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Kategorie: Bücherwald (Seite 2 von 5)

Rezensionen von Büchern über Natur und Jagd, überwiegend aus der Rubrik Bücherwald im Magazin Halali

Die Herrscher der Lüfte und ich

Sandra Jung ist wahrscheinlich vielen Jägerinnen und Jägern bekannt. Zumindest jenen, die eine Affinität zu neuen Medien haben. Denn sie ist umtriebig auf YouTube, Instagram und Facebook unterwegs, bewirbt edle Jagdoptik und allerlei anderes rund um die Jagd und dabei nicht zuletzt immer auch sich selbst: Jungjägerin Sandra Jung, Falknerin Sandra Jung. Auch jene Fernsehzuschauer, die noch zu festen Zeiten ihre Empfangsgeräte einschalten, hatten schon Gelegenheiten, die überaus telegene 27jährige kennenzulernen, etwa in der NDR-Talkshow.

Die Einladung hatte sie ihrem neu erschienen Buch zu verdanken. Offensichtlich wirkt die überraschende Mischung aus junger Frau und altem Jagdhandwerk auch auf Fernsehmacher attraktiv, denn ansonsten sieht man Falkner und Jäger ja eher selten zu den guten Sendezeiten. Der Titel verrät den autobiografischen Charakter des Buches. Präziser müsste es vielleicht ICH und die Herrscher der Lüfte heißen, mit starker Betonung auf ICH, denn die Coming-of-Age-Geschichte und die Autorin selbst stehen sehr deutlich im Zentrum. Dabei sprüht aber ihre Liebe zu Adlern, Bussarden, Falken und Eulen und ihre Begeisterung für das Falknerdasein förmlich aus jeder Zeile. 

Die Zeitspanne reicht über rund 10 Jahre, von Sandra Jungs erster Berührung mit Greifvögeln über Jäger- und Falknerprüfung bis zur Gründung einer eigenen Falknerei. Und es ist wirklich beeindruckend, was sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ben da auf Burg Greifenstein in Thüringen auf die Beine oder vielmehr zwischen die Burgmauern gestellt hat: Gewissermaßen aus dem Nichts, mit nicht mehr in der Hinterhand als der ideellen Unterstützung von Eltern und Freunden, ist aus der anfänglichen Träumerei erst eine Geschäftsidee und dann ein veritables Unternehmen mit täglicher Flugshow geworden. Sprachlich ist das Buch sicher kein Anwärter auf den Uwe-Johnson-Preis, aber es macht große Lust auf die alte Kunst, mit Vögeln zu jagen. 

Sandra Jung: Die Herrscher der Lüfte und ich. Mein Leben mit Greifvögeln, erschienen 2019 im Ullstein Verlag, 231 Seiten, broschiert, 14,99 Euro

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Wir sind Geschöpfe des Waldes

Der 1942 in Sachsen geborene Wolf-Dieter Storl bezeichnet sich selbst als Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Mit 11 Jahren wanderten seine Eltern mit ihm in die USA aus, wo er später studierte und erste Lehraufträge erhielt. Die meiste Zeit, so schreibt er selbst auf seiner Internetseite www.storl.de, verbrachte er allerdings in der Waldwildnis. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Einödhof im Allgäu – und schreibt und schreibt und schreibt. Aktuell weist der Shop seiner Internetseite nicht weniger als 33 Buchtitel aus, in denen es beispielsweise um Zauberpflanzen, schamanische Rituale oder Naturmedizin geht. Manche davon sind echte Bestseller.

