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Kategorie: Bücherwald (Seite 1 von 6)

Rezensionen von Büchern über Natur und Jagd, überwiegend aus der Rubrik Bücherwald im Magazin Halali

Ganz normaler Wahnsinn?

Wenn die Verlage über rückläufige Verkaufszahlen, den Niedergang des Buchwesens im Allgemeinen und die Undankbarkeit der Leserschaft im Besonderen klagen, sollten sich Verleger und Lektoren auch einmal an die eigene Nase fassen. Könnte das, so sollten sie sich vielleicht fragen, auch mit Masse und Qualität zu tun haben? Müssen beispielsweise, wenn sich Bücher von Martin Rütter, Cesar Millan oder Anton Fichtlmeier gut verkaufen, zwingend 27 weitere Titel in der Sparte „Hundeflüsterei“ erscheinen, und zwar pro Verlag und Jahr?

Bei Käufer oder Leserin führt das schnell zu gähnender Langeweile und Verdruss. Immerhin kosten ja selbst Paperbacks oder Englische Broschuren heute schnell mal 18 oder 22 Euro, gebundene Bücher häufig noch mehr. Wenn dann mal wieder so ein überflüssiges Werk auf Nimmerwiedersehen oben links im Bücherregal verschwindet, ist mitunter der Gedanke naheliegend, die nächste Neuerscheinung zu ignorieren und stattdessen Hundevideos bei YouTube anzuschauen. Die belasten weder Portemonnaie noch Regal. Und das Beste daran: schlechte Filmchen lassen sich einfach wegklicken.

Anlass dieser Gedanken ist ein Taschenbuch, das 2020 bei Kosmos erschienen ist (wobei ausdrücklich gesagt sei, dass Kosmos einer der wenigen Verlage ist, die in großer Zahl überaus lesenswerte Titel zu Natur und Jagd im Programm führen): „Der ganz normale Wahnsinn“ von Perdita Lübbe-Scheuermann und Frauke Burkhardt. Erklärtermaßen ist das Buch der beiden erfahrenen Hundetrainerinnen kein Ratgeber, sondern soll „kurzweilige Lektüre mit viel Mut zur Wahrheit“ sein. Der Verlag nennt es „frech, provokant, tiefgründig“. Das weckt Erwartungen.

Aber dann folgt Seite auf Seite voller Trivialitäten, Lamento und Spott. Von ganz hoher Warte blicken die beiden auf Hundetrainer, Hundeschulen, Hundehalter und ein wenig auch auf Hunde herab, und nach 88 Seiten weiß der tapfere Leser immerhin soviel: alle doof (außer den Hunden). Was fehlt sind lehrreiche oder unterhaltsame Geschichten, gute Fallbeispiele, interessantes Hundewissen oder irgendetwas, das Erkenntnisgewinn oder Lesespaß verschaffen würde. Bei diesem Buch ist weniger „Mut zur Wahrheit“ gefordert als vielmehr Mut zum Weiterlesen, zumal der Stil, vorsichtig formuliert, eher gewöhnungsbedürftig ist.

Ob das noch bis zum Ende auf Seite 208 so weitergeht, kann ich nicht sagen – denn ich habe, das gebe ich zu, diesen Mut nicht aufgebracht. Das kommt bei mir selten vor. Aber auf dem Stapel meiner zu rezensierenden Bücher liegen noch einige vielversprechende Titel, und auch meine (Lese)Zeit ist ja begrenzt und will nicht verschwendet sein.

Perdita Lübbe-Scheuermann und Frauke Burkhardt, Der ganz normale Wahnsinn. Von Hunden und ihren Menschen, Franckh-Kosmos Verlag 2020, 18,00 Euro

Der Nachsuchenführer

Von den vielen Büchern zum Thema Schweißarbeit/Nachsuche, die in den letzten Jahren erschienen sind, ist dieses möglicherweise das schlechteste: „Der Nachsuchenführer“ von Helmut Huber. Wer angesichts des Titels vermutet hat, es gehe darin um die Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen am anderen Ende des Schweißriemens, um praktische Erfahrungen gar oder um nützliche Tipps, wird bitter enttäuscht sein.

