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Kategorie: Bücherwald (Seite 1 von 6)

Rezensionen von Büchern über Natur und Jagd, überwiegend aus der Rubrik Bücherwald im Magazin Halali

Nicht um die Ecke!

Vorab zur Erläuterung: Ich bespreche regelmäßig auch Kinderbücher. Jetzt wurde meine Rezension des Buches „Nicht um die Ecke!“ von einer Redaktion abgelehnt. Nicht dass mein Text für schlecht befunden worden wäre, zu lang oder zu kurz oder verspätet eingereicht. Vielmehr sah die Redaktion die im Buch beschriebene „Grenzüberschreitung des Kindes“ kritisch und will das Buch deswegen nicht ihren Leserinnen und Lesern empfehlen. 

Ich bin mit der „Rappelkiste“ und Michel aus Lönneberga aufgewachsen, von Pippi Langstrumpf und Neills „Grüner Wolke“ gar nicht zu reden. Bücher voller Grenzüberschreitungen. Mich entsetzt der Gedanke, Kinderbücher als Disziplinierungsinstrumente anzusehen – und nicht als phantastische Abenteuerspielplätze, in denen vieles ganz anders ist als in der Welt der Erwachsenen.

Anstelle der Indizierung oder Vernichtung verdächtiger Druckerzeugnisse schlage ich vor, künftig folgenden Warnhinweis auf Kinderbücher zu drucken: 

Parental advisory: This Book contains sequences of disobedience

Und weil das Buch so schön grenzüberschreitend ist, empfehle ich es ganz ausdrücklich und veröffentliche hier meine Rezension:

Nicht um die Ecke!

Emma ist mit ihrer Mama und dem Dreirad im Park. Sie ist voller Tatendrang, aber Mama sitzt nur auf der Bank und schaut auf ihr Handy. „Du fährst nicht um die Ecke!“, mahnt sie noch. Eine Situation, die wohl viele Kinder kennen. Emma langweilt sich, aber schon bald machen ihre Füße, was sie wollen, treten in die Pedale, der Wind weht ihr ins Gesicht, bunte Blätter wirbeln auf – und ehe sie sich’s versieht, ist Emma schon um die Ecke verschwunden. Dort ist es wirklich spannend: Affen klettern in die Bäume, Schiffe fahren übers weite Meer, Pferde springen umher. Oder bildet sie sich das alles nur ein? Sind es nur geheimnisvolle Schatten auf der Mauer? Egal, „Um die Ecke“ gibt es jedenfalls Abenteuer, wie nur Kinder sie erleben können.

Die Illustrationen sind so eindrücklich, dass kleine und große Betrachterinnen und Betrachter unmittelbar teilhaben an den Entdeckungen, die Emma macht. Autor und Illustrator Dirk Steinhöfel zeigt die Welt durch Emmas Augen und ihre grenzenlose Phantasie. Steinhöfel ging erst andere berufliche (Um)Wege, bevor er sich 2003 selbständig machte. Seine zahlreichen Kinderbücher zeichnen sich durch eine ganz eigene Ästhetik aus: Es sind dreidimensionale, am Computer entworfene Bilderwelten mit starker Ausdruckskraft und wenigen Worten. Das Buch wird empfohlen für Kinder ab 4 Jahren.

Dirk Steinhöfel: Nicht um die Ecke, FISCHER Sauerländer Verlag 2018, 48 Seiten gebunden, 14,99 Euro, ISBN 978-3-7373-5531-5

Weitere Informationen und eine Leseprobe
finden Sie auf den Seiten des Verlags.

Emotionen bei Hunden

Ob nun der Mensch den Hund domestiziert hat oder der Hund den Menschen, oder ob sich beide in einem Prozess der Koevolution zu jenen Wesen entwickelt haben, die sie heute sind, sei hier dahingestellt. Richtig ist aber ohne Zweifel, dass beide zu erstaunlichen Verstandesleistungen fähig sind, und zu tiefen Emotionen. Wo Mensch und Hund einander verstehen, etwa auf der Jagd, sind sie engste Partner und unschlagbare Gespanne. Aber dieses Verständnis ist nicht selbst-verständlich, selbst erfahrene Hundemenschen missdeuten gelegentlich ihre Vierläufer. 

