Dr. Volker Pesch

Ein Blog über Natur & Jagd in den Medien

Kategorie: Bücherwald (Seite 1 von 4)

Sarah Wieners Bienenleben

Ach, diese sympathische Frau Wiener! Wer kennt sie nicht, die charmante Österreicherin mit Berliner Wurzeln, Tochter des Schriftstellers und Gastronomen Oswald Wiener. Köchin und Betreiberin von Restaurants und diversen anderen Unternehmungen der Gastro-Branche. Fernsehfrau („Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener“), Sachbuchautorin („Kochen kann jeder“), Botschafterin für biologische Vielfalt, Begründerin der Sarah-Wiener-Stiftung, mit der sie Kinder für gute Ernährung begeistert, Abgeordnete im Europaparlament. Engagiert für artgerechte Tierhaltung, gegen Gentechnik, für Biodiversität, gegen Prostitution und für die Integration von Flüchtlingen. Jetzt imkert sie auch noch und – wie könnte es anders sein? – hat sogleich ein Buch darüber geschrieben. 

Am Anfang stand eine Folge der Fernsehsendung „Sarah Wieners erste Wahl“ aus dem Jahr 2013 (zu finden bei YouTube). In dieser zehnteiligen Serie begab sie sich auf die Suche nach den Ursprüngen unserer Grundnahrungsmittel und traf Produzenten, die ökologisch und nachhaltig wirtschaften. Für die Folge über Honig besuchte sie die Imkerei Fischermühle in Baden-Württemberg, die eng mit dem ökologischen Imkerverband Mellifera e.V. verbunden ist. Hier brachte ihr Imkermeister Norbert Poeplau die Grundlagen der wesensgemäßen Imkerei nahe  und begeisterte sie dafür. Und als sie 2015 gemeinsam mit Partnern ein 800-Hektar-Gut in der Uckermark gekauft hatte, lag der Gedanke an eigene Bienenvölker nahe. Sieben an der Zahl schaffte sie an und wurde zur leidenschaftlichen Imkerin.  

Im Buch erzählt sie das heiter und unverkrampft, berichtet über ihre imkerlichen Anfänge, spart auch Fehler und Misserfolge nicht aus und vermischt das mit autobiografischen Anekdoten. Dabei gelingt es ihr, gewissermaßen „im Vorbeigehen“ die Biologie der Honigbienen und die Grundlagen der (wesensgemäßen) Imkerei darzustellen. Leserinnen und Leser erfahren viel Wissenswertes über die natürliche Lebensweise der Bienen, über die unterschiedlichen Beutentypen, über die Stadien eines Bienenlebens und die Aufgabenverteilung innerhalb des Biens, über wissenschaftliche Erkenntnisse und das Handwerk des Imkerns, über Bienenkrankheiten und deren Behandlung sowie über die heilsame Wirkung der Bienenprodukte.

Etwas nervig ist die stetige Vermenschlichung der Bienen durch die Autorin. Selbstredend haben die Bienenvölker Namen. Und laufend „denkt“ eine Biene dies und das oder „sagt sich“ etwas. Das mag als literarisches Stilmittel noch durchgehen, wenngleich es doch eher ein Mittel für Kinderbücher wäre. Schwieriger wird es, wenn die Bienen als vorbildliche Solidargemeinschaft und modellhafte Demokratie herhalten sollen. Diese Gedanken finden sich zwar in vielen Bienen-Büchern, das macht sie aber nicht richtiger. Denn ein Bienenvolk ist das gerade Gegenteil davon: die einzelne Biene zählt nichts, das Überleben des Bien alles. Die Natur ist auch für Bienen kein Ponyhof.

Fazit: Wer sich schon mit Bienen und Imkerei beschäftigt hat, wird hier kaum etwas Neues lesen, das aber auf sehr unterhaltsame Weise. Das ist kein Minuspunkt, denn gestandene Imker und Apidologen sind nicht die Zielgruppen des Buchs. Es soll vielmehr – und wird das auch, soviel darf prophezeit werden – solchen Menschen einen Zugang zur Sache eröffnen, die sich bislang noch nicht damit befasst haben. Und sie vielleicht sogar dazu anregen, selbst Bienen zu halten. Hoffentlich tun die das dann mit der gleichen Begeisterung und Hingabe wie die sympathische Frau Wiener.