Auch sein neues Buch „Wir sind Geschöpfe des Waldes“ dürfte sich gut verkaufen. Immerhin ist es in einer Zeit erschienen, in der Menschen nicht nur im Wald spazieren gehen, sondern gleich darin baden (siehe dazu meine Kolumne zum Thema). Auf dem Titel sieht man den Autor wie er leibt und lebt: Ohne Weiteres könnte er in einem Mystery-Märchen nach Art von „Der Herr der Ringe“ den Zauberer geben. In der Rechten hält er den Zauberstab, in der Linken eine Abwurfstange vom Rotwild. Jagdrechtlich betrachtet zeigt das Bild also höchstwahrscheinlich den Autor beim Wildern, aber wahrscheinlich muss man es schamanisch betrachten.

Wie auch immer. Auf mehr als 350 Seiten misst Storl das Thema „Mensch und Wald“ aus, und zwar historisch und geografisch, botanisch und (wild)biologisch, mythologisch, anthropologisch und astrologisch. Da geht es beispielsweise um die Evolution der Waldlebewesen, das Weltbild von Steinzeitmenschen und indigenen Waldvölkern (Kelten u.a.), den Wald in Märchen und als Bindeglied zwischen Kosmos und Erde oder die Angst vor dem Wald als eine moderne Form des entfremdeten Bewusstseins. Es wird eine ungeheure Fülle an Wissen, Geschichten, Beschreibungen, Fakten und Daten vor den Leserinnen und Lesern ausgebreitet.

Genau das könnte auch das Problem des Buches sein. Ich schreibe hier ausnahmsweise mal in der ersten Person Singular: Ich habe das Buch mit Interesse und Staunen gelesen. Vieles darin würde ich „esoterisch“ nennen (auch wenn „Esoteriker“ diese Zuschreibung üblicherweise weit von sich weisen und auch Wolf-Dieter Storl sich vermutlich nicht in dieser Ecke sehen möchte). Wer da Berührungsängste hat, sollte nicht zu diesem Buch greifen! Ich persönlich habe damit aber ein anderes Problem: Es macht mich höchst skeptisch, wenn ein einzelner Autor sich als allwissend präsentiert und beherzt kreuz und quer durch Themen und Disziplinen streift. Zumal dann, wenn er mehrere Bücher pro Jahr vorlegt.

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The Wonderful Wild

Es ist mittlerweile fast zu einem eigenen Genre der Belletristik geworden: Frauen schreiben über ihre tiefe Verbundenheit zu Tieren und darüber, was das mit ihnen tief im Innersten macht. Dabei sind die Grenzen zu Mystik und Esoterik oft durchlässig. Sollten an dieser Stelle lesende Männer voll hämischer Vorfreude auflachen, sei zur Vorsicht geraten: es gibt auch ganz eigene Männer-Genres in der Belletristik, auf die Mann nicht unbedingt stolz sein kann!

Aber es geht mir an dieser Stelle gar nicht um Frauen oder Männer, sondern um Bücher wie Jane Godalls My Life with the Chimpanzees (der Klassiker), Tanja Askanis Wolfsspuren – Die Frau, die mit den Wölfen lebt, Gudrun Pflügers Wolfsspirit – Meine Geschichte von Wölfen und Wundern, Sandra Jungs Die Herrscher der Lüfte und ich, Elli Radingers Die Weisheit alter Hunde – die Beispiele ließen sich vermehren.

Relativ neu in diesem Segment und schon Bestsellerautorin ist Gesa Neitzel. In ihrem 2016 erschienenen Buch Frühstück mit Elefanten beschreibt sie ihre Ausbildung zur Safari-Rangerin in Afrika, mithin ein Leben ohne Internet und fließendem Wasser, dafür mit allerlei krabbelndem Getier und den Big Five. Im Kern ist es die Coming of Age-Geschichte einer jungen Frau, die dem stressigen Alltag als Berliner Fernsehredakteurin entflieht und in der Wildnis ihre Aufgabe und Erfüllung findet. Das ist durchaus unterhaltsam.