Ein jetzt erschienenes Buch soll hier Abhilfe schaffen: die „Blickschule“ von Katja Krauß und Gabi Maue. Es enthält mehr als 1300 Standfotos und Bildsequenzen von Hunden in unterschiedlichen Konstellationen und Situationen, versehen mit detaillierten Erläuterungen und Hinweisen. Der erste Teil zeigt die einzelnen Körperteile beim Ausdrucksverhalten; der zweite befasst sich mit Kommunikationssignalen wie etwa Züngeln, Abwenden oder Gähnen; und der dritte fokussiert die unterschiedlichen Emotionen, also beispielsweise Angst, Wut oder Freude. In Art und Umfang ist solch ein Werk noch nicht dagewesen, und man kann den Kynos Verlag für seinen verlegerischen Mut nur beglückwünschen (in 2021 erscheint noch ein zugehöriges Arbeitsbuch mit Fragen und Aufgaben). 

Aber wo viel Licht ist, fallen auch Schatten: Es sind ganz überwiegend Fotos der Hunde der beiden Autorinnen, sehr unterschiedliche Rassen zwar, kleine und große, lang- und kurzhaarige, Reinrassige und Mischlinge. Aber jagdlich geführte oder andere Gebrauchshunde sind nicht darunter, schon gar nicht im Einsatz. Mitunter erkennt auch der wohlwollende Betrachter hinter dem wuseligen Etwas nicht die in der Bildunterschrift verheißene Emotion. Die Autorinnen selbst sprechen einleitend von „Schnappschüssen“, und das bezeichnet viele der Bilder recht gut. Der geradezu gebetsmühlenartige Verweis auf die Tellington-Trainingsmethode, die beide Autorinnen praktizieren, verleiht dem Text stellenweise den Charme einer Werbebroschüre. 

Katja Krauß und Gabi Maue: Emotionen bei Hunden sehen lernen. Eine Blickschule, erschienen 2020 im Kynos Verlag, gebunden 624 Seiten, 59,95 Euro

Winterwald

Wer an Tiere und Pflanzen des Waldes denkt, hat wohl nicht als erstes Winterbilder im Kopf. Wahrscheinlicher sind Bilder der grünen Fülle, Bilder von Frühling und Sommer oder auch Bilder der Jagd im Herbstlaub. Aber das wird der kalten Jahreszeit nicht gerecht: Im Winter ist der Wald zwar stiller und offener, aber unbelebter ist er natürlich nicht. Die Pflanzen folgen ihren Überlebensstrategien, und gerade im weißen Gewand finden sich allenthalben Spuren der oft gar nicht so heimlichen Waldbewohner.  

Deswegen richtet Ekkehard Ophoven seinen Blick auf den Winterwald. Der Autor stammt aus einem Jägerhaushalt, ist selbst passionierter Jäger, studierte Forstwissenschaften, verantwortet seit vielen Jahren das Jagdbuch-Programm im Kosmos-Verlag und hat auch selbst das eine oder andere Fachbuch verfasst. In zwanzig Kapiteln widmet er sich den Waldbewohnern, angefangen bei Bäumen und Pilzen über Rotwild, Wildschweine und Eichhörnchen bis zu Spechten und Habichten. Darin wechseln sich stimmungsvolle oder anekdotische Erzähl-Passagen und grundlegende (wild)biologische Beschreibungen zu den jeweiligen Arten ab. Es gelingt Ophoven ausgezeichnet, die Jägersprache für Nicht-Jäger zu übersetzen, ohne dabei oberlehrerhaft oder prätentiös daherzukommen.

