt das ins Programm genommen hat, darf ebenfalls als Zeichen gedeutet werden. 

Schon deswegen sei „Jagd“ an dieser Stelle empfohlen, auch wenn es nicht in jeder Hinsicht überzeugen kann. Antje Joel erzählt auf verschiedenen Zeitebenen. Ihre zentrale und jüngste Jagderfahrung trägt sich irgendwo in den Weiten Idahos zu, auf Wolfsjagd mit Schneemobilen. Sie beschreibt die zwanghaften Methoden ihrer jagdlichen Ausbilderin in Nordfriesland, springt noch weiter zurück in ihre Kindheit und wieder vor zu beruflichen Verpflichtungen und familiären Bindungen. Der Freitod einer engen Freundin, einer Försterin, wird ihr zum biografischen Dreh- und Angelpunkt. Der gibt den Anstoß, sich mit existenziellen Fragen um Leben und Tod zu befassen und die Jägerprüfung anzugehen. Zuletzt wird die Jagd für die Autorin zur Versöhnung mit der Natur und dem eigenen Sein.

So weit, so lesenswert. Allerdings ist mit „Jagd“ hier eine eher archaische Form der Jagd gemeint, der Überlebenskampf in der Wildnis, nicht der Ansitz auf Sauen und Böcke am Rapsfeld. Mit der Jägerschaft und dem jagdlichen Alltag der norddeutschen Tiefebene kann sich die Autorin nicht wirklich anfreunden. Das Buch bietet durchaus kluge und nachdenkliche Passagen, und es provoziert mit teilweise radikalen Ansichten über Leben und Tod, Jagd und Töten. Mitunter verfällt Antje Noel dabei leider in einen schnoddrigen bis aggressiven Tonfall und hetzt über Tierfreunde, Veganer und Jagdgegner. Da wäre mehr Sachlichkeit angeraten.

Antje Joel: Jagd. Unsere Versöhnung mit der Natur, erschienen 2018 im Rowohlt Verlag, 266 Seiten, Paperback, 14,99 Euro

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111 Gründe, den Wald zu lieben

Ganz gleich, ob man Schweden lieben möchte oder Portugal, die SG Flensburg-Handewitt oder den FC Bayern München, den Tennissport oder das Reisen – in der Sachbuchreihe des Berliner Verlages Schwarzkopf & Schwarzkopf findet sich ein Band mit „111 Gründen“ das zu tun. Gemeinsam sind allen Titeln dieser Reihe ein eher persönlicher und leicht augenzwinkernder Zugang zum jeweiligen Gegenstand und selbstredend die Aufteilung in 111 kurze Abschnitte. Seit diesem Jahr finden sich nun ebenso viele Gründe den Wald zu lieben, den „schönsten Ort der Welt“, wie es im Untertitel heißt. 

Formuliert hat sie der Forstwissenschaftler Simon Abeln. Der Mann ist bekannt als jagdlicher Internetblogger, und auch beruflich ist er als Marketing-Verantwortlicher eines großen Jagdausrüsters mit dem Waidwerk eng verbunden. Er selbst bezeichnet sich als „Nemophilisten“, also als einen Menschen, der den Wald liebt, und zwar „den Wald mit seiner Mystik, seiner Einsamkeit, seinem harzigen Geruch nach dem Regen. Den Wald, der Lebensraum ist für so viele Pflanzen und Tiere und in dem wir Menschen nur als Besucher geduldet sind.“ Kein Wunder also, dass sein Zugang zum Gegenstand rein empathisch ist: gegründet auf solidem Fachwissen, aber erfrischend frei von wertfreier Distanz. 

Abelns 111 Gründe sind ebenso unterhaltsam wie informativ geschrieben: Er lobt den Wald und seine Bewohner, beobachtet Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen und Pilze als Einzelwesen und Lebensgemeinschaften, erläutert die Funktionen als Luftreiniger, Wasserreservoir und Erholungsraum, öffnet die kulturellen und historischen Dimensionen der Mensch-Wald-Beziehung, erklärt Schutzbestrebungen, jagdliche Nutzung und vieles mehr. Auch Leserinnen und Leser mit grünem Abitur werden hier noch Neues erfahren. Und wenn nicht, sollten sie das Buch einfach jemandem schenken, der seine Liebe zum Wald noch nicht entdeckt hat.

