Dr. Volker Pesch

Ein Blog über Natur & Jagd in den Medien

Monat: September 2019

Pirschgang auf Abwegen (III)

Die Kolumne im Blog auf volkerpesch.de

Ich überlege ernsthaft, mich zum zertifizierten Waldbademeister ausbilden zu lassen. Handwerk hat goldenen Boden, heißt es schließlich, und der Meistertitel sicherte die Qualität meiner Arbeit. Sollte es demnächst für Schreiber wie mich keine Publikationsmöglichkeiten mehr geben, weil Peter Wohlleben bundesweit die Exklusivrechte an sämtlichen Naturthemen übertragen worden sind, hätte ich noch ein festes Standbein.

Besser wäre natürlich ein Waldbadediplom, immerhin hat das deutsche Diplom einen hervorragenden Ruf in der ganzen Welt. Wenn meine Lateinkenntnisse noch verlässlich sind, wäre das ein Dipl. nat. silv. (natare in silva). „Da hat man was in der Hand“, würde Evelyn Hamann sagen, und ich pflichte ihr da voll und ganz bei. 

Sie halten das für einen Scherz? Mit Verlaub, dann sind Sie aber schlecht informiert! Denn Waldbaden liegt voll im Trend. In Japan kennt man es schon lange als shinrin-yoku, und als forest therapy oder eben Waldbaden schwappt es seit ein paar Jahren mit dem Schwung der Erleuchtung auch in unsere Körper, Wälder und Therapieangebote über.

Wissenschaftler der Uni München haben übrigens herausgefunden, dass da im Wald wirklich was mit den Badenden passiert. Studien zufolge wirken das gedämpfte Licht, die Gerüche (Terpene!), das Rascheln von Laub und die sauerstoffreiche Luft beruhigend und ausgleichend, stärken die Abwehrkräfte und verbessern die Schlafqualität. Biochemisch gesehen steigt der Melatoninspiegel im Blut und sinkt der Kortisolspiegel. Ob und inwieweit Waldbaden auch der Krebsvorsorge dient, wird derzeit erforscht.

Leider habe ich noch keine passenden Studiengang gefunden. Die Deutsche Akademie für Waldbaden & Gesundheit beispielsweise bildet immerhin zum „Kursleiter für Waldbaden“ aus. Das klingt mir aber zu stark nach Volkshochschule. Da interessierte mich eher die Weiterbildung zum „Natur-Resilienz-Trainer“, schon des Fremdworts wegen. Vielleicht werde ich mich dort anmelden.

Nun werden Jägerinnen und Jäger möglicherweise mit den Schultern zucken. Natürlich ist es entspannend und beglückend, im Wald zu sein – ja und? Wer einen echten Grund dazu sucht, sollte das grüne Abitur machen, da ist Waldbaden inklusive. Ich wollte Sie auch nur vorwarnen: Neben Joggern, Spaziergängern, Pilzsammlern, Motocrossern und Geo-Cachern werden Sie im Revier zunehmend auch auf Waldbader treffen. Es besteht aber Grund zur Hoffnung, dass die sich eher still verhalten.

Ein Fundstück

Manche lesen ‚Landlust‘,
andere halten Hühner.

Das lass‘ ich für heute einfach mal so stehen …
(eine Überschrift im OZ-Journal vom 14./15.09.2019)

MeLa, Meler, am Melsten

Heute beginnt in Mühlengeez bei Güstrow die 29. MeLa, die alljährliche Agrarschau des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Rund 1000 Aussteller werden dort sein und voraussichtlich über 70.000 Besucherinnen und Besucher. Tiere, Technik, Nahrungsmittel – Landwirtschaft zum Anfassen ist ganz sicher auch in diesem Jahr ein Besuchermagnet.

Für die Medien gibt sich die Veranstaltung total klimafreundlich. Wäre das irgend möglich, hätte Landwirtschaftsminister Backhaus ganz sicher Greta Thunberg zur Eröffnungsveranstaltung eingeladen oder wenigstens eine Videobotschaft überbringen lassen. Die Rolle müssen nun die Bauern- und Bienenverbandsvertreter selbst spielen.

Tier der MeLa 2019 ist das Rheinisch-Deutsche Kaltblut – ein Arbeitspferd, das längst in der Landwirtschaft keinen Platz mehr hat und heute nur noch von wenigen Liebhabern alter Rassen gezüchtet wird. Im Unterschied zum Hochleistungsvieh, das im internationalen Wettbewerb um die dicksten Keulen und prallsten Euter steht. Auf dem Außengelände werden auch historische Landmaschinen präsentiert, aber im Zentrum der Aufmerksamkeit dürfte die neueste Generation von Nutzfahrzeugen nebst sämtlicher Gerätschaften für Bodenbearbeitung und chemischen Pflanzenschutz stehen (Stichwort: SmartFarming). Der Imkerverband wird seinen Stand möglicherweise mit einem Lüneburger Stülper dekorieren, jenem Strohkorb, der sinnbildlich für die gute alte Zeit steht. Um dann mit dem „Bienofon“ in eine moderne Maximalertragsbeute zu horchen.

Nein – das historisierende Kolorit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die MeLa auch 2019 dem Dreiklang von Leistungssteigerung, Effizienz und Kostenminimierung folgt. Alles andere ist im besten Fall nettes Beiwerk.

