Dr. Volker Pesch

Texter | Journalist | Schriftsteller | dtp

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Ein Biotop als Wirtschaftsbetrieb

Im äußersten Nordosten der Republik liegt der Landkreis Vorpommern-Greifswald. Gut zwei Autostunden von Berlin entfernt bewirtschaftet eine Familie das historische Kirchengut Strellin als ökologisch ausgerichteten Betrieb.

Für heute ist die Jagd vorbei. Hinter dem Feldgehölz in meinem Rücken hat längst die Sonne ihren Tageslauf begonnen und wärmt schon spürbar. Ein letztes Mal leuchte ich die Flächen ab, bleibe kurz bei einer Ricke hängen, die sich vertraut den frischen Klee schmecken lässt, schwenke am schilfbestandenen Rand des Bruchs entlang bis zu der dichten Hecke aus Schlehen, Holunder und Weißdorn, die das Revier nach Westen hin begrenzt und lasse das Glas schließlich sinken. In den nächsten zwei oder drei Stunden wird hier kein Bock mehr kommen. Also recke und strecke ich mich und gähne dabei lauthals einen Gruß in den frühen Julimorgen. Die Ricke wirft auf, scheint das Geräusch aber nicht bedrohlich zu finden. Leise entlade ich die Büchse, packe meine sieben Sachen zusammen und baume ab.
Querfeldein gehe ich in Richtung Gutsanlage und … (lesen Sie hier weiter)

Wildlife Gardening

Imidacloprid ist ein systemisches Insektizid. Es zählt zu jenen Neonicotinoiden, die seit 2018 europaweit nicht mehr im Freiland ausgebracht werden dürfen, sehr zum Ärger vieler Landwirte. Das Verbot wurde zurecht als wichtiger Schritt für den Artenschutz bezeichnet. Aber in Baumärkten und Gartencentern ist der Wirkstoff nach wie vor frei verkäuflich, er findet sich in allen möglichen und unmöglichen Sprühflaschen und Streumitteln und wird weltweit von Hobbygärtnern in gewaltigen Mengen eingesetzt. Wenig bekannt ist auch, dass er sich in den gängigen Spot-on-Präparaten findet, mit denen Haustiere vorsorglich gegen Parasiten geschützt werden. Wenn der Golden Retriever im heimischen Garten das Bein hebt, bringt er mit großer Wahrscheinlichkeit Imidacloprid aus.

Solche Informationen braucht, wer im eigenen Garten die Welt retten möchte – oder wenigstens einen kleinen Teil dazu beitragen, sie zu bewahren. Im neuen Buch von Dave Goulson finden sie sich reichlich. Der Biologe und Insektenforscher ist Professor an der University of Sussex und einer der bekanntesten Naturschützer Englands. International bekannt geworden ist er mit Bestsellern wie „Und sie fliegt doch“ oder „Wenn der Nagekäfer zweimal klopft“. Seine Bücher sind eine Art Crossover vom Sachbuch zum erzählenden Nature Writing, lehrreich und unterhaltsam zugleich.

„Wildlife Gardening“ richtet den Fokus konsequent auf den Garten aus. Genauer gesagt auf die Insekten und deren Bedürfnisse an den Lebensraum Garten. So erläutert Goulson beispielsweise, welche Pflanzen sinnvollerweise angepflanzt werden sollten, warum selten gemähte Wildwiesen besser sind als kurzgeschorene Rasenflächen und wie sich vermeintliche Schädlinge mit Nützlingen im Gleichgewicht halten lassen. Dabei bleibt er wohltuend frei von ideologischer Eindimensionalität und schwingt keine Moralkeulen. Für die Küche wird auch kurzerhand mal ein Kaninchen erlegt. 

Dave Goulson: Wildlife Gardening. Die Kunst, im eigenen Garten die Welt zu retten, erschienen 2019 im Carl Hanser Verlag, 304 Seiten, gebunden, 24,00 Euro

Jagd zum Wohl des Mannes?

Welch haarsträubender Kommentar in der heutigen Ausgabe der Ostseezeitung! Bar jeglicher Sachkenntnis und nach offensichtlich mehr als einseitiger Recherche schreibt sich der Autor – immerhin Chefreporter der Zeitung – seine Vorurteile von der Leber.

Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll: Bei seinem völlig verzerrten Bild der Jägerschaft? Da hätte ein kurzer Blick auf die Seiten des DJV genügt (z.B. in diese Pressemitteilung). Bei seiner offensichtlichen Unkenntnis der rechtlichen Grundlagen und deren Bedeutung in der jagdlichen Praxis? Man denke nur an die aufwändige Aufstellung, behördliche Genehmigung und waidgerechte Erfüllung von Abschussplänen nach Wildarten, Altersklassen und Geschlecht. Oder bei seinen wildbiologisch eher abenteuerlichen Vorstellungen vom Wohlbefinden der Hirsche?  