Denn am Ende der 144 Seiten, auf denen sich erzählende und belehrende Passagen abwechseln, steht nur soviel fest: Nachsuchenführer sind ganz harte Kerle, scheuen weder Regen noch Kälte, haben die Kondition von zwei Marathonläufern und die Weisheit eines Obi-Wan Kenobi. Gerufen werden sie eigentlich immer nur von Vollpfosten, die kaum Hirsche und Sauen unterscheiden können und ihre Jagdscheine in Schnellkursen mit Erfolgsgarantie ergattert haben. Und Frauen kommen in der rauen Männerwelt der Schweißarbeit nur als verständnisvolle Ehefrauen der Nachsuchenführer und Kaffeekocherinnen am Streckenplatz vor.

Sympathisch daran ist allenfalls der ostentative Verzicht des Autors auf Ausrüstungsfirlefanz. Die Vorstellung, wie der alte Opel Corsa neben all den SUVs und Pick-ups anhält, ein Hannoverscher Schweißhund vom Beifahrersitz springt und der Hundeführer seinen 98er schultert, lässt einen durchaus schmunzeln.

Aber die Lachmuskeln verspannen sogleich angesichts der einen oder anderen ebenso dogmatisch vorgebrachten wie falschen Behauptung, wie etwa dieser: Die ersten 10 Lebenswochen prägen einen Hund überhaupt nicht (S. 14); Im Haus darf niemals gefüttert werden (15f); Zur Durchsetzung der Stubenreinheit sollte ein Hund kräftig am Genick geschüttelt werden (16). Wenn der Autor dann auch noch zugibt, an der Kirrung den Sauen aufs Haupt zu schießen (37), von der Naturbelassenheit ehemaliger Truppenübungsplätze schwärmt (53) und sich zuletzt auch noch die skurrilen Thesen Peter Wohllebens zueigen macht (116), steigen sicher auch wohlmeinende Leserinnen und Leser aus.

Da mag eine Schlussbemerkung über den Schreibstil anmuten wie ein Fangschuss auf einen bereits aufgebrochenen IIb-Hirsch: Stilblüten wie „Die Spannung war zum Greifen nah“ runden das Gesamtwerk ab.

Helmut Huber, Der Nachsuchenführer. Von der Arbeit mit dem Schweißhund, Stocker Verlag 2020, Hardcover 144 Seiten, 29,90 Euro

Stallschwalben

Schon einige Jahre hält Ulrike Siegel eine eigene belletristische Nische besetzt, und das überaus erfolgreich: „Bauerntöchter erzählen“. Den Anfang machte die Bauerntöchter-Trilogie mit autobiografischen Erzählungen, die mittlerweile sogar im Schmuckschuber zu haben ist. Es folgten Bücher mit Erzählungen von Frauen, die Höfe verlassen, und solchen, die in Höfe eingeheiratet haben, außerdem von Bauerntöchtern auf den Spuren ihrer Mütter, prominenten Bauernkindern und Bauernsöhnen. 2018 gab es sogar einen Jubiläumsband mit den besten Geschichten aus 15 Jahren „Bauerntöchter erzählen“.

Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Autorin nun auch ein Buch mit eigenen autobiografischen Geschichten vorgelegt hat. Denn Ulrike Siegel ist natürlich selbst eine Bauerntochter, geboren 1961 auf dem elterlichen Hof in Baden-Württemberg. Dort ist sie aufgewachsen, dort arbeitete sie auch nach der Schulzeit, erwarb Meistertitel in Landwirtschaft und ländlicher Hauswirtschaft, studierte dann Agrarwissenschaften und schloss längere Auslandsaufenthalte in Lateinamerika, Afrika und Indien an. Über viele Jahre war sie Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg.

Die titelgebenden „Stallschwalben“ stehen für die Sehnsucht der jungen Frau, mit den Vögeln gen Süden zu ziehen. Einfach aufbrechen, die enge Welt verlassen, anstelle des kalten und kargen Winter ferne Welten erkunden – davon konnte sie nur träumen. Denn das Leben auf den Höfen in den 60er und 70er Jahren war arbeits- und entbehrungsreich, auch für Bauerntöchter. Die waren von klein auf eingebunden in Ernte, Versorgung des Viehs und häusliche Verrichtungen. In 22 kurzen Erzählungen nimmt Ulrike Siegel ihre Leserinnen und Leser mit in diese Zeit und setzt aus zahllosen Anekdoten und Erinnerungen ein authentisches Bild zusammen.  Das ist alltagsgeschichtlich interessant, meist durchaus kurzweilig und stellenweise auch recht nostalgisch. Wer es gelesen hat, wünscht sich, selbst Bauerntochter gewesen zu sein, allen Entbehrungen zum Trotze.