Wolfsland MeckPomm

In einer Pressemitteilung vom 5.09.2019 informiert das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern über den Stand der Populationsentwicklung der Wölfe. Demnach haben 3 neue Rudel in diesem Jahr Nachwuchs bekommen, damit lebten jetzt 7 Rudel (Jasnitz, Kaarzer Holz, Retzow-Jännersdorfer Heide, Nossentiner Heide, Müritz-Nationalpark, Torgelow, Ueckermünder Heide) und 2 Wolfspaare (Lübtheen, Billenhagen) im Land. Zudem gebe es weitere Vorkommen mit noch unklarem Status. (Foto: Wikipedia)

MeckPomm ist also nicht mehr Wolfserwartungsland, sondern echtes Wolfsland. Und das weniger als 2 Jahrzehnte nach den ersten Einzelsichtungen der neuen Zeit. Die gesellschaftliche Wahrnehmung und die politische Gestaltung dieser Entwicklung hinken allerdings hinterher wie ein Quasimodo im Buchenrauschen. In der vollständig von Menschenhand geformten Kulturlandschaft wird sich eine aktive Steuerung nicht vermeiden lassen, gerade wenn und weil die Rückkehr der Wölfe auf Dauer mehrheitlich begrüßt oder wenigstens akzeptiert werden soll.

Faszinierende Bilder zum Wolf bietet der neue Bildband Das Leben unserer Wölfe. Informationen aus Mecklenburg-Vorpommern finden sich auch auf der Internetseite des Beauftragten für das Wolfsmanagement Norman Stier unter www.wolf-mv.de.

Atlas Deutscher Brutvogelarten

Was für ein gewaltiger Brocken! Die Küchenwage zeigt 4132 Gramm an. Das ist die Gewichtsklasse von „Zettel’s Traum“ oder der Schmuckbibel, die früher im Eingangsflur vieler Häuser lag. Aber darin hat ja nie jemand gelesen, die war nur so etwas wie eine bürgerliche Rückversicherung für den Fall, dass Gott die Hausbewohner dereinst für ihren modernen Lebenswandel bestrafen würde.

Mit dem „Atlas Deutscher Brutvogelarten“ haben die Stiftung Vogelwelt Deutschland und der Dachverband Deutscher Avifaunisten im Jahr 2015 aber nicht nur einen echten Prüfstein fürs heimische Bücherregal vorgelegt, sondern auch eine ornithologische Messlatte neu justiert. Die letzten Kartierungen der Brutvögel stammten aus den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Für diesen Atlas haben mehr als 4000 ehrenamtliche Vogelfreunde ihre Zeit mit der Suche nach Amsel, Fink und Star verbracht und den Forschern eine nie gekannte Datengrundlage verschafft. Und dem staunenden Leser umfassende Karten und Begleittexte zu Habitat, Bestand, Verbreitung und Bestandsentwicklung aller 280 deutschen Brutvogelarten. 

Dieses Grundlagenwerk für den nachhaltigen Natur- und Vogelschutz gehört selbst unter Artenschutz gestellt, nicht nur wegen des herrlich anachronistischen Titelbildes: Bücher wie dieses sind vom Aussterben bedroht. Ohne besondere prophetische Fähigkeiten lässt sich die Vorhersage wagen, dass dieser Atlas der letzte seiner Art bleiben wird. Der nächste wird als interaktive Erlebniswelt im Internet zu finden sein, umrahmt von Cookies und Werbung für Prostatapräparate und Ferngläser. 

Stiftung Vogelwelt Deutschland und Dachverband Deutscher Avifaunisten (Hrsg.): Atlas Deutscher Brutvogelarten, erschienen 2015, 800 Seiten, Format ca. 24,5 x 32,5 cm, gebunden, durchgehend 4-farbig, 98,00 Euro

Zur Zeit nur antiquarisch erhältlich z.B. über amazon

Schutz durch Nutzung

Im aktuellen Heft von bienen & natur, dem Praxismagazin für Imker und Bienenfreunde, weist Bernhard Heuvel darauf hin, dass bei alten Obst- und Gemüsesorten oder gefährdeten Nutztierrassen ganz selbstverständlich das Prinzip „Erhaltung durch Nutzung“ gelte (ab Seite 7). Solch ein ausgeglichenes Geben und Nehmen zwischen schützenswerter Art und Anbauer bzw. Halter sei nachhaltig, schreibt Heuvel, der in diesem Zusammenhang eine Bienenhaltung ohne Honiggewinnung kritisiert.

Wir Jäger kennen das als Naturschutzkonzept unter dem Signet „Schutz durch Nutzung“. Wer nachhaltig Wildtiere bejagt und auf lange Sicht bejagen will („nutzt“), tut das artgerecht und schützt deren Habitate – das heißt: die Gesamtheit ihrer Flora und Fauna. Das eigene Interesse ist Motivation, die Jagd nicht nur auf maximalen Ertrag auszurichten. Dagegen stehen Schutzkonzepte, die keine Nutzung vorsehen.

Heuvels Hinweis geht in die richtige Richtung. Allerdings dürfte in der heutigen Imkerei überwiegend die maximale Honiggewinnung im Vordergrund stehen. Jeder Tropfen wird geerntet, und die Bienen überwintern auf billigem Zucker. Imkerei ist leider allzuoft eine Art Massentierhaltung im Baukastensystem und alles andere als artgerecht. Nicht wenige vermuten, dass die Anfälligkeit der Honigbienen für Krankheiten und Parasiten auch hausgemacht ist.

Der goldene Weg dürfte wie so oft durch die Mitte führen: weder Verzicht auf jegliche Honiggewinnung, noch Orientierung am maximalen Ertrag. Auch in artgerechter Bienenhaltung lässt sich durchaus Honig ernten.

© 2019 Dr. Volker Pesch

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