Auch die überwiegend naturalistischen Aquarelle der französischen Illustratorin Sandra Lefrançois fangen die Stimmung im Winterwald wunderbar ein. Gleichwohl ist das nicht nur ein Buch für lange Leseabende am Kamin. Für Menschen mit grünem Abitur bietet es zwar wenig Neues, aber eine Wissensauffrischung auf unterhaltsame Art. Für alle anderen ist es ein prima Einstieg in die Biologie des Waldes, zumal die Beschreibungen weit über die winterlichen Besonderheiten hinausgehen.

Ekkehard Ophoven: Winterwald. Begegnungen mit Tieren und Pflanzen in der stillen Jahreszeit, erschienen 2020 im Franckh-Kosmos Verlag, 256 Seiten, gebunden, 36,00 Euro

Die Flinte

In fast keinem Jägerschrank dürfte die Flinte fehlen. Abgesehen von kombinierten Waffen ist sie sicher das vielseitigste Jagdgewehr: Mit Schrot geht es auf Fuchs und Taube, Hase und Fasan, in anderen Ländern auch auf Rehwild. Und mit „der Brenneke“ im Lauf brachten die Flintenjäger der DDR alles Schalenwild zur Strecke. Weil diese Kombination kaum fehleranfällig ist und durchschlagend im eigentlichen Sinne, schwört heute so mancher Nachsuchenführer darauf. Außerdem ist die Flinte bei Sportschützen beliebt, Trap und Skeet sind olympische Disziplinen.

Mit der jetzt vorliegenden Monografie hat Norbert Klups seine vierbändige Edition der beliebtesten Jagdwaffen abgeschlossen (Band I: Drilling, II: Doppelbüchse, III: Repetierer). Von der Geschichte der Schrotwaffen über Schlosse und Verschlüsse, Läufe und Schäfte, Bauarten und Konstruktionsmerkmale, Kaliber und Patronen bis zu Pflege und Gebrauchtwaffenkauf lässt der bekannte Fachautor und Schießtrainer keinen wichtigen Aspekt aus. Auch einige Kuriositäten aus der Geschichte des Flintenbaus werden vorgestellt, etwa die Becker-Selbstladeflinte aus den 20er Jahren mit ihrem markanten Trommelmagazin für 5 Patronen. Das großformatige Buch ist insgesamt informativ und – wie schon die anderen drei Bände der Reihe – reich und ästhetisch bebildert.

Für Liebhaber exklusiver Modelle ist die Beschränkung auf „große“ Flintenhersteller im entsprechenden Kapitel nicht wirklich nachvollziehbar. Denn „Größe“ bemisst sich hier an der Betriebsgröße und an Absatzzahlen. Folglich kommen kleine Edelschmieden wie beispielsweise Purdey nicht darin vor, wohl aber manch ein Hersteller kostengünstiger Fabrikflinten aus Kunststoff und Druckguss. Wer den Band als „unverzichtbares Nachschlagewerk“ nutzen möchte, wie die Verlagswerbung ihn preist, wird vielleicht ein Schlagwortregister für den leichteren Zugriff vermissen.

Norbert Klups: Die Flinte, erschienen 2020 im Heel Verlag, 240 Seiten, Großformat gebunden im Schuber, 49,95 Euro

Praxishandbuch Jagd

Im fortgeschrittenen Internet-Zeitalter gehört schon einiges an verlegerischem Mut dazu, ein über 650 Seiten starkes Handbuch der Jagd aufzulegen. Stolze 2389 Gramm bringt das gute Stück auf die Küchenwaage. Viele Verlage haben sich zuletzt aus dem Jagdsegment zurückgezogen, denn die stetig wachsende Jägerschaft ist keine wachsende Leserschaft. Jagdliteratur ist nicht mehr lukrativ. Umso lobenswerter ist es, dass man bei Kosmos – einem der letzten größeren Verlage, die noch ein umfangreiches Jagdprogramm bieten – offensichtlich gegen den Strom schwimmt und das Standardwerk „Praxishandbuch Jagd“ nicht nur lieferbar hält, sondern eine vollständig überarbeitete Neuausgabe besorgt hat. 

