Dr. Volker Pesch

Ein Blog über Natur & Jagd in den Medien

Autor: Volker Pesch (Seite 1 von 7)

Sarah Wieners Bienenleben

Ach, diese sympathische Frau Wiener! Wer kennt sie nicht, die charmante Österreicherin mit Berliner Wurzeln, Tochter des Schriftstellers und Gastronomen Oswald Wiener. Köchin und Betreiberin von Restaurants und diversen anderen Unternehmungen der Gastro-Branche. Fernsehfrau („Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener“), Sachbuchautorin („Kochen kann jeder“), Botschafterin für biologische Vielfalt, Begründerin der Sarah-Wiener-Stiftung, mit der sie Kinder für gute Ernährung begeistert, Abgeordnete im Europaparlament. Engagiert für artgerechte Tierhaltung, gegen Gentechnik, für Biodiversität, gegen Prostitution und für die Integration von Flüchtlingen. Jetzt imkert sie auch noch und – wie könnte es anders sein? – hat sogleich ein Buch darüber geschrieben. 

Am Anfang stand eine Folge der Fernsehsendung „Sarah Wieners erste Wahl“ aus dem Jahr 2013 (zu finden bei YouTube). In dieser zehnteiligen Serie begab sie sich auf die Suche nach den Ursprüngen unserer Grundnahrungsmittel und traf Produzenten, die ökologisch und nachhaltig wirtschaften. Für die Folge über Honig besuchte sie die Imkerei Fischermühle in Baden-Württemberg, die eng mit dem ökologischen Imkerverband Mellifera e.V. verbunden ist. Hier brachte ihr Imkermeister Norbert Poeplau die Grundlagen der wesensgemäßen Imkerei nahe  und begeisterte sie dafür. Und als sie 2015 gemeinsam mit Partnern ein 800-Hektar-Gut in der Uckermark gekauft hatte, lag der Gedanke an eigene Bienenvölker nahe. Sieben an der Zahl schaffte sie an und wurde zur leidenschaftlichen Imkerin.  

Im Buch erzählt sie das heiter und unverkrampft, berichtet über ihre imkerlichen Anfänge, spart auch Fehler und Misserfolge nicht aus und vermischt das mit autobiografischen Anekdoten. Dabei gelingt es ihr, gewissermaßen „im Vorbeigehen“ die Biologie der Honigbienen und die Grundlagen der (wesensgemäßen) Imkerei darzustellen. Leserinnen und Leser erfahren viel Wissenswertes über die natürliche Lebensweise der Bienen, über die unterschiedlichen Beutentypen, über die Stadien eines Bienenlebens und die Aufgabenverteilung innerhalb des Biens, über wissenschaftliche Erkenntnisse und das Handwerk des Imkerns, über Bienenkrankheiten und deren Behandlung sowie über die heilsame Wirkung der Bienenprodukte.

Etwas nervig ist die stetige Vermenschlichung der Bienen durch die Autorin. Selbstredend haben die Bienenvölker Namen. Und laufend „denkt“ eine Biene dies und das oder „sagt sich“ etwas. Das mag als literarisches Stilmittel noch durchgehen, wenngleich es doch eher ein Mittel für Kinderbücher wäre. Schwieriger wird es, wenn die Bienen als vorbildliche Solidargemeinschaft und modellhafte Demokratie herhalten sollen. Diese Gedanken finden sich zwar in vielen Bienen-Büchern, das macht sie aber nicht richtiger. Denn ein Bienenvolk ist das gerade Gegenteil davon: die einzelne Biene zählt nichts, das Überleben des Bien alles. Die Natur ist auch für Bienen kein Ponyhof.

Fazit: Wer sich schon mit Bienen und Imkerei beschäftigt hat, wird hier kaum etwas Neues lesen, das aber auf sehr unterhaltsame Weise. Das ist kein Minuspunkt, denn gestandene Imker und Apidologen sind nicht die Zielgruppen des Buchs. Es soll vielmehr – und wird das auch, soviel darf prophezeit werden – solchen Menschen einen Zugang zur Sache eröffnen, die sich bislang noch nicht damit befasst haben. Und sie vielleicht sogar dazu anregen, selbst Bienen zu halten. Hoffentlich tun die das dann mit der gleichen Begeisterung und Hingabe wie die sympathische Frau Wiener.