Mit „The Wonderful Wild“ ist jetzt gewissermaßen die Fortsetzung erschienen. Ging es im ersten Buch noch in erster Linie um die äußeren Begebenheiten, wendet sich das zweite allerdings der Innenwelt der Autorin zu. Das macht schon der Untertitel deutlich: „Was ich von Afrikas Wildnis für das Leben lerne“, lautet der, und spätestens da schrillen alle Alarmglocken.

Tatsächlich hat Gesa Neitzel ihre eigenen Erfahrungen zu einer Art Ratgeber zusammengerührt. Die 1987 geborenen Autorin erklärt uns nun, was in unserem Leben alles schief läuft, warum das so ist, wie sie das in der Wildnis erkannt hat und – natürlich – wie wir das ändern können. Nämlich im Kern so: Wenn wir nur auf die Stimme der Wildnis in uns hören, werden wir unseren authentischen Rhythmus finden. Oder so ähnlich.

Man staunt über die Selbstgewissheit der jungen Frau, ihren Mut zur Wissenslücke und ihr Pathos der Erleuchtung – und wünscht sich vergeblich ein wenig kritische Distanz, Ironie oder Augenzwinkern. Von Realismus gar nicht zu reden.

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Sarah Wieners Bienenleben

Ach, diese sympathische Frau Wiener! Wer kennt sie nicht, die charmante Österreicherin mit Berliner Wurzeln, Tochter des Schriftstellers und Gastronomen Oswald Wiener. Köchin und Betreiberin von Restaurants und diversen anderen Unternehmungen der Gastro-Branche. Fernsehfrau („Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener“), Sachbuchautorin („Kochen kann jeder“), Botschafterin für biologische Vielfalt, Begründerin der Sarah-Wiener-Stiftung, mit der sie Kinder für gute Ernährung begeistert, Abgeordnete im Europaparlament. Engagiert für artgerechte Tierhaltung, gegen Gentechnik, für Biodiversität, gegen Prostitution und für die Integration von Flüchtlingen. Jetzt imkert sie auch noch und – wie könnte es anders sein? – hat sogleich ein Buch darüber geschrieben. 

Am Anfang stand eine Folge der Fernsehsendung „Sarah Wieners erste Wahl“ aus dem Jahr 2013 (zu finden bei YouTube). In dieser zehnteiligen Serie begab sie sich auf die Suche nach den Ursprüngen unserer Grundnahrungsmittel und traf Produzenten, die ökologisch und nachhaltig wirtschaften. Für die Folge über Honig besuchte sie die Imkerei Fischermühle in Baden-Württemberg, die eng mit dem ökologischen Imkerverband Mellifera e.V. verbunden ist. Hier brachte ihr Imkermeister Norbert Poeplau die Grundlagen der wesensgemäßen Imkerei nahe  und begeisterte sie dafür. Und als sie 2015 gemeinsam mit Partnern ein 800-Hektar-Gut in der Uckermark gekauft hatte, lag der Gedanke an eigene Bienenvölker nahe. Sieben an der Zahl schaffte sie an und wurde zur leidenschaftlichen Imkerin.  

Im Buch erzählt sie das heiter und unverkrampft, berichtet über ihre imkerlichen Anfänge, spart auch Fehler und Misserfolge nicht aus und vermischt das mit autobiografischen Anekdoten. Dabei gelingt es ihr, gewissermaßen „im Vorbeigehen“ die Biologie der Honigbienen und die Grundlagen der (wesensgemäßen) Imkerei darzustellen. Leserinnen und Leser erfahren viel Wissenswertes über die natürliche Lebensweise der Bienen, über die unterschiedlichen Beutentypen, über die Stadien eines Bienenlebens und die Aufgabenverteilung innerhalb des Biens, über wissenschaftliche Erkenntnisse und das Handwerk des Imkerns, über Bienenkrankheiten und deren Behandlung sowie über die heilsame Wirkung der Bienenprodukte.