Als Herausgeber firmieren weiterhin Walter Bachmann und Rolf Roosen, die redaktionelle Bearbeitung lag in den Händen von Ekkehard Ophoven. Unter den Mitarbeitern sind namhafte Autoren wie Friedrich K. von Eggeling oder Herbert Kalchreuter. Der reich bebilderte Text ist in fünf Teile gegliedert (Das Wild, Das Revier, Die Jagd, Die Jagdhunde und Die Jagdtrophäen) und jeweils thematisch in mehrere Kapitel und zahlreiche Unterkapitel aufgeteilt. Laut Eigenwerbung enthält das Buch „alles, was Jagdscheinanwärter, Jungjäger und ‚alte Hasen‘ über Wild, Hege und Jagdpraxis wissen müssen.“

Tatsächlich lässt sich im „Praxishandbuch Jagd“ unterhaltsam und gewinnbringend schmökern, auch wenn die Gewichtung der Jagdtrophäen als eigenständiger Teil etwas anachronistisch anmutet. Es ist aber ohnehin weder ein Lehrbuch zur gezielten Vorbereitung auf die Jägerprüfung noch ein „echtes“ Nachschlagewerk von A bis Z. Wer sich intensiver mit einem der vielen Themen befassen will, wird nicht umhinkommen, zur Fachliteratur zu greifen. 

Walter Bachmann und Rolf Roosen (Hrsg.): Praxishandbuch Jagd. Ein Nachschlagewerk für Jägerinnen und Jäger, erschienen 2020 im Franckh-Kosmos Verlag, 656 Seiten, 68,00 Euro

Er ist da

Im Jahr 2000 wurden auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland die ersten Welpen gewölft. Bis dahin galt der Wolf hierzulande als ausgerottet, abgesehen von gelegentlichen Grenzgängern, die in aller Regel sofort zur Strecke gebracht wurden und kaum weitere Erwähnung fanden. Keine 20 Jahre später, im Monitoringjahr 2018/19, sind 105 Rudel bestätigt, dazu 25 Paare und 13 sesshafte Einzelwölfe. Als streng geschützte Art ohne natürliche Feinde vermehrt sich der Wolf exponentiell. Insofern ist der Titel ebenso einfach wie sachlich richtig: Er ist da.

Und der Titel ist Programm. Es ist Klaus Hackländers erklärter Anspruch, die mitunter erbittert geführte Debatte um das Ob und Wie der Wiederansiedlung des großen Raubtiers zu versachlichen. Der Inhaber des Lehrstuhls für Wildtierbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien schlägt sich weder auf die Seite der Wolfskuschler noch auf die der Dämonisierer. Er stellt und beantwortet insgesamt 40 Fragen, etwa „Was ist ein geeigneter Lebensraum für Wölfe?“, „Führt der Wolf zum Aussterben von Wildtierarten?“ oder „Was kostet der Wolf?“. Seine Antworten sind gut recherchiert und wissenschaftlich fundiert, aber sie werden nicht jedem schmecken.

Zum Beispiel die Antwort auf die Frage, ob die Jagd ein gutes Mittel ist, um Schäden an Nutztieren zu verhindern: Ja, lautet sie, aber nur dann, wenn sie sehr intensiv und ausdauernd betrieben werde. Die Geschichte zeige, dass Wölfe verschwinden, wo sie konsequent verfolgt werden. Aber solch eine Verfolgung sei in Europa nicht mehrheitsfähig und also keine Option. Eine selektive Einzelbejagung, wie sie beispielsweise in Slowenien praktiziert werde, bringe dagegen keine merklichen Effekte. Und diverse wissenschaftliche Untersuchungen bestätigten, dass Einzelabschüsse kein probates Mittel zum Schutz von Nutztieren seien, sondern möglicherweise die Probleme noch verschärfen könnten. 