Sarah Wiener: Bienenleben. Vom Glück, Teil der Natur zu sein, 24 Abbildungen, Aufbau Verlag 2019, 288 Seiten, gebunden, 22,00 Euro

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Atlas Deutscher Brutvogelarten

Was für ein gewaltiger Brocken! Die Küchenwage zeigt 4132 Gramm an. Das ist die Gewichtsklasse von „Zettel’s Traum“ oder der Schmuckbibel, die früher im Eingangsflur vieler Häuser lag. Aber darin hat ja nie jemand gelesen, die war nur so etwas wie eine bürgerliche Rückversicherung für den Fall, dass Gott die Hausbewohner dereinst für ihren modernen Lebenswandel bestrafen würde.

Mit dem „Atlas Deutscher Brutvogelarten“ haben die Stiftung Vogelwelt Deutschland und der Dachverband Deutscher Avifaunisten im Jahr 2015 aber nicht nur einen echten Prüfstein fürs heimische Bücherregal vorgelegt, sondern auch eine ornithologische Messlatte neu justiert. Die letzten Kartierungen der Brutvögel stammten aus den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Für diesen Atlas haben mehr als 4000 ehrenamtliche Vogelfreunde ihre Zeit mit der Suche nach Amsel, Fink und Star verbracht und den Forschern eine nie gekannte Datengrundlage verschafft. Und dem staunenden Leser umfassende Karten und Begleittexte zu Habitat, Bestand, Verbreitung und Bestandsentwicklung aller 280 deutschen Brutvogelarten. 

Dieses Grundlagenwerk für den nachhaltigen Natur- und Vogelschutz gehört selbst unter Artenschutz gestellt, nicht nur wegen des herrlich anachronistischen Titelbildes: Bücher wie dieses sind vom Aussterben bedroht. Ohne besondere prophetische Fähigkeiten lässt sich die Vorhersage wagen, dass dieser Atlas der letzte seiner Art bleiben wird. Der nächste wird als interaktive Erlebniswelt im Internet zu finden sein, umrahmt von Cookies und Werbung für Prostatapräparate und Ferngläser. 

Stiftung Vogelwelt Deutschland und Dachverband Deutscher Avifaunisten (Hrsg.): Atlas Deutscher Brutvogelarten, erschienen 2015, 800 Seiten, Format ca. 24,5 x 32,5 cm, gebunden, durchgehend 4-farbig, 98,00 Euro

Zur Zeit nur antiquarisch erhältlich z.B. über amazon

Selbstportrait mit Bienenschwarm

Diese Rezension beginn ausnahmsweise mit einem persönlichen Geständnis: Oft finde ich zu zeitgenössischer Lyrik keinen Zugang. Ich lese und erkenne die Worte, aber verstehe sie nicht. Ich folge dem Rhythmus der Zeilen, aber finde nicht den Takt. Ich fühle oder spüre eine Bedeutung, aber erschließe mir nicht den Sinn. Ganz sicher bin ich da kein Einzelfall, gemessen an den Verkaufszahlen von Lyrik scheint es vielen Leserinnen und Lesern ähnlich zu gehen. Gleichwohl versuche ich es immer mal wieder und kaufe einen Gedichtband. Wo ich den deponiere und lese, bleibt mein Geheimnis (das könnte allerdings lüften, wer sich noch an den einzigen außerhalb Kölns bekannt gewordenen Hit der Jürgen Zeltinger Band erinnert).

Jetzt ist mir ein Band in die Hände gefallen, der anders ist und mich lange beschäftigt hat: Jan Wagners „Selbstportrait mit Bienenschwarm“. Der 1971 geborene Autor gilt seit seinem Debut „Probebohrung im Himmel“ als einer der wichtigsten deutschen Gegenwartslyriker. Seine Gedichte wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse und dem Georg-Büchner-Preis. Die Süddeutsche Zeitung schrieb über Wagner, er sei „der beste Lyriker seiner Generation und eine der stärksten und originellsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“. Völlig zurecht, finde ich – wenn Lyrik, dann diese!