Ulrike Siegel: Stallschwalben. Autobiografische Geschichten einer Bauerntochter, erschienen 2019 bei LV.Buch im Landwirtschaftsverlag, 192 Seiten, 14,00 Euro

Erfolgreicher Jagdhund

Bücher über Welpenerziehung gibt es unzählige. Die tragen verheißungsvolle Titel wie „Die große Welpenschule“, „Das 8-Wochen-Programm“ oder „Spaßschule für Hunde“, und unter den Autorinnen und Autoren ist manch ein TV-Promi. Etwas schmaler – aber auch deutlich gehaltvoller – wird das Angebot, wenn es auf die jagdliche Erziehung und Ausbildung begrenzt wird. Gleichwohl bleibt die Auswahl groß. Jeder Verlag, der in dem Segment aktiv ist, hat einen oder mehrere Titel auf seiner Liste. 

Neu bei Kosmos ist ein Buch von Stefanie Blawe und Claudia Fries. Beide sind zertifizierte und erfahrene (Jagd)Hundeausbilderinnen mit eigenen Hundeschulen. In der Praxis, so schreiben sie im Vorwort, haben sie immer wieder mit Hundehaltern zu tun, die ihre Hunde bis dahin mit fragwürdigen Methoden und geringem Erfolg ausgebildet haben. Methoden, die ihnen von vermeintlichen Fachleuten als einzig mögliche „Standard-Lösung“ angeboten worden waren. Dagegen stellen die Autorinnen keinen neuen ultimativ gültigen Weg, sondern betonen die Individualität jedes Mensch-Hund-Gespanns, die auch individuelle Ausbildungsmethoden erfordere.

So setzen die beiden beispielsweise nicht ausschließlich auf die Methode der „positiven Bestärkung“, selbst wenn eine belohnungsorientierte Erziehung immer erste Wahl ist. Aber wer schon einmal vergeblich mit dem Leckerli gewedelt hat, während der Hund einer selbstbelohnenden Unart nachgegangen ist, weiß um die Problematik. Manchmal ist eben auch Bestrafung die zielführende Methode, wobei Strafe hier nichts mit Gewalt oder Aggression gegen den Welpen zu tun hat. Das Buch ist insgesamt praxisorientiert und anschaulich geschrieben und enthält viele Tipps und Anregungen. Nebenbei räumen die beiden auch mit sorgsam gehegten Fehlinformationen auf, etwa der Annahme, es gebe sowas wie einen allgemeinen Welpenschutz.

Stefanie Blawe und Claudia Fries: Der Weg zum erfolgreichen Jagdhund. Von der Welpenerziehung zum fertigen Helfer, erschienen 2019 im Franckh-Kosmos Verlag, 192 Seiten, gebunden, 32,00 Euro

Wald

Mit den optisch und haptisch ansprechenden Bänden der Reihe NaturZeit bedient der Kosmos-Verlag die Nachfrage nach populärwissenschaftlichen Natur-Sachbüchern – gebunden in Halbleinen und gedruckt auf einem offenen, matten Ökopapier. Das macht sie zu beliebten Geschenken. In einem aktuellen Band wird der Wald in den Fokus gerückt, was angesichts des aktuellen Hypes um Waldbaden oder Waldkindergärten und vor dem Hintergrund der problematischen Situation unserer Wälder durch Trockenheit und Schädlinge wenig verwunderlich ist. Die Umweltjournalistin Adriane Lochner erzählt darin von der Beziehung zwischen Mensch und Wald und nimmt ihre Leserinnen und Leser mit auf einen Waldspaziergang durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. 

Tatsächlich streift das Buch eine Vielzahl historischer, biologischer und wirtschaftlicher Aspekte, naturalistisch illustriert durch Zeichnungen von Paschalis Dougalis. Es geht beispielsweise um den Wald in Kunst und Mythologie, die Genese des Nachhaltigkeitsbegriffs, die Pflanzen- und Tierwelt, typische Waldformationen in Europa oder moderne Forstwirtschaft. Insgesamt zeigt sich die Autorin fachlich gut informiert und spart auch nicht mit sachlicher Kritik an dem einen oder anderen Baumflüsterer. Allerdings hangelt sie sich von einem Unterthema zum nächsten wie weiland Tarzan von Liane zu Liane. Auch wenn das durchaus gut und verständlich geschrieben ist, wäre hier weniger vielleicht mehr gewesen.