Etwas nervig ist die stetige Vermenschlichung der Bienen durch die Autorin. Selbstredend haben die Bienenvölker Namen. Und laufend „denkt“ eine Biene dies und das oder „sagt sich“ etwas. Das mag als literarisches Stilmittel noch durchgehen, wenngleich es doch eher ein Mittel für Kinderbücher wäre. Schwieriger wird es, wenn die Bienen als vorbildliche Solidargemeinschaft und modellhafte Demokratie herhalten sollen. Diese Gedanken finden sich zwar in vielen Bienen-Büchern, das macht sie aber nicht richtiger. Denn ein Bienenvolk ist das gerade Gegenteil davon: die einzelne Biene zählt nichts, das Überleben des Bien alles. Die Natur ist auch für Bienen kein Ponyhof.

Fazit: Wer sich schon mit Bienen und Imkerei beschäftigt hat, wird hier kaum etwas Neues lesen, das aber auf sehr unterhaltsame Weise. Das ist kein Minuspunkt, denn gestandene Imker und Apidologen sind nicht die Zielgruppen des Buchs. Es soll vielmehr – und wird das auch, soviel darf prophezeit werden – solchen Menschen einen Zugang zur Sache eröffnen, die sich bislang noch nicht damit befasst haben. Und sie vielleicht sogar dazu anregen, selbst Bienen zu halten. Hoffentlich tun die das dann mit der gleichen Begeisterung und Hingabe wie die sympathische Frau Wiener.

Sarah Wiener: Bienenleben. Vom Glück, Teil der Natur zu sein, 24 Abbildungen, Aufbau Verlag 2019, 288 Seiten, gebunden, 22,00 Euro

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Atlas Deutscher Brutvogelarten

Was für ein gewaltiger Brocken! Die Küchenwage zeigt 4132 Gramm an. Das ist die Gewichtsklasse von „Zettel’s Traum“ oder der Schmuckbibel, die früher im Eingangsflur vieler Häuser lag. Aber darin hat ja nie jemand gelesen, die war nur so etwas wie eine bürgerliche Rückversicherung für den Fall, dass Gott die Hausbewohner dereinst für ihren modernen Lebenswandel bestrafen würde.

Mit dem „Atlas Deutscher Brutvogelarten“ haben die Stiftung Vogelwelt Deutschland und der Dachverband Deutscher Avifaunisten im Jahr 2015 aber nicht nur einen echten Prüfstein fürs heimische Bücherregal vorgelegt, sondern auch eine ornithologische Messlatte neu justiert. Die letzten Kartierungen der Brutvögel stammten aus den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Für diesen Atlas haben mehr als 4000 ehrenamtliche Vogelfreunde ihre Zeit mit der Suche nach Amsel, Fink und Star verbracht und den Forschern eine nie gekannte Datengrundlage verschafft. Und dem staunenden Leser umfassende Karten und Begleittexte zu Habitat, Bestand, Verbreitung und Bestandsentwicklung aller 280 deutschen Brutvogelarten. 

Dieses Grundlagenwerk für den nachhaltigen Natur- und Vogelschutz gehört selbst unter Artenschutz gestellt, nicht nur wegen des herrlich anachronistischen Titelbildes: Bücher wie dieses sind vom Aussterben bedroht. Ohne besondere prophetische Fähigkeiten lässt sich die Vorhersage wagen, dass dieser Atlas der letzte seiner Art bleiben wird. Der nächste wird als interaktive Erlebniswelt im Internet zu finden sein, umrahmt von Cookies und Werbung für Prostatapräparate und Ferngläser. 