„Selbstportrait mit Bienenschwarm“ ist eine Anthologie mit Gedichten, die zwischen 2001 und 2015 entstanden und veröffentlicht worden sind. Mehr als 150 Gedichte sind es insgesamt. Viele davon – grob überschlagen die Hälfte – handeln im weitesten Sinne von Natur, meist sind es Ausschnitte, Miniaturen, überraschende Perspektiven und Aspekte, kurze Elegien oder Hymnen auf Pflanzen und Tiere. Jan Wagner schreibt über Frösche und Melonen, Wald und Nebel, Trapper und Moorochsen und und und. Vielleicht hilft eine Kostprobe, sich selbst ein erstes Bild zu machen:

Fenchel (aus „Probebohrung im Himmel“ von 2001)

knollen vor einem Gemüseladen im Winter – 
wie bleiche Herzen, sagtest du, gedrängt
in einer Kiste, wärme suchend – so daß wir

sie mit uns nahmen und nach Hause trugen,
wo feuer im kamin entzündet war,
wo kerzen auf dem tisch entzündet waren,

und ihnen halfen aus ihrer dünnen haut,
die strünke kappten, die zitternden blätter entfernten
und sie zu feinen weißen flocken hackten,

wartend, bis das wasser kochte,
die fensterscheibe blind war vom dampf.

Jan Wagner, Selbstportrait mit Bienenschwarm. Ausgewählte Gedichte, erschienen im Hanser Verlag, Taschenbuch, 256 S., 12,00 EUR

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Jagdkunde

Bei Sachbüchern zur Jagd fragt man sich gelegentlich, für wen sie eigentlich geschrieben sind. Für Jägerinnen und Jäger steht nichts Neues drin, andere Zielgruppen werden durch jägersprachliche Vokabeln abgeschreckt oder einfach nicht dort abgeholt, wo sie stehen. Kontroversen werden als bekannt vorausgesetzt (oder gleich ganz verschwiegen), einzelne Positionen als einzig wahre präsentiert. Sachbücher, die einerseits der Jagd positiv gegenüber stehen und sich andererseits ausdrücklich auch an eine nicht-jagende Leserschaft wenden, sind selten. 

In dieser Hinsicht sind die Bücher von Eckhard Fuhr echte Glücksfälle. Etwa „Lob der Jagd“ von 2011, das er gemeinsam mit Werner Schmitz geschrieben hat, „Jagdlust“ von 2012 oder auch sein Buch über die „Rückkehr der Wölfe“ von 2014. Fuhr war über viele Jahre Redakteur der FAZ, leitete das Kulturressort der Welt, arbeitete als Kulturkorrespondent und Kolumnist und lebt heute als freier Autor in Berlin. In Wild und Hund erschien seine monatliche Kolumne „Im Mediendschungel“. Darin hat er mitunter Positionen vertreten, die der traditionellen Jägerschaft nicht geschmeckt haben dürften. Und vor ein paar Jahren ist er in den Ökologischen Jagdverband (ÖJV) eingetreten und mittlerweile zum Stellvertretenden Vorsitzenden des ÖJV Brandenburg avanciert.

Jetzt ist unter dem Titel „Jagdkunde“ ein handliches Taschenbüchlein erschienen. Darin handelt Fuhr viele Aspekte der heutigen Jagd ab, angefangen bei den formalen Voraussetzungen der Jagdausübung über Waffen und Reviersystem, Hunde, jagdbare Arten und den Wolf bis hin zum Wildbret. Er versteht es wirklich, eigenes Jagderleben erzählerisch und unterhaltsam mit Informationen, Erklärungen, historischen Herleitungen, Anekdoten und Beschreibungen zum jeweiligen Thema zu verknüpfen. Das Buch zeugt von differenzierter Sachkenntnis und ist mit leichter Hand geschrieben. Für Jägerinnen und Jäger ist das kurzweilig, anderen vermag es die Jagd verständlich zu machen und also näherzubringen.

Eckhard Fuhr vertritt allerdings offensiv Positionen des ÖJV, etwa wenn es um den Schrotschuss auf Rehwild geht oder die Verkürzung der Schonzeit auf Böcke (siehe dazu den Beitrag Ohne Hemmungen auf Rehwild? in diesem Blog). In der Regel schreibt er das auch dazu. Und er argumentiert meist sachlich, vertritt diese Positionen nicht dogmatisch. Seine Ablehnung von Loden und Trophäen kommt in „Jagdkunde“ noch nicht ganz so deutlich durch wie zuletzt in einem taz-Interview, das leider von erheblicher Schwarzweißmalerei zeugt.