Klaus Hackländer: Er ist da. Der Wolf kehrt zurück, erschienen 2020 im Ecowin-Verlag, 224 Seiten, 24,00 Euro

Auf der Pirsch

Sophia Lorenzoni ist den Leserinnen und Lesern der deutschen Jagdpresse keine Unbekannte: Sie war Volontärin im Paul Parey Verlag, bei der „Deutschen Jagdzeitung“ und „Jagen Weltweit“, und sie war in dieser Eigenschaft auch in dem einen oder anderen Film auf „DJZ-TV“ zu sehen. Heute arbeitet sie für den Landesjagdverband Baden-Württemberg im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Dabei war ihr dieser Weg nicht familiär vorgeebnet, eher im Gegenteil: Ihr Interesse für die Jagd und der Entschluss, das grüne Abitur anzugehen, sorgten in ihrer Familie und unter Freunden zunächst für Befremden.

Das erzählt sie in einer der vielen biografischen Passagen ihres ersten Buches „Auf der Pirsch“. Überhaupt sind eigene Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse der Ausgangspunkt aller Kapitel des Buches, ganz gleich, ob es darin um das Jagen und Töten geht, oder um Waidgerechtigkeit, Hundeausbildung, Waidmannssprache, Brauchtum, Wildunfälle, unterschiedliche Jagdarten und nahezu sämtliche Aspekte der modernen Jagd. Das mag erstaunen angesichts der Tatsache, dass die junge Frau erst 2015 ihre Jägerprüfung gemacht hat. 

Aber genau das ist vielleicht auch eine Stärke des Buches: Es ist ein frischer, unverstellter, junger Blick auf die Jagd. Dabei hält die Autorin der leider immer noch oft testosterongesteuerten Jägerschaft manchen Spiegel vor. Auch von überraschenden Jagdeinladungen mit zweifelhaften Absichten kann sie berichten. Vor allem aber sprechen aus jeder Zeile ihre Passion für das jagdliche Handwerk und eine tiefe Liebe zur Natur. Und Lorenzoni schreibt auch offenherzig von Gewissensbissen beim Töten eines Lebewesens, eigenen Fehlschüssen und Selbstzweifeln. 

Zielgruppen des Buches dürften Jugendliche und junge Erwachsene sein, die sich für die Jagd interessieren, aber noch wenig Berührung damit hatten. Deswegen wird jeder Begriff aus der Jägersprache erklärt, was den Text stellenweise etwas schulmeisterlich wirken lässt. 

Sophia Lorenzoni: Auf der Pirsch. Von Jagdhunden, Gewissensbissen und der Liebe zur Natur, erschienen 2020 bei BLV im Gräfe und Unzer Verlag, 240 Seiten, 16,99 Euro

Ganz normaler Wahnsinn?

Wenn die Verlage über rückläufige Verkaufszahlen, den Niedergang des Buchwesens im Allgemeinen und die Undankbarkeit der Leserschaft im Besonderen klagen, sollten sich Verleger und Lektoren auch einmal an die eigene Nase fassen. Könnte das, so sollten sie sich vielleicht fragen, auch mit Masse und Qualität zu tun haben? Müssen beispielsweise, wenn sich Bücher von Martin Rütter, Cesar Millan oder Anton Fichtlmeier gut verkaufen, zwingend 27 weitere Titel in der Sparte „Hundeflüsterei“ erscheinen, und zwar pro Verlag und Jahr?

Bei Käufer oder Leserin führt das schnell zu gähnender Langeweile und Verdruss. Immerhin kosten ja selbst Paperbacks oder Englische Broschuren heute schnell mal 18 oder 22 Euro, gebundene Bücher häufig noch mehr. Wenn dann mal wieder so ein überflüssiges Werk auf Nimmerwiedersehen oben links im Bücherregal verschwindet, ist mitunter der Gedanke naheliegend, die nächste Neuerscheinung zu ignorieren und stattdessen Hundevideos bei YouTube anzuschauen. Die belasten weder Portemonnaie noch Regal. Und das Beste daran: schlechte Filmchen lassen sich einfach wegklicken.