Adriane Lochner: Wald. Was er uns schenkt, wie wir ihn prägen, erschienen 2019 im Franckh-Kosmos Verlag, 208 Seiten, gebunden, 14,99 Euro

Die Bienenkönigin

Wer die Biologie der Honigbiene verstehen will, muss die Bienenkönigin verstehen. Sie ist keine Regentin in einem menschlichen Sinne, sie lenkt nicht, gibt keine Befehle und hat auch kein Spieglein an der Wand. Aber sie ist das faszinierende Zentrum des Bienenvolks, denn mit bis zu 2000 Eiern pro Tag sorgt sie ganz allein für dessen Fortexistenz. Sie ist die Mutter aller Arbeitsbienen und Drohnen (jedenfalls in der Natur und naturnahen Haltung) und wird entsprechend umsorgt und beschützt. Den Stock verlässt sie in ihrem Leben nur dreimal: Einmal kurz nach ihrer Geburt, da lässt sie sich auswärts ausgiebig begatten. Dann noch einmal, wenn sie mit einem Teil des Volks ausschwärmt und ein neues Zuhause bezieht. Und schließlich nach ihrem Ableben, da wird sie von fleißigen Aufräumerinnen aus dem Stock geworfen.

Grund genug für die kalifornische Imkerin Hilary Kearney, der Bienenkönigin eine eigene Monografie zu widmen. Die junge Frau ist weit über ihre Heimat hinaus bekannt als Gründerin der Imkerei Girl Next Door Honey, Bloggerin und Autorin verschiedener (Fach-)Zeitschriften. Der Schweizer Haupt Verlag hat das Buch jetzt in einer sehr ansprechenden deutschsprachigen Ausgabe verlegt.

Auch wenn es im Kern immer um die Bienenkönigin geht, beschreibt die Autorin in kurzen und reich bebilderten Texten die Biologie des gesamten Bienenvolks, abgerundet durch eher anekdotische Erzählungen aus ihrer imkerlichen Praxis. Das ist nett und anschaulich geschrieben, aber dürfte sich in erster Linie an Leserinnen und Leser richten, die einen leichten Einstieg in das Thema suchen. Wer sich schon einmal grundlegend mit Bienen und Imkerei beschäftigt hat, wird hier nichts Neues finden. Insofern ist der Untertitel („Was jeder Hobbyimker wissen muss“) ein wenig hoch gestapelt.

Und dennoch bietet das Buch auch für Fortgeschrittene viel: nämlich wertvolle Tipps, wie man im Gewusel des Bienenstocks die Königin findet, und insgesamt 48 doppelseitige Suchbilder in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen. Die zeigen jeweils eine Nahaufnahme von hunderten Bienen auf ihren Brut-, Honig- oder Pollenwaben – und irgendwo im Gewimmel die Königin. Es macht wirklich Spaß, die zu suchen, und zugegebenermaßen stolz, sie gefunden zu haben… (wenn’s nicht gelungen ist, gibt’s selbstverständlich auch eine Auflösung am Ende). Auch Kinder haben daran Freude und können so für die Bienenhaltung begeistert werden.

Hilary Kearney, Die Bienenkönigin. Was jeder Hobbyimker wissen muss, Haupt Verlag Bern 2020, 128 Seiten, gebunden, 22,00 EUR

Leben ohne Ende

Wir Jäger erfahren immer wieder, dass der Tod in unserer Gesellschaft verdrängt wird. Dabei geht es zumeist um den Tod der erbeuteten Tiere, genauer gesagt um das Töten. Selbst Zeitgenossen, die sich an der nächsten Fleischtheke gierig mit grillfertigen Fleischportionen eindecken, klagen unser Tun an. Das ist eine Form der Entfremdung. Denn wir Menschen, darauf weist Bernd Heinrich gleich zu Beginn seines Buches hin, sind „ein natürlicher Teil der Schöpfung und kein nachträglicher Einfall.“ Wir sind ein Glied in der Nahrungskette.

Der 1940 im heutigen Polen geborene und als Kind mit seinen Eltern in die USA ausgewanderte Autor ist Zoologe und emeritierter Professor für Biologie an der Universität Vermont. Seine Bücher unter anderem über Hummeln und Raben sind mehrfach ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt. Und Bernd Heinrich ist Jäger. 