Man muss schon genau ins Impressum des Buches schauen um herauszufinden, dass es sich bei „Jagdkunde“ um eine durchgesehene Taschenbuchausgabe des bereits erwähnten Buches „Jagdlust“ handelt, mit verändertem Titel und Untertitel. Dieser Hinweis fehlt leider auch auf den Verlagsseiten und im Online-Handel. Das ist ärgerlich für Leserinnen und Leser, die bereits die gebundene Originalausgabe besitzen und sich auf ein neues Buch gefreut hatten. 

Der Text wurde lediglich durchgesehen und geringfügig überarbeitet. Besonders augenfällig ist das bei den Passagen, in denen es um den ÖJV geht. Ein Beispiel: 2012 hatte Fuhr noch geschrieben, die im ÖJV organisierten Jäger fände wohl deswegen soviel Resonanz in den Medien, „weil sie das Öko-Etikett nutzen, auch wenn es schlicht um holzwirtschaftliche Interessen geht.“ In diesem Zusammenhang hieß es, Journalisten ließen sich eben leicht einen Bären aufbinden. 2019 hat der ÖJV-Vizevorsitzende diese Sätze gestrichen.

Darüber kann man mindestens schmunzeln. Aus Sicht des Rezensenten ist das Buch aber auch in der neuen Fassung lesenswert. Wer antiquarisch eine Ausgabe von „Jagdlust“ auftreiben kann, sollte allerdings lieber zu dieser greifen, auch wegen der wunderbaren Zeichnungen von Cornelia Schleime.

Eckhard Fuhr: Jagdkunde. Zeitgemäße Betrachtungen über ein altes Handwerk, erschienen 2019 bei Matthes & Seitz, 176 Seiten, Paperback, 10,00 Euro
Originaltitel: Jagdlust. Warum es schön, gut und vernünftig ist, auf die Pirsch zu gehen, erschienen 2012 im Quadriga Verlag

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Originaltitel antiquarisch erhältlich z.B. über amazon

Greenwash, Inc.

„Greenwash, Inc.“ von Karl Wolfgang Flender ist ein durchaus aktueller Roman: Thomas, der Protagonist, arbeitet für eine international agierende PR-Agentur, die Unternehmen ein grünes Image verpasst. Und zwar gerade dann, wenn sie Regenwälder abholzen, hochgiftigen Computerschrott verschiffen oder den Tod von indischen Kinderarbeitern billigend in Kauf nehmen. Thomas inszeniert Hope Stories von ökologischer Nachhaltigkeit in einer Welt ohne Anlass zur Hoffnung auf einen tatsächlichen Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen. Diese Welt ist zynisch, absolut moralfrei und von kalter Effizienz. So weit, so zeitkritisch.

Allerdings bedient der Autor ziemlich viele Klischees, und das ohne Ironie oder Augenzwinkern. Die Charaktere sind teilweise überzeichnet und entwickeln sich nicht, der fiese Agenturchef bleibt fies und die mit Psychopharmaka zugedröhnten Mitarbeiter dröhnen sich zu, von Anfang bis Ende. Außerdem muss sich der geneigte Leser auf lange Dialoge über Rennradmarken oder Mixgetränke einlassen. Man kennt diese Stilmittel seit Bret Easton Ellis’ berühmtem Roman „American Psycho“, und wahrscheinlich werden sie heute an der Uni Hildesheim gelehrt, wo Flender „Literarisches Schreiben“ studiert hat. Wer so etwas mag, sollte „Greenwash, Inc.“ ruhig lesen.

Karl Wolfgang Flender: Greenwash, Inc., DuMont Buchverlag 2015, 392 Seiten, gebunden 19,99 Euro, Taschenbuch 11,00 Euro

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Unsere Wölfe

Vor bald 20 Jahren galt die Geburt der ersten wilden Welpen auf dem Boden der Bundesrepublik als Sensation. Seitdem haben sich die Wölfe beinahe im ganzen Land immer mehr Territorien erschlossen. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz konnten im letzten Monitoringjahr 73 Rudel und 30 Paare bestätigt werden (siehe Pressemitteilung). Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Bestände in nächster Zeit weiter exponentiell ansteigen.

Die einen feiern die Rückkehr des Wolfes als Erfolgsgeschichte des Natur- und Artenschutzes. Die anderen sehen in erster Linie die Probleme, die eine ungeregelte Ausbreitung in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft mit sich bringt. Beide Seiten vereint die Faszination für dieses große Raubtier.

