Dr. Volker Pesch

Ein Blog über Natur & Jagd in den Medien

Kategorie: Fundstücke (Seite 1 von 2)

Ein Fundstück

Manche lesen ‚Landlust‘,
andere halten Hühner.

Das lass‘ ich für heute einfach mal so stehen …
(eine Überschrift im OZ-Journal vom 14./15.09.2019)

MeLa, Meler, am Melsten

Heute beginnt in Mühlengeez bei Güstrow die 29. MeLa, die alljährliche Agrarschau des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Rund 1000 Aussteller werden dort sein und voraussichtlich über 70.000 Besucherinnen und Besucher. Tiere, Technik, Nahrungsmittel – Landwirtschaft zum Anfassen ist ganz sicher auch in diesem Jahr ein Besuchermagnet.

Für die Medien gibt sich die Veranstaltung total klimafreundlich. Wäre das irgend möglich, hätte Landwirtschaftsminister Backhaus ganz sicher Greta Thunberg zur Eröffnungsveranstaltung eingeladen oder wenigstens eine Videobotschaft überbringen lassen. Die Rolle müssen nun die Bauern- und Bienenverbandsvertreter selbst spielen.

Tier der MeLa 2019 ist das Rheinisch-Deutsche Kaltblut – ein Arbeitspferd, das längst in der Landwirtschaft keinen Platz mehr hat und heute nur noch von wenigen Liebhabern alter Rassen gezüchtet wird. Im Unterschied zum Hochleistungsvieh, das im internationalen Wettbewerb um die dicksten Keulen und prallsten Euter steht. Auf dem Außengelände werden auch historische Landmaschinen präsentiert, aber im Zentrum der Aufmerksamkeit dürfte die neueste Generation von Nutzfahrzeugen nebst sämtlicher Gerätschaften für Bodenbearbeitung und chemischen Pflanzenschutz stehen (Stichwort: SmartFarming). Der Imkerverband wird seinen Stand möglicherweise mit einem Lüneburger Stülper dekorieren, jenem Strohkorb, der sinnbildlich für die gute alte Zeit steht. Um dann mit dem „Bienofon“ in eine moderne Maximalertragsbeute zu horchen.

Nein – das historisierende Kolorit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die MeLa auch 2019 dem Dreiklang von Leistungssteigerung, Effizienz und Kostenminimierung folgt. Alles andere ist im besten Fall nettes Beiwerk.

Wolfsland MeckPomm

In einer Pressemitteilung vom 5.09.2019 informiert das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern über den Stand der Populationsentwicklung der Wölfe. Demnach haben 3 neue Rudel in diesem Jahr Nachwuchs bekommen, damit lebten jetzt 7 Rudel (Jasnitz, Kaarzer Holz, Retzow-Jännersdorfer Heide, Nossentiner Heide, Müritz-Nationalpark, Torgelow, Ueckermünder Heide) und 2 Wolfspaare (Lübtheen, Billenhagen) im Land. Zudem gebe es weitere Vorkommen mit noch unklarem Status. (Foto: Wikipedia)

MeckPomm ist also nicht mehr Wolfserwartungsland, sondern echtes Wolfsland. Und das weniger als 2 Jahrzehnte nach den ersten Einzelsichtungen der neuen Zeit. Die gesellschaftliche Wahrnehmung und die politische Gestaltung dieser Entwicklung hinken allerdings hinterher wie ein Quasimodo im Buchenrauschen. In der vollständig von Menschenhand geformten Kulturlandschaft wird sich eine aktive Steuerung nicht vermeiden lassen, gerade wenn und weil die Rückkehr der Wölfe auf Dauer mehrheitlich begrüßt oder wenigstens akzeptiert werden soll.

Faszinierende Bilder zum Wolf bietet der neue Bildband Das Leben unserer Wölfe. Informationen aus Mecklenburg-Vorpommern finden sich auch auf der Internetseite des Beauftragten für das Wolfsmanagement Norman Stier unter www.wolf-mv.de.

Schutz durch Nutzung

Im aktuellen Heft von bienen & natur, dem Praxismagazin für Imker und Bienenfreunde, weist Bernhard Heuvel darauf hin, dass bei alten Obst- und Gemüsesorten oder gefährdeten Nutztierrassen ganz selbstverständlich das Prinzip „Erhaltung durch Nutzung“ gelte (ab Seite 7). Solch ein ausgeglichenes Geben und Nehmen zwischen schützenswerter Art und Anbauer bzw. Halter sei nachhaltig, schreibt Heuvel, der in diesem Zusammenhang eine Bienenhaltung ohne Honiggewinnung kritisiert.