Anlass dieser Gedanken ist ein Taschenbuch, das 2020 bei Kosmos erschienen ist (wobei ausdrücklich gesagt sei, dass Kosmos einer der wenigen Verlage ist, die in großer Zahl überaus lesenswerte Titel zu Natur und Jagd im Programm führen): „Der ganz normale Wahnsinn“ von Perdita Lübbe-Scheuermann und Frauke Burkhardt. Erklärtermaßen ist das Buch der beiden erfahrenen Hundetrainerinnen kein Ratgeber, sondern soll „kurzweilige Lektüre mit viel Mut zur Wahrheit“ sein. Der Verlag nennt es „frech, provokant, tiefgründig“. Das weckt Erwartungen.

Aber dann folgt Seite auf Seite voller Trivialitäten, Lamento und Spott. Von ganz hoher Warte blicken die beiden auf Hundetrainer, Hundeschulen, Hundehalter und ein wenig auch auf Hunde herab, und nach 88 Seiten weiß der tapfere Leser immerhin soviel: alle doof (außer den Hunden). Was fehlt sind lehrreiche oder unterhaltsame Geschichten, gute Fallbeispiele, interessantes Hundewissen oder irgendetwas, das Erkenntnisgewinn oder Lesespaß verschaffen würde. Bei diesem Buch ist weniger „Mut zur Wahrheit“ gefordert als vielmehr Mut zum Weiterlesen, zumal der Stil, vorsichtig formuliert, eher gewöhnungsbedürftig ist.

Ob das noch bis zum Ende auf Seite 208 so weitergeht, kann ich nicht sagen – denn ich habe, das gebe ich zu, diesen Mut nicht aufgebracht. Das kommt bei mir selten vor. Aber auf dem Stapel meiner zu rezensierenden Bücher liegen noch einige vielversprechende Titel, und auch meine (Lese)Zeit ist ja begrenzt und will nicht verschwendet sein.

Perdita Lübbe-Scheuermann und Frauke Burkhardt, Der ganz normale Wahnsinn. Von Hunden und ihren Menschen, Franckh-Kosmos Verlag 2020, 18,00 Euro

Der Nachsuchenführer

Von den vielen Büchern zum Thema Schweißarbeit/Nachsuche, die in den letzten Jahren erschienen sind, ist dieses möglicherweise das schlechteste: „Der Nachsuchenführer“ von Helmut Huber. Wer angesichts des Titels vermutet hat, es gehe darin um die Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen am anderen Ende des Schweißriemens, um praktische Erfahrungen gar oder um nützliche Tipps, wird bitter enttäuscht sein.

Denn am Ende der 144 Seiten, auf denen sich erzählende und belehrende Passagen abwechseln, steht nur soviel fest: Nachsuchenführer sind ganz harte Kerle, scheuen weder Regen noch Kälte, haben die Kondition von zwei Marathonläufern und die Weisheit eines Obi-Wan Kenobi. Gerufen werden sie eigentlich immer nur von Vollpfosten, die kaum Hirsche und Sauen unterscheiden können und ihre Jagdscheine in Schnellkursen mit Erfolgsgarantie ergattert haben. Und Frauen kommen in der rauen Männerwelt der Schweißarbeit nur als verständnisvolle Ehefrauen der Nachsuchenführer und Kaffeekocherinnen am Streckenplatz vor.

Sympathisch daran ist allenfalls der ostentative Verzicht des Autors auf Ausrüstungsfirlefanz. Die Vorstellung, wie der alte Opel Corsa neben all den SUVs und Pick-ups anhält, ein Hannoverscher Schweißhund vom Beifahrersitz springt und der Hundeführer seinen 98er schultert, lässt einen durchaus schmunzeln.