Heiko Anders begleitet die Rückkehrer seit vielen Jahren mit der Kamera. Im Auftrag der Landesumweltämter und anderer Institutionen arbeitet er für das Wolfsmonitoring. Mehrfach konnte er Erstnachweise neuer Rudel liefern. Vor allem brachte ihn diese Arbeit näher heran an die wilden Wölfe als jeden anderen. Jetzt hat er einen opulenten Bildband vorgelegt. Die darin versammelten Fotos sind zwischen 2013 und 2018 in acht verschiedenen Revieren in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt entstanden.

Mit durchgängig großartigen (Nah)Aufnahmen führt Anders die Betrachter mitten in die Habitate und Rudel. Seine Bilder vermitteln tiefe Einblicke in das Leben der Wölfe, zeigen das Territorial- und Sozialverhalten der adulten Tiere und ihrer Welpen. Die zugehörigen Texte und Bildunterschriften sind informativ und beschreiben unterhaltsam die Umstände, unter denen die jeweiligen Aufnahmen entstanden sind. In Bild und Text zeigt sich Heiko Anders‘ Begeisterung für diese wunderbaren Tiere – er bringt uns die Wölfe im eigentlichen Sinne nahe. Übrigens sind nicht ausschließlich Wölfe abgelichtet: Im Band finden sich vereinzelt auch Bilder anderer Arten (z.B. Rotwild).

Etwas ärgerlich ist, dass der NABU als Herausgeber die Einleitung zum Band für die hinlänglich bekannten Grabenkämpfe nutzt. Einschließlich unausgewogener Sticheleien gegen die Jägerschaft, deren Beiträge zu Artenschutz und Wolfsmonitoring unerwähnt bleiben. Die Probleme der Nutztierhalter werden mit dem Hinweis auf Herdenschutz und Entschädigung heruntergespielt. Dass einem Schäfer das Wohlergehen seiner Schafe am Herzen liegen könnte, scheint nicht in diese Vorstellungswelt zu passen. Aber das sind nur wenige Seiten in einem ansonsten ästhetisch und inhaltlich wirklich empfehlenswerten Bildband.

Heiko Anders, Das Leben unserer Wölfe. Beobachtungen aus heimischen Wolfsrevieren, hrsg. vom NABU e.V., erschienen 2019 im Haupt Verlag, 224 Seiten, 220 Farbfotos, Großformat gebunden, 29,90 EUR

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Zur Rückkehr des Wolfes siehe auch in der Rubrik „Angelesen“ den Beitrag „Im Wolfserwartungsland“.

Harlings Jagd(B)Revier

„Mit der Saufeder geschrieben“ hat Gert G. von Harling sein neues Buch, nach eigenem Bekunden. Also nicht mit dem goldenen Füllfederhalter. Sondern spitz und scharf, beidseitig geschliffen, zu Abwehr und Verteidigung gedacht. Seine Sammlung von Kommentaren und Reflexionen rund um die Jagd soll auf negative Entwicklungen aufmerksam machen und Denkanstöße geben, ohne dabei besserwisserisch oder mit erhobenem Zeigefinger daher zu kommen. Mal ironisch, mal scharfzüngig, mal nachdenklich.

Der Autor muss nicht weiter vorgestellt werden: Er war Schriftleiter der Wild und Hund sowie Lektor des Verlages Paul Parey und wurde vielfach ausgezeichnet und geehrt. Mit mehr als 60 Buchveröffentlichungen und ungezählten Beiträgen in der Jagdpresse ist Gert von Harling einer der bekanntesten zeitgenössischen Jagdautoren des Landes, bekannt gleichermaßen für anspruchsvolle Belletristik wie gehaltvolle Fachliteratur. Zuletzt hatte er lesenswerte Erinnerungen vorgelegt (siehe Halali Nr. 1/2018).

Und jetzt also ein Jagd(B)revier. Rund 120 kurze Texte sind darin versammelt. Die handeln von Brauchtum, Wandlungen der Jagd, Rechtsfragen, Waffen und Technik, Ethik, Wildtieren, Kleidung, Jagdhunden, Veganismus und und und… Ein thematischer Parforceritt voller unterhaltsamer Anekdoten, anregender Gedanken und kritischer Positionen. Von Harling geht mit Jagdgegnern ebenso scharf ins Gericht wie mit einer Jägerschaft, der die Waidgerechtigkeit abhanden kommt.