Wir Jäger kennen das als Naturschutzkonzept unter dem Signet „Schutz durch Nutzung“. Wer nachhaltig Wildtiere bejagt und auf lange Sicht bejagen will („nutzt“), tut das artgerecht und schützt deren Habitate – das heißt: die Gesamtheit ihrer Flora und Fauna. Das eigene Interesse ist Motivation, die Jagd nicht nur auf maximalen Ertrag auszurichten. Dagegen stehen Schutzkonzepte, die keine Nutzung vorsehen.

Heuvels Hinweis geht in die richtige Richtung. Allerdings dürfte in der heutigen Imkerei überwiegend die maximale Honiggewinnung im Vordergrund stehen. Jeder Tropfen wird geerntet, und die Bienen überwintern auf billigem Zucker. Imkerei ist leider allzuoft eine Art Massentierhaltung im Baukastensystem und alles andere als artgerecht. Nicht wenige vermuten, dass die Anfälligkeit der Honigbienen für Krankheiten und Parasiten auch hausgemacht ist.

Der goldene Weg dürfte wie so oft durch die Mitte führen: weder Verzicht auf jegliche Honiggewinnung, noch Orientierung am maximalen Ertrag. Auch in artgerechter Bienenhaltung lässt sich durchaus Honig ernten.

Unglaubwürdig

Wie sich mit einer fetten Schlagzeile auf dem Titel die Glaubwürdigkeit der Jägerschaft torpedieren lässt, zeigt die jüngste Ausgabe der DJZ: „Top-Trophäen – Füttern hilft!“ Eine echte Steilvorlage für alle, die der Jägerschaft vorwerfen, aus Trophäengeilheit zu handeln und mit der Hege den notwendigen Waldumbau zu behindern (siehe hier zuletzt die Beiträge Ohne Hemmungen auf Rehwild? und Jagdkunde).

Das wütende Editorial zum Heft von Chefredakteur Rolf Roosen ist zwar in der Sache durchaus nachvollziehbar, aber sprachlich alles andere als eine Einladung zum Diskurs. In unserer Zeit, deren Geist nicht gerade auf Seiten der waidgerechten Jagd steht, ist das wenig hilfreich.

Ohne Hemmungen auf Rehwild?

In Heft 1/2019 der „Ökojagd“, dem Magazin des Ökologischen Jagdverbandes, schreibt Georg Meister über das Reh als „Zuchtobjekt“ einer trophäenorientierten Jägerschaft. Der 1929 geborene Forstwissenschaftler und Sachbuchautor ist Mitgründer und Ehrenmitglied des ÖJV Bayern.

Meister schlägt einen weiten Bogen vom Leben der Rehe in den europäischen Urwäldern über die Folgen der Sesshaftwerdung des Menschen, die populationsdynamischen Auswirkungen der jagdrechtlichen Änderungen von 1848 und mit dem Reichs- und Bundesjagdgesetz bis in die Gegenwart. Ein langer Artikel – dessen Ergebnis nicht wirklich überrascht: Ein effektiver Waldumbau von „Nadelholzplantagen“ zu „stabilen Mischwäldern“ werde nur gelingen, wenn endlich der Grundsatz „Wald von Wild“ durchgesetzt werde. Der müsse eigentlich besser „Zukunftswald vor Trophäenjagd“ lauten, schreibt Meister. „Alle Hemmnisse“ seien abzubauen, die eine „rasche Anpassung des Rehwildbestandes an die Landeskultur“ behinderten.

Es ist die bekannte ÖJV-Position, wie sie zuletzt beispielsweise auch Eckhard Fuhr in seinem Buch „Jagdkunde“ vertritt (siehe Rezension in diesem Blog). Als solcherart „Hemmnisse“ gelten das sachliche Verbot des Schrotschusses auf Rehwild, jegliche Beschränkungen der Freigabe bei den Drückjagden und die herbstliche Schonzeit für Böcke.

Waldpolitisch und wildbiologisch kann man vielleicht so argumentieren. Der Schrotschuss auf kurze Distanz tötet tierschutzgerecht (er war früher gang und gäbe und ist in anderen Ländern erlaubt), Drückjagden wären hinsichtlich der Reduktion des Rehwilds zweifellos effizienter, und biologisch ist es ohne Belang, ob der Bock mit oder ohne Gehörn erlegt wird. In vielen der neueren Landesjagdgesetze haben diese Positionen bereits Niederschlag gefunden.