Stiftung Vogelwelt Deutschland und Dachverband Deutscher Avifaunisten (Hrsg.): Atlas Deutscher Brutvogelarten, erschienen 2015, 800 Seiten, Format ca. 24,5 x 32,5 cm, gebunden, durchgehend 4-farbig, 98,00 Euro

Zur Zeit nur antiquarisch erhältlich z.B. über amazon

Selbstportrait mit Bienenschwarm

Diese Rezension beginn ausnahmsweise mit einem persönlichen Geständnis: Oft finde ich zu zeitgenössischer Lyrik keinen Zugang. Ich lese und erkenne die Worte, aber verstehe sie nicht. Ich folge dem Rhythmus der Zeilen, aber finde nicht den Takt. Ich fühle oder spüre eine Bedeutung, aber erschließe mir nicht den Sinn. Ganz sicher bin ich da kein Einzelfall, gemessen an den Verkaufszahlen von Lyrik scheint es vielen Leserinnen und Lesern ähnlich zu gehen. Gleichwohl versuche ich es immer mal wieder und kaufe einen Gedichtband. Wo ich den deponiere und lese, bleibt mein Geheimnis (das könnte allerdings lüften, wer sich noch an den einzigen außerhalb Kölns bekannt gewordenen Hit der Jürgen Zeltinger Band erinnert).

Jetzt ist mir ein Band in die Hände gefallen, der anders ist und mich lange beschäftigt hat: Jan Wagners „Selbstportrait mit Bienenschwarm“. Der 1971 geborene Autor gilt seit seinem Debut „Probebohrung im Himmel“ als einer der wichtigsten deutschen Gegenwartslyriker. Seine Gedichte wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse und dem Georg-Büchner-Preis. Die Süddeutsche Zeitung schrieb über Wagner, er sei „der beste Lyriker seiner Generation und eine der stärksten und originellsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“. Völlig zurecht, finde ich – wenn Lyrik, dann diese!

„Selbstportrait mit Bienenschwarm“ ist eine Anthologie mit Gedichten, die zwischen 2001 und 2015 entstanden und veröffentlicht worden sind. Mehr als 150 Gedichte sind es insgesamt. Viele davon – grob überschlagen die Hälfte – handeln im weitesten Sinne von Natur, meist sind es Ausschnitte, Miniaturen, überraschende Perspektiven und Aspekte, kurze Elegien oder Hymnen auf Pflanzen und Tiere. Jan Wagner schreibt über Frösche und Melonen, Wald und Nebel, Trapper und Moorochsen und und und. Vielleicht hilft eine Kostprobe, sich selbst ein erstes Bild zu machen:

Fenchel (aus „Probebohrung im Himmel“ von 2001)

knollen vor einem Gemüseladen im Winter – 
wie bleiche Herzen, sagtest du, gedrängt
in einer Kiste, wärme suchend – so daß wir

sie mit uns nahmen und nach Hause trugen,
wo feuer im kamin entzündet war,
wo kerzen auf dem tisch entzündet waren,

und ihnen halfen aus ihrer dünnen haut,
die strünke kappten, die zitternden blätter entfernten
und sie zu feinen weißen flocken hackten,

wartend, bis das wasser kochte,
die fensterscheibe blind war vom dampf.

Jan Wagner, Selbstportrait mit Bienenschwarm. Ausgewählte Gedichte, erschienen im Hanser Verlag, Taschenbuch, 256 S., 12,00 EUR

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Jagdkunde

Bei Sachbüchern zur Jagd fragt man sich gelegentlich, für wen sie eigentlich geschrieben sind. Für Jägerinnen und Jäger steht nichts Neues drin, andere Zielgruppen werden durch jägersprachliche Vokabeln abgeschreckt oder einfach nicht dort abgeholt, wo sie stehen. Kontroversen werden als bekannt vorausgesetzt (oder gleich ganz verschwiegen), einzelne Positionen als einzig wahre präsentiert. Sachbücher, die einerseits der Jagd positiv gegenüber stehen und sich andererseits ausdrücklich auch an eine nicht-jagende Leserschaft wenden, sind selten. 