Nur gelegentlich tappt der Autor in die Früher-war-alles-besser-Falle, und manche Bemerkung zeugt auch von einem gewissen Unverständnis für das Beschriebene. Aber es sind – wie gesagt – „Denkanstöße“, und als solche müssen sie ja nicht kritiklos übernommen werden. Im Gegenteil: es darf widersprochen werden.

Gert G. von Harling: Harlings Jagd(B)revier, erschienen 2018 im Verlag Neumann-Neudamm, 200 Seiten, gebunden, 19,95 Euro

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Wildschöne Welten

Gewissermaßen vor seiner Haustüre fotografiert Wolfram Otto, nämlich in Norddeutschland. Dabei hat er über viele Jahre seine Techniken der Tarnung und lautlosen Annäherung perfektioniert. Denn die meisten Wildtiere beobachten bekanntlich ihr Umfeld genau, und bei vielen Arten sind auch Hör- oder Geruchssinn besonders empfindlich. Eine kleine Bewegung, ein leises Geräusch oder ein Windzug in die falsche Richtung – und schon ist die Bühne leer. Wer mit Flinte oder Büchse jagt, kann davon Lieder singen. Wer mit der Kamera unterwegs ist, muss sogar noch näher ran. Und wer mehr als nur digitale Zufallsbeute machen will, wird nicht umhinkommen, die Tiere mitunter auf allen Vieren robbend oder im Neoprenanzug anzugehen. Der braucht echte Passion, fotografisches Handwerk und sicher auch immer ein Quentchen Glück. 

Bei Wolfram Otto kommt noch ein besonderes Gespür für Bildschnitt, Komposition und Tiefenschärfe hinzu. Der mehrfach ausgezeichnete Natur- und Tierfotograf hat jetzt einen opulenten Bildband mit einer Auswahl seiner besten Bilder vorgelegt. Es sind durchgängig faszinierende, teilweise spektakuläre Aufnahmen von wirklich außergewöhnlicher Qualität und Intensität. Sie zeigen Sorgenkinder des modernen Artenschutzes wie Biber, Eisvogel, Erdhummel oder Schachbrettblume und viele unscheinbare Arten, die weniger bekannt sind und in freier Natur leicht übersehen würden. 

Aber der Biologe und ehrenamtliche Naturschutzwart Otto will nicht nur die Anmut und Schönheit der heimischen Natur abbilden, sondern auch und gerade auf die Zerbrechlichkeit des Gefüges aufmerksam machen. Er will die Menschen sensibilisieren und für den Naturschutz gewinnen, so schreibt er selbst im Vorwort.

Kurze, meist informative, teilweise anekdotische Begleittexte handeln von den abgebildeten Arten und verweisen auf ökologische oder biologische Zusammenhänge. Dass darin die intensive Landwirtschaft durchweg am Pranger steht und beispielsweise der Biber nur als willkommener Biotopgestalter dargestellt wird, überrascht nicht. Auf die Probleme und Interessenskonflikte, die mit der Rückkehr des großen Baumfällers und Staudammbauers verbunden sind, geht Otto nicht weiter ein. Das ist aber vielleicht auch nicht die Aufgabe eines solchen Bildbandes.

Wolfram Otto: Wildschöne Welten in Norddeutschland, erschienen 2018 im Hinstorff Verlag, 224 Seiten, Großformat, 38,00 Euro

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Natur am Wegesrand

Wir sind heute in Bild und Ton atemberaubende Aufnahmen gewohnt. Technisch hochgerüstete Fotografen und Filmer jagen mit Löwen, tauchen in die Tiefsee oder fliegen mit Kranichen über die Alpen. Neubürger und Rückkehrer wie Wolf, Luchs und Biber drängen in den Vordergrund und werden allenfalls kurz vernachlässigt, wenn ein Problembär zuwandert oder ein Wal vor der Ostseeküste gesichtet wird. Das ist nicht unverständlich, aber auf eine Art auch ungerecht gegenüber der ganz gewöhnlichen Pflanzen- und Tierwelt, die oft nicht weniger aufregend und im eigentlichen Sinne sehenswert ist.