Sarah Wiener: Bienenleben. Vom Glück, Teil der Natur zu sein, 24 Abbildungen, Aufbau Verlag 2019, 288 Seiten, gebunden, 22,00 Euro

Erhältlich beim Buchhändler Deines Vertrauens
und online z.B. bei amazon oder buch7

Pirschgang auf Abwegen (III)

Die Kolumne im Blog auf volkerpesch.de

Ich überlege ernsthaft, mich zum zertifizierten Waldbademeister ausbilden zu lassen. Handwerk hat goldenen Boden, heißt es schließlich, und der Meistertitel sicherte die Qualität meiner Arbeit. Sollte es demnächst für Schreiber wie mich keine Publikationsmöglichkeiten mehr geben, weil Peter Wohlleben bundesweit die Exklusivrechte an sämtlichen Naturthemen übertragen worden sind, hätte ich noch ein festes Standbein.

Besser wäre natürlich ein Waldbadediplom, immerhin hat das deutsche Diplom einen hervorragenden Ruf in der ganzen Welt. Wenn meine Lateinkenntnisse noch verlässlich sind, wäre das ein Dipl. nat. silv. (natare in silva). „Da hat man was in der Hand“, würde Evelyn Hamann sagen, und ich pflichte ihr da voll und ganz bei. 

Sie halten das für einen Scherz? Mit Verlaub, dann sind Sie aber schlecht informiert! Denn Waldbaden liegt voll im Trend. In Japan kennt man es schon lange als shinrin-yoku, und als forest therapy oder eben Waldbaden schwappt es seit ein paar Jahren mit dem Schwung der Erleuchtung auch in unsere Körper, Wälder und Therapieangebote über.

Wissenschaftler der Uni München haben übrigens herausgefunden, dass da im Wald wirklich was mit den Badenden passiert. Studien zufolge wirken das gedämpfte Licht, die Gerüche (Terpene!), das Rascheln von Laub und die sauerstoffreiche Luft beruhigend und ausgleichend, stärken die Abwehrkräfte und verbessern die Schlafqualität. Biochemisch gesehen steigt der Melatoninspiegel im Blut und sinkt der Kortisolspiegel. Ob und inwieweit Waldbaden auch der Krebsvorsorge dient, wird derzeit erforscht.

Leider habe ich noch keine passenden Studiengang gefunden. Die Deutsche Akademie für Waldbaden & Gesundheit beispielsweise bildet immerhin zum „Kursleiter für Waldbaden“ aus. Das klingt mir aber zu stark nach Volkshochschule. Da interessierte mich eher die Weiterbildung zum „Natur-Resilienz-Trainer“, schon des Fremdworts wegen. Vielleicht werde ich mich dort anmelden.

Nun werden Jägerinnen und Jäger möglicherweise mit den Schultern zucken. Natürlich ist es entspannend und beglückend, im Wald zu sein – ja und? Wer einen echten Grund dazu sucht, sollte das grüne Abitur machen, da ist Waldbaden inklusive. Ich wollte Sie auch nur vorwarnen: Neben Joggern, Spaziergängern, Pilzsammlern, Motocrossern und Geo-Cachern werden Sie im Revier zunehmend auch auf Waldbader treffen. Es besteht aber Grund zur Hoffnung, dass die sich eher still verhalten.

Ein Fundstück

Manche lesen ‚Landlust‘,
andere halten Hühner.

Das lass‘ ich für heute einfach mal so stehen …
(eine Überschrift im OZ-Journal vom 14./15.09.2019)

MeLa, Meler, am Melsten

Heute beginnt in Mühlengeez bei Güstrow die 29. MeLa, die alljährliche Agrarschau des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Rund 1000 Aussteller werden dort sein und voraussichtlich über 70.000 Besucherinnen und Besucher. Tiere, Technik, Nahrungsmittel – Landwirtschaft zum Anfassen ist ganz sicher auch in diesem Jahr ein Besuchermagnet.

Für die Medien gibt sich die Veranstaltung total klimafreundlich. Wäre das irgend möglich, hätte Landwirtschaftsminister Backhaus ganz sicher Greta Thunberg zur Eröffnungsveranstaltung eingeladen oder wenigstens eine Videobotschaft überbringen lassen. Die Rolle müssen nun die Bauern- und Bienenverbandsvertreter selbst spielen.