In dieser Hinsicht sind die Bücher von Eckhard Fuhr echte Glücksfälle. Etwa „Lob der Jagd“ von 2011, das er gemeinsam mit Werner Schmitz geschrieben hat, „Jagdlust“ von 2012 oder auch sein Buch über die „Rückkehr der Wölfe“ von 2014. Fuhr war über viele Jahre Redakteur der FAZ, leitete das Kulturressort der Welt, arbeitete als Kulturkorrespondent und Kolumnist und lebt heute als freier Autor in Berlin. In Wild und Hund erschien seine monatliche Kolumne „Im Mediendschungel“. Darin hat er mitunter Positionen vertreten, die der traditionellen Jägerschaft nicht geschmeckt haben dürften. Und vor ein paar Jahren ist er in den Ökologischen Jagdverband (ÖJV) eingetreten und mittlerweile zum Stellvertretenden Vorsitzenden des ÖJV Brandenburg avanciert.

Jetzt ist unter dem Titel „Jagdkunde“ ein handliches Taschenbüchlein erschienen. Darin handelt Fuhr viele Aspekte der heutigen Jagd ab, angefangen bei den formalen Voraussetzungen der Jagdausübung über Waffen und Reviersystem, Hunde, jagdbare Arten und den Wolf bis hin zum Wildbret. Er versteht es wirklich, eigenes Jagderleben erzählerisch und unterhaltsam mit Informationen, Erklärungen, historischen Herleitungen, Anekdoten und Beschreibungen zum jeweiligen Thema zu verknüpfen. Das Buch zeugt von differenzierter Sachkenntnis und ist mit leichter Hand geschrieben. Für Jägerinnen und Jäger ist das kurzweilig, anderen vermag es die Jagd verständlich zu machen und also näherzubringen.

Eckhard Fuhr vertritt allerdings offensiv Positionen des ÖJV, etwa wenn es um den Schrotschuss auf Rehwild geht oder die Verkürzung der Schonzeit auf Böcke (siehe dazu den Beitrag Ohne Hemmungen auf Rehwild? in diesem Blog). In der Regel schreibt er das auch dazu. Und er argumentiert meist sachlich, vertritt diese Positionen nicht dogmatisch. Seine Ablehnung von Loden und Trophäen kommt in „Jagdkunde“ noch nicht ganz so deutlich durch wie zuletzt in einem taz-Interview, das leider von erheblicher Schwarzweißmalerei zeugt.

Man muss schon genau ins Impressum des Buches schauen um herauszufinden, dass es sich bei „Jagdkunde“ um eine durchgesehene Taschenbuchausgabe des bereits erwähnten Buches „Jagdlust“ handelt, mit verändertem Titel und Untertitel. Dieser Hinweis fehlt leider auch auf den Verlagsseiten und im Online-Handel. Das ist ärgerlich für Leserinnen und Leser, die bereits die gebundene Originalausgabe besitzen und sich auf ein neues Buch gefreut hatten. 

Der Text wurde lediglich durchgesehen und geringfügig überarbeitet. Besonders augenfällig ist das bei den Passagen, in denen es um den ÖJV geht. Ein Beispiel: 2012 hatte Fuhr noch geschrieben, die im ÖJV organisierten Jäger fände wohl deswegen soviel Resonanz in den Medien, „weil sie das Öko-Etikett nutzen, auch wenn es schlicht um holzwirtschaftliche Interessen geht.“ In diesem Zusammenhang hieß es, Journalisten ließen sich eben leicht einen Bären aufbinden. 2019 hat der ÖJV-Vizevorsitzende diese Sätze gestrichen.

Darüber kann man mindestens schmunzeln. Aus Sicht des Rezensenten ist das Buch aber auch in der neuen Fassung lesenswert. Wer antiquarisch eine Ausgabe von „Jagdlust“ auftreiben kann, sollte allerdings lieber zu dieser greifen, auch wegen der wunderbaren Zeichnungen von Cornelia Schleime.