Dieser Natur vor unserer Haustüre hat sich Marc Giraud zugewandt. Der französischen Naturforscher, Sachbuchautor und Moderator hat Blick und Kamera auf die heimischen Landschaften, Pflanzen und Tiere gerichtet. Zahlreiche Fotografien stammen vom vielfach ausgezeichneten Naturfotografen Fabrice Cahez. Entstanden ist daraus ein Naturführer mit einem ebenso ungewöhnlichen wie attraktiven Gestaltungskonzept, das über 700 Farbfotos mit kurzen Begleittexten verbindet. Ein Bestimmungsbuch ist es aber nicht, selbst wenn sich dank des ausführlichen Registers einiges darin nachschlagen ließe. 

Vielmehr ist das Buch selbst aufgebaut wie ein Spaziergang, oder vielmehr wie vier Spaziergänge, denn es ordnet die Natur nach den Jahreszeiten. So beginnt der Gang durch den Frühling mit Weidenkätzchen und ihren Besuchern, also Hummeln, Faltern und Singvögeln. Es wird angedeutet, welche Bedeutung das Licht für die Pflanzen hat, wie Waldböden und Böschungen als Lebensräume aufgebaut sind und was der Einsatz von Pestiziden bedeutet. Heimische Orchideen und Wildrosen werden entdeckt, oder auch Löwenzahn, Brennnesseln, Eisvögel, Teichfrösche – kurzum all jene Lebewesen, die einem draußen begegnen können, wenn man denn aufmerksam ist und hinschaut. Genau dazu animiert das Buch. Man könnte es nach dem Lesen versuchsweise dem pubertierenden Nachwuchs vor das Smartphone legen. 

Marc Giraud: Natur am Wegesrand, erschienen 2018 im Haupt Verlag, 256 Seiten, Klappenbroschur, 24,90 Euro

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Jagd. Unsere Versöhnung mit der Natur

Bücher wie dieses sind Indiz und Ursache. Sie zeigen an, dass die Jagd sich langsam aus der klischeeverzerrten Ächtung einer den Tod verdrängenden Gesellschaft befreit. Und zugleich befördern sie diese Entwicklung. Noch vor kurzer Zeit wäre das undenkbar gewesen: Eine mehrfach ausgezeichnete Journalistin und Autorin, die unter anderem für „Brigitte“ und „Spiegel“ schreibt, legt ein Buch über die Jagd vor. Wohlgemerkt nicht als investigativer Angriff auf alte Männer in lodengrünem Wams, sondern als sehr persönliche Erzählung mit tiefem Blick in die eigene Psyche. Dass ein großer Verlag wie Rowohlt das ins Programm genommen hat, darf ebenfalls als Zeichen gedeutet werden. 

Schon deswegen sei „Jagd“ an dieser Stelle empfohlen, auch wenn es nicht in jeder Hinsicht überzeugen kann. Antje Joel erzählt auf verschiedenen Zeitebenen. Ihre zentrale und jüngste Jagderfahrung trägt sich irgendwo in den Weiten Idahos zu, auf Wolfsjagd mit Schneemobilen. Sie beschreibt die zwanghaften Methoden ihrer jagdlichen Ausbilderin in Nordfriesland, springt noch weiter zurück in ihre Kindheit und wieder vor zu beruflichen Verpflichtungen und familiären Bindungen. Der Freitod einer engen Freundin, einer Försterin, wird ihr zum biografischen Dreh- und Angelpunkt. Der gibt den Anstoß, sich mit existenziellen Fragen um Leben und Tod zu befassen und die Jägerprüfung anzugehen. Zuletzt wird die Jagd für die Autorin zur Versöhnung mit der Natur und dem eigenen Sein.

So weit, so lesenswert. Allerdings ist mit „Jagd“ hier eine eher archaische Form der Jagd gemeint, der Überlebenskampf in der Wildnis, nicht der Ansitz auf Sauen und Böcke am Rapsfeld. Mit der Jägerschaft und dem jagdlichen Alltag der norddeutschen Tiefebene kann sich die Autorin nicht wirklich anfreunden. Das Buch bietet durchaus kluge und nachdenkliche Passagen, und es provoziert mit teilweise radikalen Ansichten über Leben und Tod, Jagd und Töten. Mitunter verfällt Antje Noel dabei leider in einen schnoddrigen bis aggressiven Tonfall und hetzt über Tierfreunde, Veganer und Jagdgegner. Da wäre mehr Sachlichkeit angeraten.

Antje Joel: Jagd. Unsere Versöhnung mit der Natur, erschienen 2018 im Rowohlt Verlag, 266 Seiten, Paperback, 14,99 Euro

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