Ostsseezeitung, Greifswalder Ausgabe, 7./8.12.2019, S. 6

Wahrscheinlich ist dem Verfasser gar nicht bewusst, dass er sich in der – vor dem Hintergrund des Klimawandels wieder neu entbrannten – Wald-Wild-Debatte vor einen Karren hat spannen lassen, und zwar von denjenigen, die in Wildtieren nur Schädlinge sehen. Im kommentierten Beitrag (gleiche Ausgabe, S. 9) geht es nämlich um die Frage der Notwendigkeit einer verlängerten Jagdzeit auf Rehwild, die derzeit in Mecklenburg-Vorpommern kontrovers debattiert wird, und da gibt es durchaus sachliche Gegenargumente, gerade aus Sicht des Tierschutzes (siehe dazu meinen Beitrag „Ohne Hemmungen auf Rehwild?“). Aber statt mit journalistischem Handwerkszeug die Argumente aller Seiten zusammenzutragen, diffamiert der Verfasser kurzerhand die gesamte Jägerschaft und erklärt die Jagd zu einem blöden Männlichkeitsritual.

Warum es im Kommentar dann plötzlich um Hirsche geht, bleibt offen. Denn auch in Mecklenburg-Vorpommern ist der Hirsch nicht der Vater vom Reh.

Pirschgang auf Abwegen (V)

Die Kolumne auf volkerpesch.de

Vor vielen Jahren klapperte ein Freund aus den USA die Kölnischen Apotheken und Drogeriemärkte ab, auf der Suche nach vegetarischem Vitamin C. In seiner Heimat gebe es das in jedem Supermarkt, so berichtete er seinerzeit treuherzig, es sei einfach viel gesünder als das tierische Vitamin C. Ich war damals sehr amüsiert, habe mir aber nichts anmerken lassen, höflich wie ich nunmal war und bin.

Daran musste ich jüngst wieder denken, als ich die Weihnachts-Werbebroschüre des Shops der Wochenzeitung DIE ZEIT durchblätterte. Darin werden nämlich medizinische Sitzbälle feilgeboten, bezogen mit „veganem Leder“. Das hat mich erst einmal verblüfft. Aus Leder sind meine liebste Jagdhose, der Riemen an der Büchse, die Halsung meines Hundes. Leder, das ist die enthaarte und gegerbte Haut toter Tiere – wie kann etwas aus Leder und zugleich vegan sein? 

Aufschluss gibt die Artikelbeschreibung: Es handelt sich bei diesen Bezügen um schnödes Kunstleder. Also Kunstfasern mit einer Beschichtung aus Kunstharzen, Lösungsmitteln und Weichmachern. Grundstoff dieses Materials ist Erdöl, die chemische Verarbeitung ist hochgiftig, verbraucht viel Energie und verursacht Schadstoffemissionen in Wasser und Luft. Und das oft in Regionen der Erde, in denen es weder Arbeitsschutz noch Mindestlohn gibt. Von dort gelangt es auf weiten Transportwegen ans andere Ende der Welt, beispielsweise ins Lager des ZEIT-Shops.

Kunstleder ist also nicht nur irgendwie so 70er. Nicht nur Cocktailsessel und Sitzbezug eines Alfa Romeo Nuova Super. Kunstleder ist ein in vielerlei Hinsicht hochproblematisches Erzeugnis, von dem ich bis dato annahm, es habe im modernen Lifestyle seine Berechtigung verloren. Aber verbal gepimpt scheint es wieder zu gehen: „veganes Leder“ – das klingt natürlich, nach bewusstem Leben, nach Ökologie und Nachhaltigkeit. Dabei ist „vegan“ die Beruhigung des Gewissens und „Leder“ das Qualitätsversprechen. Für diesen hochwertigen Sitzball muss kein Tier sterben. 

Mich wundert, dass die Werbestrategen sich nicht häufiger dieses Stilmittels bedienen, um minderwertige Ersatzprodukte sprachlich aufzuwerten. Ich denke beispielsweise an Kugelschreiber aus vegetarischem Porzellan (PVC) oder Kerzen aus bienenfreundlichem Wachs (Paraffin). Da geht noch was! Allerdings könnte sich das zuletzt als wenig nachhaltig erweisen. Denn ZEIT-Leserinnen und-Leser gelten ja gemeinhin als gebildet. Sie dürften bemerken, dass all diese Produkte dereinst aus den Schloten von Müllverbrennungsanlagen aufsteigen werden oder in den Mägen von Möwen und Delphinen landen. Anders als Dinge aus echtem Leder.

Rufe der Wildnis

Und noch ein Buch einer jungen Frau, die Jägerin wird! Wie es scheint, entdecken die Verlage nach und nach Thema und Klientel. Nach Pauline de Bok und Antje Joel (deren Bücher bereits an dieser Stelle rezensiert worden sind) erzählt jetzt eine junge Amerikanerin ihren Weg zu Jagd. Aber anders als de Bok schreibt Lily Raff McCaulou das nicht als existenzielle Selbsterfahrung, und anders als Joel nicht als psychotherapeutisches Projekt. Die Journalistin tut das sachlicher, reflektierter, hintergründiger und damit auch verallgemeinerbarer.