Aber die Lachmuskeln verspannen sogleich angesichts der einen oder anderen ebenso dogmatisch vorgebrachten wie falschen Behauptung, wie etwa dieser: Die ersten 10 Lebenswochen prägen einen Hund überhaupt nicht (S. 14); Im Haus darf niemals gefüttert werden (15f); Zur Durchsetzung der Stubenreinheit sollte ein Hund kräftig am Genick geschüttelt werden (16). Wenn der Autor dann auch noch zugibt, an der Kirrung den Sauen aufs Haupt zu schießen (37), von der Naturbelassenheit ehemaliger Truppenübungsplätze schwärmt (53) und sich zuletzt auch noch die skurrilen Thesen Peter Wohllebens zueigen macht (116), steigen sicher auch wohlmeinende Leserinnen und Leser aus.

Da mag eine Schlussbemerkung über den Schreibstil anmuten wie ein Fangschuss auf einen bereits aufgebrochenen IIb-Hirsch: Stilblüten wie „Die Spannung war zum Greifen nah“ runden das Gesamtwerk ab.

Helmut Huber, Der Nachsuchenführer. Von der Arbeit mit dem Schweißhund, Stocker Verlag 2020, Hardcover 144 Seiten, 29,90 Euro

Stallschwalben

Schon einige Jahre hält Ulrike Siegel eine eigene belletristische Nische besetzt, und das überaus erfolgreich: „Bauerntöchter erzählen“. Den Anfang machte die Bauerntöchter-Trilogie mit autobiografischen Erzählungen, die mittlerweile sogar im Schmuckschuber zu haben ist. Es folgten Bücher mit Erzählungen von Frauen, die Höfe verlassen, und solchen, die in Höfe eingeheiratet haben, außerdem von Bauerntöchtern auf den Spuren ihrer Mütter, prominenten Bauernkindern und Bauernsöhnen. 2018 gab es sogar einen Jubiläumsband mit den besten Geschichten aus 15 Jahren „Bauerntöchter erzählen“.

Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Autorin nun auch ein Buch mit eigenen autobiografischen Geschichten vorgelegt hat. Denn Ulrike Siegel ist natürlich selbst eine Bauerntochter, geboren 1961 auf dem elterlichen Hof in Baden-Württemberg. Dort ist sie aufgewachsen, dort arbeitete sie auch nach der Schulzeit, erwarb Meistertitel in Landwirtschaft und ländlicher Hauswirtschaft, studierte dann Agrarwissenschaften und schloss längere Auslandsaufenthalte in Lateinamerika, Afrika und Indien an. Über viele Jahre war sie Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg.

Die titelgebenden „Stallschwalben“ stehen für die Sehnsucht der jungen Frau, mit den Vögeln gen Süden zu ziehen. Einfach aufbrechen, die enge Welt verlassen, anstelle des kalten und kargen Winter ferne Welten erkunden – davon konnte sie nur träumen. Denn das Leben auf den Höfen in den 60er und 70er Jahren war arbeits- und entbehrungsreich, auch für Bauerntöchter. Die waren von klein auf eingebunden in Ernte, Versorgung des Viehs und häusliche Verrichtungen. In 22 kurzen Erzählungen nimmt Ulrike Siegel ihre Leserinnen und Leser mit in diese Zeit und setzt aus zahllosen Anekdoten und Erinnerungen ein authentisches Bild zusammen.  Das ist alltagsgeschichtlich interessant, meist durchaus kurzweilig und stellenweise auch recht nostalgisch. Wer es gelesen hat, wünscht sich, selbst Bauerntochter gewesen zu sein, allen Entbehrungen zum Trotze.

Ulrike Siegel: Stallschwalben. Autobiografische Geschichten einer Bauerntochter, erschienen 2019 bei LV.Buch im Landwirtschaftsverlag, 192 Seiten, 14,00 Euro

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