Eckhard Fuhr: Jagdkunde. Zeitgemäße Betrachtungen über ein altes Handwerk, erschienen 2019 bei Matthes & Seitz, 176 Seiten, Paperback, 10,00 Euro
Originaltitel: Jagdlust. Warum es schön, gut und vernünftig ist, auf die Pirsch zu gehen, erschienen 2012 im Quadriga Verlag

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Originaltitel antiquarisch erhältlich z.B. über amazon

Greenwash, Inc.

„Greenwash, Inc.“ von Karl Wolfgang Flender ist ein durchaus aktueller Roman: Thomas, der Protagonist, arbeitet für eine international agierende PR-Agentur, die Unternehmen ein grünes Image verpasst. Und zwar gerade dann, wenn sie Regenwälder abholzen, hochgiftigen Computerschrott verschiffen oder den Tod von indischen Kinderarbeitern billigend in Kauf nehmen. Thomas inszeniert Hope Stories von ökologischer Nachhaltigkeit in einer Welt ohne Anlass zur Hoffnung auf einen tatsächlichen Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen. Diese Welt ist zynisch, absolut moralfrei und von kalter Effizienz. So weit, so zeitkritisch.

Allerdings bedient der Autor ziemlich viele Klischees, und das ohne Ironie oder Augenzwinkern. Die Charaktere sind teilweise überzeichnet und entwickeln sich nicht, der fiese Agenturchef bleibt fies und die mit Psychopharmaka zugedröhnten Mitarbeiter dröhnen sich zu, von Anfang bis Ende. Außerdem muss sich der geneigte Leser auf lange Dialoge über Rennradmarken oder Mixgetränke einlassen. Man kennt diese Stilmittel seit Bret Easton Ellis’ berühmtem Roman „American Psycho“, und wahrscheinlich werden sie heute an der Uni Hildesheim gelehrt, wo Flender „Literarisches Schreiben“ studiert hat. Wer so etwas mag, sollte „Greenwash, Inc.“ ruhig lesen.

Karl Wolfgang Flender: Greenwash, Inc., DuMont Buchverlag 2015, 392 Seiten, gebunden 19,99 Euro, Taschenbuch 11,00 Euro

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Unsere Wölfe

Vor bald 20 Jahren galt die Geburt der ersten wilden Welpen auf dem Boden der Bundesrepublik als Sensation. Seitdem haben sich die Wölfe beinahe im ganzen Land immer mehr Territorien erschlossen. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz konnten im letzten Monitoringjahr 73 Rudel und 30 Paare bestätigt werden (siehe Pressemitteilung). Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Bestände in nächster Zeit weiter exponentiell ansteigen.

Die einen feiern die Rückkehr des Wolfes als Erfolgsgeschichte des Natur- und Artenschutzes. Die anderen sehen in erster Linie die Probleme, die eine ungeregelte Ausbreitung in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft mit sich bringt. Beide Seiten vereint die Faszination für dieses große Raubtier.

Heiko Anders begleitet die Rückkehrer seit vielen Jahren mit der Kamera. Im Auftrag der Landesumweltämter und anderer Institutionen arbeitet er für das Wolfsmonitoring. Mehrfach konnte er Erstnachweise neuer Rudel liefern. Vor allem brachte ihn diese Arbeit näher heran an die wilden Wölfe als jeden anderen. Jetzt hat er einen opulenten Bildband vorgelegt. Die darin versammelten Fotos sind zwischen 2013 und 2018 in acht verschiedenen Revieren in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt entstanden.

Mit durchgängig großartigen (Nah)Aufnahmen führt Anders die Betrachter mitten in die Habitate und Rudel. Seine Bilder vermitteln tiefe Einblicke in das Leben der Wölfe, zeigen das Territorial- und Sozialverhalten der adulten Tiere und ihrer Welpen. Die zugehörigen Texte und Bildunterschriften sind informativ und beschreiben unterhaltsam die Umstände, unter denen die jeweiligen Aufnahmen entstanden sind. In Bild und Text zeigt sich Heiko Anders‘ Begeisterung für diese wunderbaren Tiere – er bringt uns die Wölfe im eigentlichen Sinne nahe. Übrigens sind nicht ausschließlich Wölfe abgelichtet: Im Band finden sich vereinzelt auch Bilder anderer Arten (z.B. Rotwild).