Aber Rehe sind nicht nur „kleine braune Waldscheren“! Über den waldpolitischen und wildbiologischen Argumenten stehen tierschutzrechtliche. Rehe sind schmerzempfindliche Wirbeltiere, und die Vermeidung von Tierleid ist auch jagdlich ein hohes Gut. Wenn der Schrotschuss erst erlaubt ist, wird die eine oder andere Garbe auf 50 und mehr Meter abgefeuert werden, auch auf flüchtige Stücke, sei es in Selbstüberschätzung oder schlicht im Eifer des Gefechts. Die Tötungswirkung der Schrote sinkt mit jedem Meter, die Verletzungsgefahr steigt. Und die Nicht-Freigabe von Böcken auf der Drückjagd diszipliniert die Schützen, denn sie zwingt zu genauem Ansprechen und überlegter Schussabgabe. Wenn nicht Naserümpfen und Strafzahlungen drohen, werden nicht nur Böcke auf der Strecke liegen, sondern auch Ricken ohne zugehörige Kitze und viel zerschossenes Wild, das kaum noch zu verwerten ist.

Für den Einzelansitz spricht sicherlich wenig dagegen, die Schonzeit für Böcke zu verkürzen, zumindest biologisch. Wer in Trophäen ohnehin nur Staubfänger sieht, mag seine Böcke im Januar schießen. Wer darin Erinnerungsstücke, Respektsbezeugungen oder schlicht gutes Waidwerk sieht, kann ja auch weiterhin ab Mitte Oktober den Finger gerade lassen. Dem Wald ist’s so oder so egal: auch beim Rehwild sind die männlichen Stücke nicht die Zuwachsträger.

 

Paranoia der Medien?

Florian Asche ist kein Leisetreter. Im Gegenteil: wer Bücher mit Titeln wie „Jagen, Sex & Tiere essen“ oder „Kannst Du mal die Leber halten?“ (ein Kinderbuch!) veröffentlicht, liebt wohl den schwungvollen Auftritt. Es darf vermutet werden, dass er die medialen Regeln der Aufmerksamkeit ganz genau kennt und mit sicherer Hand bedient. Diese Vermutung nährt auch seine Kolumne „Asches letzter Bissen“ in Wild und Hund. Titel der aktuellen Folge: „Paranoia 2019. Unsere Freude am Weltuntergang.“ (WuH Nr. 16/2019, S. 112)

Umso mehr überrascht es, wenn ausgerechnet Asche darin zur allgemeinen und undifferenzierten Medienschelte anhebt. Die Ernteprognose 2019 des Deutschen Bauernverbandes im Wirtschaftsteil der FAZ reicht ihm als zentrale Wissensquelle, um den Klimawandel zu leugnen und kritische Medien wie ZEIT oder taz als politische Kampfinstrumente zu diffamieren. Und mit Verweis auf die historische Borkenkäferkalamität nach dem Krieg relativiert er die aktuelle Problematik. Seine Kolumne gipfelt in der Aussage, Fakten seien mittlerweile nur eine „Belastung“ für die Medien. In wessen Horn stößt er denn da?

Sicher gilt immer noch die alte Regel, „only bad news are good news“, und bekanntermaßen schlägt manche Schlagzeile weit über die Zeile hinaus. Im konkreten Fall könnte man aber leicht entgegnen, eine überwältigende Mehrheit der seriösen WissenschaftlerInnen und in der Folge auch WissenschaftsjournalistInnen gehe heute nunmal davon aus, dass es den Klimawandel gebe und wir aktuell dessen Vorboten und Zeichen erlebten. Ergo sagten und schrieben sie das auch so. Übrigens auch in der FAZ.

Aber hier geht es um einen anderen Punkt: Die pauschale Medienschelte ist einfach ärgerlich und sachlich falsch! Sie steht auch „Wild und Hund“ nicht gut zu Gesicht. Niemals zuvor in der Geschichte und nirgends sonst hatten und haben Menschen mehr, unterschiedlichere und freiere Medien zur Verfügung als hier und heute. Wer sich ausgewogen informieren will, hat dazu alle Möglichkeiten, in Text, Bild und Ton, analog oder digital, monographisch oder interaktiv. Er/sie muss nicht die ZEIT lesen, und niemand zwingt zur Lektüre der taz. Aber die Ernteprognose des DBV allein wird wohl eher nicht ausreichen, sich ein fundiertes Bild zu einem komplexen Problem wie dem Klimawandel zu machen.