Simon Abeln: 111 Gründe, den Wald zu lieben. Ein Buch über den schönsten Ort der Welt, erschienen 2018 im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, 336 Seiten, Paperback, 14,99 Euro

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Honeckers letzter Hirsch

Die Schorfheide nördlich von Berlin ist als Jagdrevier legendär. Vor allem deswegen, weil in kaum einem anderen Revier Jagd und Macht eine stärkere Verbindung eingegangen sind. Seit dem 12. Jahrhundert war die Schorfheide jagdlich dem Adel vorbehalten, und auch nach 1848 blieb die Region im Barnimer Land für Normalsterbliche gesperrt. Von Wilhelm II. sind Fotos vor beeindruckenden Rotwildstrecken bekannt, in der Weimarer Republik bliesen Reichspräsident Ebert und der preußische Ministerpräsident Braun hier das Halali, anschließend übernahm Hermann Göring die Schorfheide und machte sein protziges Anwesen „Carinhall“ zu einem der geheimen Machtzentren des nationalsozialistischen Deutschland. 

Helmut Suter hat die Geschichte der Schorfheide akribisch recherchiert und schon in mehreren Büchern dargestellt. Als Jagdhistoriker arbeitet er immer nah an den historischen Quellen, schreibt dabei durchaus flüssig und illustriert seine Texte reichhaltig mit Fotos, Karten und Dokumenten. Zuletzt hatte der Leiter des Schorfheidemuseums die jagd- und forstwirtschaftlichen Verhältnisse und Entwicklungen bis zum Ende der Monarchie nachgezeichnet. 

Jetzt hat er sich die Jahre nach 1945 vorgenommen. In seinem neuen Buch beschreibt Suter das Jagdwesen in der DDR unter zwei Aspekten: Zum einen wurde mit dem Jagdgesetz von 1953 eine Abkehr vom Reviersystem vollzogen. Die Jagd wurde fortan über staatliche Forstbetriebe und Jagdgesellschaften organisiert. Unter dem Slogan „Die Jagd gehört dem Volke“ erhielten tatsächlich breitere Schichten Zugang zur Jagd. Zum anderen rissen sich Mitglieder des Politbüros die besten Reviere als exklusive Staatsjagdgebiete unter den Nagel und führten darin nicht nur eine zweifelhafte Überhege der Bestände weiter, sondern auch die alte Verbindung von Jagd und Macht. Die Schorfheide sicherte sich Erich Honecker selbst. Einen Tag vor dem Mauerfall erlegte er hier seinen letzten Hirsch. 

Helmut Suter: Honeckers letzter Hirsch. Jagd und Macht in der DDR, be.bra Verlag 2018, 224 Seiten, zahlreiche Abbildungen, gebunden, 26,00 Euro

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Beute

Um es gleich vorweg zu sagen: wäre in dieser Rubrik ein Jagdbuch des Jahres [2018] zu küren, stünde das Ergebnis schon fest. Es wäre Pauline de Boks „Beute“. Als Gesamtsieger. Von dieser niederländischen Autorin liegt bereits ein wunderbares Buch in deutscher Übersetzung vor, nämlich „Blankow oder Das Verlangen nach Heimat“. Das ist eine Art Reisereportage in die Vergangenheit. Es handelt davon, wie sich die Autorin für eine Auszeit auf ein halb verfallenes mecklenburgisches Gut zurückzieht, um dann aus ihren alltäglichen Verrichtungen, Fundstücken, Gesprächen, Erinnerungen und Recherchen fast 200 Jahre Geschichte lebendig werden zu lassen. 

Ihr jetzt ins Deutsche übersetztes Buch „Beute“ ist zunächst ähnlich angelegt: Wieder ist die Autorin allein im stillen Land Mecklenburg, das sie mittlerweile als „zweite Heimat“ bezeichnet, und wieder ist es eine Art Reportage. Die führt aber diesmal nicht in die Vergangenheit, sondern ins Innerste der Autorin. Denn das Buch ist Ergebnis eines Experiments, um nicht zu sagen eines Selbstversuchs. Pauline de Bok hat die Jägerprüfung gemacht, eigentlich als Recherche für einen Roman („De Jaagster“ ist 2014 erschienen, aber noch nicht ins Deutsche übersetzt). Versehen mit einem Begehungsschein geht sie nun rund um ihr Gehöft zur Jagd. Und die verändert ihr Leben, nimmt sie vollständig ein, wird zum Dreh- und Angelpunkt ihres Alltags und richtet ihren Blick auf Mensch, Natur und das eigene Handeln neu aus.