Tier der MeLa 2019 ist das Rheinisch-Deutsche Kaltblut – ein Arbeitspferd, das längst in der Landwirtschaft keinen Platz mehr hat und heute nur noch von wenigen Liebhabern alter Rassen gezüchtet wird. Im Unterschied zum Hochleistungsvieh, das im internationalen Wettbewerb um die dicksten Keulen und prallsten Euter steht. Auf dem Außengelände werden auch historische Landmaschinen präsentiert, aber im Zentrum der Aufmerksamkeit dürfte die neueste Generation von Nutzfahrzeugen nebst sämtlicher Gerätschaften für Bodenbearbeitung und chemischen Pflanzenschutz stehen (Stichwort: SmartFarming). Der Imkerverband wird seinen Stand möglicherweise mit einem Lüneburger Stülper dekorieren, jenem Strohkorb, der sinnbildlich für die gute alte Zeit steht. Um dann mit dem „Bienofon“ in eine moderne Maximalertragsbeute zu horchen.

Nein – das historisierende Kolorit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die MeLa auch 2019 dem Dreiklang von Leistungssteigerung, Effizienz und Kostenminimierung folgt. Alles andere ist im besten Fall nettes Beiwerk.

Wolfsland MeckPomm

In einer Pressemitteilung vom 5.09.2019 informiert das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern über den Stand der Populationsentwicklung der Wölfe. Demnach haben 3 neue Rudel in diesem Jahr Nachwuchs bekommen, damit lebten jetzt 7 Rudel (Jasnitz, Kaarzer Holz, Retzow-Jännersdorfer Heide, Nossentiner Heide, Müritz-Nationalpark, Torgelow, Ueckermünder Heide) und 2 Wolfspaare (Lübtheen, Billenhagen) im Land. Zudem gebe es weitere Vorkommen mit noch unklarem Status. (Foto: Wikipedia)

MeckPomm ist also nicht mehr Wolfserwartungsland, sondern echtes Wolfsland. Und das weniger als 2 Jahrzehnte nach den ersten Einzelsichtungen der neuen Zeit. Die gesellschaftliche Wahrnehmung und die politische Gestaltung dieser Entwicklung hinken allerdings hinterher wie ein Quasimodo im Buchenrauschen. In der vollständig von Menschenhand geformten Kulturlandschaft wird sich eine aktive Steuerung nicht vermeiden lassen, gerade wenn und weil die Rückkehr der Wölfe auf Dauer mehrheitlich begrüßt oder wenigstens akzeptiert werden soll.

Faszinierende Bilder zum Wolf bietet der neue Bildband Das Leben unserer Wölfe. Informationen aus Mecklenburg-Vorpommern finden sich auch auf der Internetseite des Beauftragten für das Wolfsmanagement Norman Stier unter www.wolf-mv.de.

Atlas Deutscher Brutvogelarten

Was für ein gewaltiger Brocken! Die Küchenwage zeigt 4132 Gramm an. Das ist die Gewichtsklasse von „Zettel’s Traum“ oder der Schmuckbibel, die früher im Eingangsflur vieler Häuser lag. Aber darin hat ja nie jemand gelesen, die war nur so etwas wie eine bürgerliche Rückversicherung für den Fall, dass Gott die Hausbewohner dereinst für ihren modernen Lebenswandel bestrafen würde.

Mit dem „Atlas Deutscher Brutvogelarten“ haben die Stiftung Vogelwelt Deutschland und der Dachverband Deutscher Avifaunisten im Jahr 2015 aber nicht nur einen echten Prüfstein fürs heimische Bücherregal vorgelegt, sondern auch eine ornithologische Messlatte neu justiert. Die letzten Kartierungen der Brutvögel stammten aus den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Für diesen Atlas haben mehr als 4000 ehrenamtliche Vogelfreunde ihre Zeit mit der Suche nach Amsel, Fink und Star verbracht und den Forschern eine nie gekannte Datengrundlage verschafft. Und dem staunenden Leser umfassende Karten und Begleittexte zu Habitat, Bestand, Verbreitung und Bestandsentwicklung aller 280 deutschen Brutvogelarten. 

Dieses Grundlagenwerk für den nachhaltigen Natur- und Vogelschutz gehört selbst unter Artenschutz gestellt, nicht nur wegen des herrlich anachronistischen Titelbildes: Bücher wie dieses sind vom Aussterben bedroht. Ohne besondere prophetische Fähigkeiten lässt sich die Vorhersage wagen, dass dieser Atlas der letzte seiner Art bleiben wird. Der nächste wird als interaktive Erlebniswelt im Internet zu finden sein, umrahmt von Cookies und Werbung für Prostatapräparate und Ferngläser. 