Initiative Waidgerechte Jagd

Seit kurzem online ist die Initiative „Waidgerechte Jagd“ auf https://waidgerechte-jagd.de. Sie will ein aufgeklärtes Bild der Jagd vermitteln, will Jägern einen „Wertekompass für ihre jagdliche Praxis“ und Nichtjägern „Informationen über eine aufgeklärte und moderne Form der Jagd“ bieten. Mithin eine Jagd, „die durch aktiven Tier- und Naturschutz Lebewesen, Gesellschaft und Jäger eint.“ Partner sind u.a. Halali, Jaeger und Pirsch sowie diverse Markenhersteller und Händler wie Frankonia (verantwortlich laut Impressum).

Klingt nach einer guten Idee! Einstweilen finden sich auf den Seiten einige Fragen & Antworten, die sich vor allem an Nicht-Jäger richten dürften (z.B. „Sind Jäger Mörder?“), 12 Leitsätze zur Zukunft der Jagd und die drei Siegerfilme des Sophie Award 2019, dem Jagdfilm-Wettbewerb von DJV und Jagdstolz.

Elch im Sommerloch

Ein Elch hat bei Pasewalk die grüne Grenze überschritten und wandert nun durch Vorpommern. Das berichten seit gestern mehrere Medien (z.B. Ostseezeitung, der Nordkurier und Die Welt). Alle Jahre wieder kommen Jungbullen aus Polen ins Land, um sich eigene Reviere und Elchtiere zu suchen – vergeblich! Denn in Mecklenburg-Vorpommern sind zwar die Sommerlöcher ausgedehnt, nicht aber die Feuchtgebiete. Elche lieben einfach weite und gemischte Habitate mit Wald, Offenland und Wasser. Mais- und Ratschläge sind weniger ihr Ding.

Es ist also unwahrscheinlich, dass wir nach Biber und Wolf einen weiteren „Rückkehrer“ begrüßen können. Meist verschwinden die Elche wieder ebenso plötzlich, wie sie aufgetaucht sind. Weniger glückliche Exemplare werden von Zeitungsleserinnen und -lesern „Pommes“ getauft und landen im Rostocker Zoo (so geschehen 2017).

Wem gehört die Natur?

2018 sorgte der Film „Auf der Jagd – wem gehört die Natur?“ von Alice Agneskirchner für Diskussionen nicht nur in der Jägerschaft (Trailer bei YouTube). Mittlerweile ist er als DVD, Blue-ray und Stream erhältlich (z.B. bei amazon). Grund genug, ihn vom heimischen Sofa aus noch einmal anzuschauen.

Laut offizieller Ankündigung ist der Film „wie ein spannender Waldspaziergang, bei dem man unverhofft einer Seite unserer Natur begegnet, die einem sonst verborgen bliebe“. Letzteres kann für Jäger wohl kaum gelten. Aber die langen Kameraeinstellungen, spärlichen Wortbeiträge und seltenen Kommentare lassen einen durchaus eintauchen in den Wald – und über 100 Minuten wohlig im Sofa versinken. 

Agneskirchner zeigt den Wald als bedrohten Lebensraum des Wildes, Kapital der Forstwirtschaft und Jagdrevier von Mensch und Wolf. Und das durchaus ausgewogen: keine der widerstreitenden Positionen wird verächtlich gemacht, niemand wird vorgeführt, weder Jäger noch Forstwirte oder andere Protagonisten werden lächerlich gemacht. Die Jägerschaft kommt sogar ausgesprochen gut weg, auch weil die Jägerinnen und Jäger im Film allesamt ihre Positionen reflektieren und besonnen argumentieren.

Es darf allerdings bezweifelt werden, dass Zuschauerinnen und Zuschauer ohne Vorkenntnisse über die hier thematisierten Konflikte – beispielsweise die Wald-Wild-Problematik oder die Notwendigkeit eines ausgewogenen Altersklassenaufbaus in Wildtierpopulationen – dem Film in allen Teilen folgen können. Hier wären vielleicht doch erklärende Kommentare sinnvoll gewesen, auch wenn sie zweifellos die Ästhetik des Gesamtkunstwerks gestört hätten.

 

 

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