Etwas ärgerlich ist, dass der NABU als Herausgeber die Einleitung zum Band für die hinlänglich bekannten Grabenkämpfe nutzt. Einschließlich unausgewogener Sticheleien gegen die Jägerschaft, deren Beiträge zu Artenschutz und Wolfsmonitoring unerwähnt bleiben. Die Probleme der Nutztierhalter werden mit dem Hinweis auf Herdenschutz und Entschädigung heruntergespielt. Dass einem Schäfer das Wohlergehen seiner Schafe am Herzen liegen könnte, scheint nicht in diese Vorstellungswelt zu passen. Aber das sind nur wenige Seiten in einem ansonsten ästhetisch und inhaltlich wirklich empfehlenswerten Bildband.

Heiko Anders, Das Leben unserer Wölfe. Beobachtungen aus heimischen Wolfsrevieren, hrsg. vom NABU e.V., erschienen 2019 im Haupt Verlag, 224 Seiten, 220 Farbfotos, Großformat gebunden, 29,90 EUR

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Zur Rückkehr des Wolfes siehe auch in der Rubrik „Angelesen“ den Beitrag „Im Wolfserwartungsland“.

Harlings Jagd(B)Revier

„Mit der Saufeder geschrieben“ hat Gert G. von Harling sein neues Buch, nach eigenem Bekunden. Also nicht mit dem goldenen Füllfederhalter. Sondern spitz und scharf, beidseitig geschliffen, zu Abwehr und Verteidigung gedacht. Seine Sammlung von Kommentaren und Reflexionen rund um die Jagd soll auf negative Entwicklungen aufmerksam machen und Denkanstöße geben, ohne dabei besserwisserisch oder mit erhobenem Zeigefinger daher zu kommen. Mal ironisch, mal scharfzüngig, mal nachdenklich.

Der Autor muss nicht weiter vorgestellt werden: Er war Schriftleiter der Wild und Hund sowie Lektor des Verlages Paul Parey und wurde vielfach ausgezeichnet und geehrt. Mit mehr als 60 Buchveröffentlichungen und ungezählten Beiträgen in der Jagdpresse ist Gert von Harling einer der bekanntesten zeitgenössischen Jagdautoren des Landes, bekannt gleichermaßen für anspruchsvolle Belletristik wie gehaltvolle Fachliteratur. Zuletzt hatte er lesenswerte Erinnerungen vorgelegt (siehe Halali Nr. 1/2018).

Und jetzt also ein Jagd(B)revier. Rund 120 kurze Texte sind darin versammelt. Die handeln von Brauchtum, Wandlungen der Jagd, Rechtsfragen, Waffen und Technik, Ethik, Wildtieren, Kleidung, Jagdhunden, Veganismus und und und… Ein thematischer Parforceritt voller unterhaltsamer Anekdoten, anregender Gedanken und kritischer Positionen. Von Harling geht mit Jagdgegnern ebenso scharf ins Gericht wie mit einer Jägerschaft, der die Waidgerechtigkeit abhanden kommt.

Nur gelegentlich tappt der Autor in die Früher-war-alles-besser-Falle, und manche Bemerkung zeugt auch von einem gewissen Unverständnis für das Beschriebene. Aber es sind – wie gesagt – „Denkanstöße“, und als solche müssen sie ja nicht kritiklos übernommen werden. Im Gegenteil: es darf widersprochen werden.

Gert G. von Harling: Harlings Jagd(B)revier, erschienen 2018 im Verlag Neumann-Neudamm, 200 Seiten, gebunden, 19,95 Euro

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