Stiftung Vogelwelt Deutschland und Dachverband Deutscher Avifaunisten (Hrsg.): Atlas Deutscher Brutvogelarten, erschienen 2015, 800 Seiten, Format ca. 24,5 x 32,5 cm, gebunden, durchgehend 4-farbig, 98,00 Euro

Zur Zeit nur antiquarisch erhältlich z.B. über amazon

Schutz durch Nutzung

Im aktuellen Heft von bienen & natur, dem Praxismagazin für Imker und Bienenfreunde, weist Bernhard Heuvel darauf hin, dass bei alten Obst- und Gemüsesorten oder gefährdeten Nutztierrassen ganz selbstverständlich das Prinzip „Erhaltung durch Nutzung“ gelte (ab Seite 7). Solch ein ausgeglichenes Geben und Nehmen zwischen schützenswerter Art und Anbauer bzw. Halter sei nachhaltig, schreibt Heuvel, der in diesem Zusammenhang eine Bienenhaltung ohne Honiggewinnung kritisiert.

Wir Jäger kennen das als Naturschutzkonzept unter dem Signet „Schutz durch Nutzung“. Wer nachhaltig Wildtiere bejagt und auf lange Sicht bejagen will („nutzt“), tut das artgerecht und schützt deren Habitate – das heißt: die Gesamtheit ihrer Flora und Fauna. Das eigene Interesse ist Motivation, die Jagd nicht nur auf maximalen Ertrag auszurichten. Dagegen stehen Schutzkonzepte, die keine Nutzung vorsehen.

Heuvels Hinweis geht in die richtige Richtung. Allerdings dürfte in der heutigen Imkerei überwiegend die maximale Honiggewinnung im Vordergrund stehen. Jeder Tropfen wird geerntet, und die Bienen überwintern auf billigem Zucker. Imkerei ist leider allzuoft eine Art Massentierhaltung im Baukastensystem und alles andere als artgerecht. Nicht wenige vermuten, dass die Anfälligkeit der Honigbienen für Krankheiten und Parasiten auch hausgemacht ist.

Der goldene Weg dürfte wie so oft durch die Mitte führen: weder Verzicht auf jegliche Honiggewinnung, noch Orientierung am maximalen Ertrag. Auch in artgerechter Bienenhaltung lässt sich durchaus Honig ernten.

Pirschgang auf Abwegen (II)

Die Kolumne im Blog auf volkerpesch.de

Heidi Klum und Tom Kaulitz haben auf der Sonneninsel Capri geheiratet. Anfang August hatten sie endlich ein Foto für uns. Auf Instagram. Zu sehen ist darauf, wie sich das frischvermählte Paar küsst, unter Blumengirlanden, die ein wenig an die Wimpelspinnen ostdeutscher Autohäuser erinnern. Sie im opulenten Kleid mit schleierbedecktem Haupt und freien Schultern, er im weißen Anzug. Hunderttausende Likes und zahllose Kommentare hat das dem Jubelpaar eingebracht, und das binnen weniger Minuten. 

Sie fragen sich, was das mit Natur und Jagd zu tun hat? Das will ich Ihnen gerne sagen: nichts! Rein gar nichts! Heidi Klum (46) war Model, bevor sie bei ProSieben Fernsehkarriere gemacht hat. Und Tom Kaulitz (29) schrumpst die Gitarre in der Teenie-Band Tokio Hotel. Mit Natur und Jagd haben beide meines Wissens nichts am Hut. Allenfalls die Haarpracht des Bräutigams könnte als „naturbelassen“ durchgehen (kennen Sie Fredda die Berghutze? Nicht? Dann lesen Sie unbedingt Walter Moers’ Käpt’n Blaubär!). Und eine Kommentatorin bei Instagram bezeichnete das Hochzeitskleid als „Kartoffelsack“, hier ließe sich also mit etwas Phantasie ein landwirtschaftlicher Bezug herstellen. 

Nun, de gustibus non est disputandum, das läge mir auch fern. Ich will auf einen anderen Punkt hinaus. Falls Sie bis jetzt geglaubt haben, die Hochzeit zweier IIIb-Promis werde nur in Bravo und Frau im Spiegel breitgetreten, dann haben Sie sich geirrt! Auch seriöse Zeitungen und Magazine, Onlinedienste, Fernsehsender und natürlich die Sozialen Medien überboten einander mit Berichten, Kommentaren, Fotos und mehr oder weniger wilden Spekulationen. Wo auch immer ich rund um den Hochzeitstermin nach Naturthemen suchte, fand ich nur – Heidi und Tom. Ist das nicht deprimierend?