Weit entfernt von jeglicher „Ich-kam-sah-und-schoss-es-tot“-Lyrik erzählt de Bok von einsamen Pirschgängen, nächtlichen Ansitzen, Wildbeobachtungen im Morgengrauen oder Begegnungen mit Jägern. Sie nimmt ihre Leser mit auf Ernte- und Drückjagden, auch in die Wildkammer oder vielmehr in den eigenen Stall, wo sie erlegtes Wild zerwirkt. Sie verschweigt nicht ihre zwiespältigen Gefühle nach dem Schuss, reflektiert klug Jagdtrieb und moralische Verantwortung, denkt über das Töten von Tieren nach und über eine Gesellschaft, die davon nichts wissen will, aber immer mehr Fleisch konsumiert. Und sie legt den Finger schmerzhaft in manch offene Wunde der Jagd, etwa da, wo Brauchtum und neue wildbiologische Erkenntnisse kollidieren. Nicht zuletzt ist das Buch auch noch brillant geschrieben. Chapeau oder Hoed af!

Pauline de Bok: Beute. Mein Jahr auf der Jagd, erschienen 2018 im Verlag C.H. Beck, 272 Seiten, gebunden, 19,95 Euro

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Der Drilling

Für den Wildtiermanager ist der Drilling nicht die Waffe der Wahl. Den wird man eher mit Kunststoffschaft und Schalldämpfer sehen. Der Drilling hingegen ist sowas wie die Waffe gewordene deutsche Waidgerechtigkeit. Über Jahrzehnte war er die „Försterwaffe“ schlechthin, eine Waffe für (fast) alle Gelegenheiten, mit Einstecklauf sogar schonzeitgeeignet. Und günstig in der Anschaffung war er auch, weil alle gängigen Hersteller ihn relativ schmucklos und in großer Zahl fertigten. Dabei ist zumindest ein Standard-Drilling eigentlich für keine Jagdart wirklich perfekt: für den Entenstrich zu unausgewogen, für die Pirsch zu schwer, für den Ansitz zu unpräzise und für die Drückjagd fehlt die schnelle zweite Kugel. Deswegen ist der Drilling heute zwar Kult, aber im jagdlichen Alltag selten geworden.

Dennoch hat Norbert Klups seine auf vier Bände angelegte Edition der beliebtesten Jagdwaffen mit einer Monografie über den Drilling eröffnet (Doppelbüchse, Repetierer und Flinte sollen in den kommenden Jahren folgen). Beginnend mit der Entwicklungsgeschichte stellt der bekannte Autor und Schießtrainer detailliert die unterschiedlichen Bauarten und Konstruktionsmerkmale vor, beschreibt Serienmodelle und Hersteller sowie Einzelanfertigungen und typische Gravuren, erklärt, worauf beim Kauf eines gebrauchten Drillings und bei der Pflege zu achten ist und gibt schließlich Tipps zum Einschießen. 

Dieses Buch ist mehr als nur ein Coffee Table Book für Waffenliebhaber. Es ist wirklich informativ, ohne trocken daherzukommen, wozu auch die ästhetische Bebilderung beiträgt. Nach der Lektüre holt man den geerbten Drilling aus dem Schrank und wischt verschämt den Staub ab. Etwas ärgerlich sind aber die einleitenden Beiträge über zwei bekannte Unternehmen, die ganz zweifellos in den Bereich „PR und Werbung“ gehören. Das wäre an sich ja nicht verwerflich, zumal Verkaufsauflage und Herstellungskosten eines derart aufwändigen Bandes vermutlich in einem schwierigen Verhältnis stehen. Aber man hätte es als Anzeigen kennzeichnen und deutlich vom Sachtext abgrenzen können.     

Norbert Klups: Der Drilling, erschienen 2017 im Heel Verlag, 192 Seiten, Großformat gebunden im Schuber, 49,95 Euro

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Wildtiermanagement

Für die einen bezeichnet „Wildtiermanagement“ einen zeitgemäßen Umgang mit Wildtieren, für die anderen das Ende aller Waidgerechtigkeit. Von Esoterikern einmal abgesehen bezweifelt aber wohl niemand, dass es heute menschlicher Eingriffe und Steuerungsprozesse bedarf, um Lebensräume von Tieren zu erhalten, Populationsgrößen zu regulieren und Interessen des Menschen zu wahren. Aber längst noch nicht auf allen Seiten hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass dies nur in Zusammenarbeit von Politik und Verwaltung, Forst- und Landwirtschaft, Jagd und Naturschutz erfolgreich praktiziert werden kann. 