Mit „Leben ohne Ende“ hat er nun eine Biologie derjenigen Lebewesen vorgelegt, die andere Organismen zersetzen und ihnen somit zur „Auferstehung“ in neuen Lebewesen verhelfen. Er nennt sie etwas salopp „Totengräber“, „Leichenbestatter“ oder „Recycler“. Es geht also um Rolle, Funktion und Arbeitsweise der Mikroorganismen und Pilze, Maden und Käfer, Rabenvögel und Geier, Prädatoren und Aasfresser und nicht zuletzt der Menschen. Und Heinrich untersucht auch, wie wir mit Veränderungen umgehen, insbesondere mit dem Übergang vom Leben zum Tod in Bestattungsritualen, Mythen und Glauben.

Das ist überraschend lesbar und anschaulich geschrieben. Dabei berührt es doch unsere Substanz im eigentlichen Sinne. Denn wie alle Lebewesen bestehen unsere Körper nur aus vorübergehend zusammengefügten Stoffen, aus Kohlenstoff, Sauerstoff und knapp 60 weiteren, die von anderen Lebewesen stammen und dereinst auch wieder in den ewigen Kreislauf des Lebendigen eingehen werden. „Der Tod ist kein Anlass, ein Ende zu betrauern,“ schreibt Heinrich, „sondern einen neuen Anfang zu feiern.“ Das lässt einen über das eigene Sein nachdenken und auch über die Form, in der man dereinst selbst bestattet werden möchte.

Bernd Heinrich: Leben ohne Ende. Der ewige Kreislauf das Lebendigen, erschienen 2019 im Verlag Matthes & Seitz, Reihe „Naturkunden“, 204 Seiten, in Leinen gebunden, 34,00 Euro

Zen

Lange Zeit galten Vogelbeobachter als verschrobene Gesellen. Das hat sich geändert, heute heißt ihr Hobby „Birdwatching“ und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Kein Wunder, ist doch die Begeisterung für die gefiederten Tiere, für ihre Vielfalt, Farbenpracht oder Flugkünste, alles andere als verschroben. 

Aber ist das Vogelbeobachten wirklich nur ein Hobby? Für Arnulf Conradi nicht. Aus Sicht des Verlegers, Herausgebers und Autors ist es vielmehr eine Kunst, ja mehr noch: eine Lebensform, ein Habitus. Der wahre Vogelbeobachter, schreibt Conradi, lebe seine Passion fortwährend und in jeder Situation. Im Akt des Beobachtens sei er ganz in der Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft verschwänden vollständig in der Besinnung auf den beobachteten Vogel. Conradi vergleicht das mit der Achtsamkeitsmeditation, die ebenfalls nicht verändern wolle, sondern nur wahrnehmen, was ist. Schon der Zen-Buddhismus, aus dem diese Form der Meditation ursprünglich stamme, lebe aus einem tiefen Bezug zur Natur. 

Das Buch ist also weder praktisches Vademecum für Birdwatcher noch Bestimmungsbuch (keine Abbildungen!). Es bietet vielmehr kluge und anregende Reflexionen, lebendige Darstellungen von Vögeln in ihren Habitaten sowie Reise- und Landschaftsbeschreibungen. Geografisch reicht das Spektrum von der Antarktis bis Helgoland, von den Alpen bis Sylt, vom Grunewald über die Uckermark bis zur Peene. Ornithologisch reicht es vom Albatros über Greife und Entenvögel bis zu Amsel, Drossel, Fink und Star. Und zeitlich über sechs Jahrzehnte einer großen Passion. 

Conradi, Arnulf: Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung, erschienen 2019 im Verlag Antje Kunstmann, 240 Seiten, gebunden, 20,00 Euro

Lebensraum Jagdrevier

Dieses Buch ist ein echtes Special Interest-Sachbuch. Autor Michael Petrak leitet die Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadensverhütung des Landes NRW und ist Ausbilder für Berufsjäger, Forstleute und Naturschützer. In „Lebensraum Jagdrevier“ geht es um die Reviergestaltung durch den Jäger. Das ist hier zunächst im Sinne der Bewahrung und Förderung der Wildtiere und ihrer Lebensräume zu verstehen, wobei aber heute Naturschutz und Jagd vermehrt mit gesellschaftlichen Forderungen in Einklang zu bringen sind, etwa mit der nach einem klimaverträglichen Waldumbau. 