Aber schließlich wurde noch ein Nachspiel berichtet. Das frischvermählte Paar soll in der berühmten Blauen Grotte gebadet haben, was natürlich streng verboten und bußgeldbewehrt ist. Wenn es denn stimmt, was angesichts des alltäglichen Gedränges vor und in der Grotte eher unwahrscheinlich ist, werden sie das Geld verschmerzen. Mir hilft es, am Ende dieser Kolumne doch noch die Kurve zur Natur zu kriegen. Denn die Blaue Grotte ist ein Naturmonument erster Güte. Wenn darin jetzt nicht mehr nur singende Grottenbootsführer herumschippern, sondern auch noch deutsche Traumpaare baden gehen, wird es dem einst mystischen Ort endgültig den Garaus machen.  

Selbstportrait mit Bienenschwarm

Diese Rezension beginn ausnahmsweise mit einem persönlichen Geständnis: Oft finde ich zu zeitgenössischer Lyrik keinen Zugang. Ich lese und erkenne die Worte, aber verstehe sie nicht. Ich folge dem Rhythmus der Zeilen, aber finde nicht den Takt. Ich fühle oder spüre eine Bedeutung, aber erschließe mir nicht den Sinn. Ganz sicher bin ich da kein Einzelfall, gemessen an den Verkaufszahlen von Lyrik scheint es vielen Leserinnen und Lesern ähnlich zu gehen. Gleichwohl versuche ich es immer mal wieder und kaufe einen Gedichtband. Wo ich den deponiere und lese, bleibt mein Geheimnis (das könnte allerdings lüften, wer sich noch an den einzigen außerhalb Kölns bekannt gewordenen Hit der Jürgen Zeltinger Band erinnert).

Jetzt ist mir ein Band in die Hände gefallen, der anders ist und mich lange beschäftigt hat: Jan Wagners „Selbstportrait mit Bienenschwarm“. Der 1971 geborene Autor gilt seit seinem Debut „Probebohrung im Himmel“ als einer der wichtigsten deutschen Gegenwartslyriker. Seine Gedichte wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse und dem Georg-Büchner-Preis. Die Süddeutsche Zeitung schrieb über Wagner, er sei „der beste Lyriker seiner Generation und eine der stärksten und originellsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“. Völlig zurecht, finde ich – wenn Lyrik, dann diese!

„Selbstportrait mit Bienenschwarm“ ist eine Anthologie mit Gedichten, die zwischen 2001 und 2015 entstanden und veröffentlicht worden sind. Mehr als 150 Gedichte sind es insgesamt. Viele davon – grob überschlagen die Hälfte – handeln im weitesten Sinne von Natur, meist sind es Ausschnitte, Miniaturen, überraschende Perspektiven und Aspekte, kurze Elegien oder Hymnen auf Pflanzen und Tiere. Jan Wagner schreibt über Frösche und Melonen, Wald und Nebel, Trapper und Moorochsen und und und. Vielleicht hilft eine Kostprobe, sich selbst ein erstes Bild zu machen:

Fenchel (aus „Probebohrung im Himmel“ von 2001)

knollen vor einem Gemüseladen im Winter – 
wie bleiche Herzen, sagtest du, gedrängt
in einer Kiste, wärme suchend – so daß wir

sie mit uns nahmen und nach Hause trugen,
wo feuer im kamin entzündet war,
wo kerzen auf dem tisch entzündet waren,

und ihnen halfen aus ihrer dünnen haut,
die strünke kappten, die zitternden blätter entfernten
und sie zu feinen weißen flocken hackten,

wartend, bis das wasser kochte,
die fensterscheibe blind war vom dampf.

Jan Wagner, Selbstportrait mit Bienenschwarm. Ausgewählte Gedichte, erschienen im Hanser Verlag, Taschenbuch, 256 S., 12,00 EUR

Erhältlich beim Buchhändler Deines Vertrauens
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Unglaubwürdig

Wie sich mit einer fetten Schlagzeile auf dem Titel die Glaubwürdigkeit der Jägerschaft torpedieren lässt, zeigt die jüngste Ausgabe der DJZ: „Top-Trophäen – Füttern hilft!“ Eine echte Steilvorlage für alle, die der Jägerschaft vorwerfen, aus Trophäengeilheit zu handeln und mit der Hege den notwendigen Waldumbau zu behindern (siehe hier zuletzt die Beiträge Ohne Hemmungen auf Rehwild? und Jagdkunde).

Das wütende Editorial zum Heft von Chefredakteur Rolf Roosen ist zwar in der Sache durchaus nachvollziehbar, aber sprachlich alles andere als eine Einladung zum Diskurs. In unserer Zeit, deren Geist nicht gerade auf Seiten der waidgerechten Jagd steht, ist das wenig hilfreich.

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