Das hier angezeigte Buch geht von dieser Einsicht aus und bietet eine weit gefächerte Einführung in das Thema. Ein Schweizer Autorenteam hat es – unterstützt von namhaften Forschern und Praktikern – aus wissenschaftlichen Arbeiten, Interviews, Schulungsunterlagen für die Aus- und Weiterbildung und eigenen Erfahrungen im Wildtiermanagement zusammengestellt. Das richtet sich zuerst an Studierende der entsprechenden Fachbereiche, versteht sich aber auch als Leitfaden und Handreichung an Behörden und Vertreter der „grünen Berufe“. Freunden lieblicher Lektüren sei daher abgeraten: es ist ein Fachbuch, das über weite Teile den Charme einer Hauptseminarsarbeit versprüht. 

In der Sache aber gibt das Buch einen guten Überblick über die Grundlagen, Methoden, Problemfelder und Ziele des Wildtiermanagements. Der Hauptteil behandelt einzelne Wildarten, und zwar strukturiert unter dem Aspekt, ob die Arten gefährdet und daher besonders zu schützen sind (wie z.B. Auerhuhn, Feldhase oder Ringelnatter), einer stetigen Regulierung bedürfen (wie z.B. Rothirsch, Fuchs oder Biber) oder im Bestand reduziert werden müssen (Wildschwein, Kormoran und Schermaus). Außerdem wird die Problematik der Neozoen behandelt, wobei hier leider Arten wie Waschbär und Marderhund fehlen. Das Schlusskapitel zur Zukunft des Wildtiermanagements endet mit einem Appell für einen respektvollen Umgang mit unserer Mitwelt.         

Klaus Robin, Roland F. Graf, Reinhard Schnidrig: Wildtiermanagement. Eine Einführung, erschienen 2017 im Haupt Verlag Bern, 335 Seiten, gebunden, 59,00 Euro

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Die Gleichung des Lebens

Die Renaturierung einstmals trockengelegter Moore ist ein großes Thema. Denn heute weiß man, dass gesunde Moorkörper Kohlendioxid speichern und Lebensräume einzigartiger Biozönosen bilden. Moore dienen dem Klima- und Artenschutz. Dennoch ist die Renaturierung oft nicht unumstritten. Wo extensiv genutzte Weideflächen oder Naherholungsgebiete im sauerstoffarmen Wasser ersaufen, sorgt das oft für Ärger. Nicht allen gefällt die Vorstellung, die Uhren zurück zu drehen in eine Zeit, als aus den großen Sümpfen und Mooren unter unvorstellbaren Strapazen urbares Land gemacht wurde. 

Genau dorthin führt Norman Ohlers Roman, genauer gesagt in den Sommer des Jahres 1747. Friedrich der Große will das von Fischern und Kätnern bewohnte Oderbruch in Ackerland verwandeln. Hier sollen Kartoffeln wachsen und Rinder weiden, er will Menschen aus dem Süden ansiedeln. Also lässt er mit gewaltigem Aufwand Entwässerungsgräben und Deiche anlegen. Aber nicht nur Mücken, Malaria und Biber machen die Arbeiten zur Tortur. Mancherorts regt sich Widerstand unter denjenigen, die seit Jahrhunderten mit und von dem Wasser leben und die der Kartoffel ebenso ablehnend gegenüberstehen wie den fremden Kolonisten. Die wendischen Fischer fürchten das Ende ihrer Welt. 

Das Buch besticht durch eine atmosphärische Dichte, die einen förmlich eintauchen lässt in die Odersümpfe und das 18. Jahrhundert. Dabei ist „Die Gleichung des Lebens“ auch ein spannender historischer Krimi: Ein Ingenieur wird ermordet, Friedrich entsendet den Mathematiker Leonhard Euler an die Oder, um die ausstehenden Berechnungen anzustellen. Der zweifelt mehr und mehr an der Sinnhaftigkeit des gesamten Vorhabens. Stattdessen interessiert er sich für die Mordumstände, erliegt beinahe selbst dem Sumpffieber und findet am Ende heraus, wer den Ingenieur ermordet hat.

Norman Ohler: Die Gleichung des Lebens, erschienen 2017 im Verlag Kiepenheuer & Witsch, 416 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 22,00 Euro

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„Der Blase“

Im Jahr 1936 erschien erstmalig ein Buch mit Fragen und Antworten zur Jägerprüfung. Formuliert hatte die ein Veterinär namens Dr. Richard Blase (1900-1981). Offensichtlich fand diese pragmatische, direkt an der Prüfung orientierte Aufbereitung des Lehrstoffs sofort den Zuspruch der Jagdscheinanwärter, denn bis in die vierziger Jahre erlebte das Buch fünf weitere Auflagen. Und schon kurz nach Kriegsende war es wieder zu haben, jetzt freilich ohne Hakenkreuz und Führerhuldigung im Vorwort. Bis heute gilt „der Blase“ als jagdliches Standardwerk, mehr als 560.000 Exemplare sind davon verkauft. 