Der inhaltliche Bogen des Buches ist weit gespannt. Es beginnt mit allgemeinen Überlegungen und historischen Notizen zur Reviergestaltung, führt über die kartografische und statistische Erfassung eines Reviers und die aktive Gestaltung von Wald- und Feldrevieren sowie Gewässern bis hin zum Bau jagdlicher Reviereinrichtungen und die revierübergreifende Zusammenarbeit in Hegegemeinschaften. Man lernt beispielsweise, wie eine Revierkarte angefertigt wird, welche waldbaulichen Maßnahmen eine Äsungsverbesserung bewirken und wie im Feldrevier Gehölzinseln anzulegen sind.

Das ist ein interessantes und anregendes Kompendium. Allerdings fragt es sich, für welche Zielgruppe das Buch geschrieben ist. Die meisten Jagdpächter oder Begehungsscheininhaber dürften kaum in der Lage sein, derart umfassende Maßnahmen zur Reviergestaltung praktisch umzusetzen. Und für jagende Profis in der Wald- und Forstwirtschaft ist vieles nicht neu.  

Michael Petrak: Lebensraum Jagdrevier. Erkennen – Erhalten – Artgerecht gestalten, erschienen 2019 im Franckh-Kosmos Verlag, 240 Seiten, gebunden, 39,00 Euro

Bräuche im Wandel

Die Leserschaft von Wild und Hund hat es gerade zum „Jagdbuch des Jahres“ in der Kategorie „Sachbuch“ gewählt: Gerd G. von Harlings neues Buch. Über Wettbewerbe wie diesen mag man schmunzeln. Zumal dann, wenn die Teilnahme nur für Abonnenten möglich ist und auch nur mittels Postkarte. Jüngeren Leserinnen und Lesern sei das an dieser Stelle kurz erklärt: Postkarten, das sind kleine rechteckige Pappen, die müssen mit sog. Briefmarken frankiert und dann in die gelben Kästen geworfen werden, die vereinzelt noch in der Landschaft herumstehen. Es ist von daher wenig verwunderlich, wenn sich zur Preisverleihung in Dortmund ausschließlich Männer fortgeschrittenen Alters auf dem Podium einfanden. Aber das nur am Rande.

Ebensowenig verwunderlich ist, dass Gerd Harling unter den Gewinnern ist. Denn kein anderer Autor dürfte bekannter sein: Er war Schriftleiter der Wild und Hund sowie Lektor des Verlages Paul Parey und wurde vielfach ausgezeichnet und geehrt. Mehr als 60 Buchveröffentlichungen und ungezählte Beiträgen in der Jagdpresse machen von Harling zum derzeit vielleicht bekanntesten deutschsprachigen Jagdautor.

Jetzt hat er sich also die Jagd- und Jägerbräuche vorgenommen. Denn wir erlebten, schreibt von Harling, derzeit eine „Renaissance, eine Rückbesinnung auf alte, überkommene Werte“. Brauchtum stehe heute wieder hoch im Kurs. Trotzdem drohe einiges in Vergessenheit zu geraten. Ziel des Buches sei es, jüngeren Jägern das jagdliche Brauchtum näherzubringen und es älteren wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Die 10 inhaltlichen Kapitel thematisieren denn auch einzelne Bereiche jagdlichen Brauchtums, beispielsweise das Streckelegen, die Jägersprache oder den Umgang mit Trophäen. Dabei liegt der Fokus auf dem Wandel. Harling plädiert keineswegs für eine starre Aufrechterhaltung überkommener Handlungen, Begriffe oder Verhaltensweisen, und er weiß darum, dass manch eine vermeintlich uralte Tradition noch keine 100 Jahre währt. Ihm geht es darum, das jagdliche Brauchtum „lebendig zu erhalten, behutsam weiterzuentwickeln und auf Erkenntnisse und Erfordernisse der modernen Zeit abzustimmen.“

So weit, so gut. Wie zuletzt schon in Harlings Jagd(B)revier entgeht der Autor allerdings nicht ganz der Falle nostalgischer Verklärung. Er trennt aber einigermaßen strikt seine erzählerisch-anekdotisch verfassten eigenen Gedanken und Bewertungen von eher sachlich-informativ präsentierten historischen Erklärungen und Erläuterungen. Damit hier keine Zweifel aufkommen, ist das auch im Layout des insgesamt ansprechenden Buches unterschieden.

Gerd G. von Harling, Jagd- und Jägerbräuche im Wandel, Müller Rüschlikon Verlag 2019, 144 Seiten (Taschenbuch), 19,95 Euro

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