Generationen von Jägern haben nach dieser Methode fürs „grüne Abitur“ gebüffelt. Wer einmal in älteren Ausgaben schmökert, bekommt eine Ahnung davon, wie sich die Inhalte und damit der Umfang stetig verändert und vermehrt haben. Die Originalausgabe hatte nur knapp 200 Seiten, deutliche Schwerpunkte waren (jagdbare) Wildtiere, Waffenkunde und Hundewesen. Mit jeder Neuauflage nahm die Zahl der Fragen zu, Themen wurden erweitert oder zusätzlich aufgenommen, beispielsweise Jagdrecht, Hygiene, Feld- und Waldbau oder Naturschutz. 1965 waren es schon 527 Seiten, die Ausgabe von 1988 umfasst 876 Seiten und die aktuelle bringt es auf stattliche 936 Seiten. Das ist mittlerweile die 32. Auflage, herausgegeben von Joachim Reddemann, dem Hauptgeschäftsführer des LJV Bayern.

Schon für die vorletzte Auflage waren alle Kapitel sowie die Anhänge grundlegend überarbeitet und aktualisiert worden. Fragen und Antworten sind seitdem in Grund- und Aufbauwissen unterteilt. Aber selbst das Grundwissen ist eine geballte Ladung, und manch einer dürfte beim Durcharbeiten den verzagten Beschluss fassen, lieber nicht zur Prüfung anzutreten und stattdessen Jagdhelfer auf Lebenszeit zu bleiben. Wer sich aber durchbeißen will, findet in „dem Blase“ nach wie vor ein effizientes Lehr- und Lernmittel. Dank des umfangreichen Registers lässt sich das Buch über die Jägerprüfung hinaus auch als Nachschlagewerk nutzen.

Blase – die Jägerprüfung, 32. Auflage 2017, hrsg. von Joachim Reddemann, Quelle & Meyer Verlag, 936 Seiten, gebunden, 39,95 Euro 

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Die Treibjagd

Auch wenn der Titel das nahelegt, ist Antonin Varennes Kriminalroman kein Jagdkrimi im engeren Sinne. Er spielt zwar im französischen Hinterland, im Limousin, in der grandiosen Landschaft am Fuß des Massiv Central, und im Mittelpunkt der Handlung steht ein Revierjäger namens Rémi Parrot. Es kommen auch eine große Gesellschaftsjagd und Wildschweine in unterschiedlichen Rollen vor. Eine Art französischer Western ist das, inszeniert in wilder Natur, mit archaisch anmutenden Ritualen und gelegentlich brachialer Gewalt zwischen Männern. Aber das alles ist nur die Kulisse der eigentlichen Krimihandlung.

Die titelgebende „Treibjagd“ ist vielmehr eine Metapher: Der Revierjäger gerät zwischen die Fronten zweier verfeindeter Familienclans. Die Messenets betreiben Viehzucht in großem Stil, die Courbiers ein Sägewerk. Als letzte Arbeitgeber der Region haben sie längst die Macht übernommen. Ein militanter Öko-Aktivist verschwindet, Rémi Parrot beteiligt sich an der Suche, findet den Mann (erwartungsgemäß ermordet) und begreift schnell, dass es hier um ein Umweltverbrechen geht. Die „Treibjagd“ richtet sich gegen ihn, und weil sowas einfach zum Genre gehört, kämpft der von Jugend an körperlich entstellte Rémi nebenbei auch noch um die Liebe der schönen Michèle. 

Varenne erzählt die Story packend und schnörkellos. Für seine klare Sprache wird er im Feuilleton gefeiert. Sein letzter Roman räumte in Frankreich mehrere Preise ab, und „Die Treibjagd“ hat es auch hierzulande bereits in die Krimi-Bestenlisten geschafft. Durchaus zu recht. Leser mit grünem Abitur müssen allerdings über kleinere fachsprachliche Schwächen hinwegsehen: Da wird „seit Menschengedenken“ mit „Benelli-Flinten“ auf Wildschweine gejagt, „Weibchen“ sinken „von Schüssen durchsiebt“ zu Boden und die „Abschussquote“ beträgt nach einer Stunde „fünfundachtzig Tiere“. Wer darüber hinweglesen kann, wird einen wirklich guten Krimi lesen.

Antonin Varenne: Die Treibjagd, erschienen 2017 im Penguin Verlag, 304 Seiten, Taschenbuch, 10,00 Euro

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