Raff McCaulou zieht berufsbedingt aus New York ins ländliche Oregon. Hier lernt sie einen Mann und mit ihm das Fliegenfischen kennen und lieben, kommt ins Gespräch mit Jägern, beginnt sich für Jagd und Naturschutz zu interessieren, besucht gemeinsam mit Jugendlichen einen Grundkurs zum Umgang mit Schusswaffen (was Absolventen der deutschen Jägerprüfung nur ungläubig staunen lässt), kauft schließlich eine erste Waffe und Abschusslizenzen und hat im weiteren Verlauf auch Waidmannsheil. Für Noch-nicht-Jäger und -Jägerinnen hilfreich sind die eingestreuten Erläuterungen und Hintergrundinformationen, etwa über den Unterschied von Flinte und Büchse oder statistische Daten rund um Jagd, Natur und Gesellschaft.

Sehr nachvollziehbar schildert die Autorin ihre Zweifel und Beweggründe, sie reflektiert Fragen und Gedanken, die sich ihr auf dem Weg zur Jägerin auftun und nicht einfach wegwischen lassen wie die Mücken beim Ansitz: Muss sie angesichts des massiven Missbrauchs von Schusswaffen nicht Skrupel haben, selbst welche zu besitzen? Ist das Töten eines Tieres ethisch zu rechtfertigen? Und wie steht es um den Verzehr von Fleisch angesichts von Massentierhaltung und Klimawandel? Dabei zieht sich ein zentraler Gedanke durch das gesamte Buch: Nur wenn wir Jäger auch echte Naturschützer sind, wird sich die Jagd gegen alle Kritik und Anfeindungen auf lange Sicht behaupten können.

Lily Raff McCaulou: Rufe der Wildnis. Warum ich zur Jägerin wurde, erschienen 2018 im Franckh-Kosmos Verlag, 336 Seiten, 25,00 Euro

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Die Herrscher der Lüfte und ich

Sandra Jung ist wahrscheinlich vielen Jägerinnen und Jägern bekannt. Zumindest jenen, die eine Affinität zu neuen Medien haben. Denn sie ist umtriebig auf YouTube, Instagram und Facebook unterwegs, bewirbt edle Jagdoptik und allerlei anderes rund um die Jagd und dabei nicht zuletzt immer auch sich selbst: Jungjägerin Sandra Jung, Falknerin Sandra Jung. Auch jene Fernsehzuschauer, die noch zu festen Zeiten ihre Empfangsgeräte einschalten, hatten schon Gelegenheiten, die überaus telegene 27jährige kennenzulernen, etwa in der NDR-Talkshow.

Die Einladung hatte sie ihrem neu erschienen Buch zu verdanken. Offensichtlich wirkt die überraschende Mischung aus junger Frau und altem Jagdhandwerk auch auf Fernsehmacher attraktiv, denn ansonsten sieht man Falkner und Jäger ja eher selten zu den guten Sendezeiten. Der Titel verrät den autobiografischen Charakter des Buches. Präziser müsste es vielleicht ICH und die Herrscher der Lüfte heißen, mit starker Betonung auf ICH, denn die Coming-of-Age-Geschichte und die Autorin selbst stehen sehr deutlich im Zentrum. Dabei sprüht aber ihre Liebe zu Adlern, Bussarden, Falken und Eulen und ihre Begeisterung für das Falknerdasein förmlich aus jeder Zeile. 

Die Zeitspanne reicht über rund 10 Jahre, von Sandra Jungs erster Berührung mit Greifvögeln über Jäger- und Falknerprüfung bis zur Gründung einer eigenen Falknerei. Und es ist wirklich beeindruckend, was sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ben da auf Burg Greifenstein in Thüringen auf die Beine oder vielmehr zwischen die Burgmauern gestellt hat: Gewissermaßen aus dem Nichts, mit nicht mehr in der Hinterhand als der ideellen Unterstützung von Eltern und Freunden, ist aus der anfänglichen Träumerei erst eine Geschäftsidee und dann ein veritables Unternehmen mit täglicher Flugshow geworden. Sprachlich ist das Buch sicher kein Anwärter auf den Uwe-Johnson-Preis, aber es macht große Lust auf die alte Kunst, mit Vögeln zu jagen. 

Sandra Jung: Die Herrscher der Lüfte und ich. Mein Leben mit Greifvögeln, erschienen 2019 im Ullstein Verlag, 231 Seiten, broschiert, 14,99 Euro

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Wir sind Geschöpfe des Waldes

Der 1942 in Sachsen geborene Wolf-Dieter Storl bezeichnet sich selbst als Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Mit 11 Jahren wanderten seine Eltern mit ihm in die USA aus, wo er später studierte und erste Lehraufträge erhielt. Die meiste Zeit, so schreibt er selbst auf seiner Internetseite www.storl.de, verbrachte er allerdings in der Waldwildnis. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Einödhof im Allgäu – und schreibt und schreibt und schreibt. Aktuell weist der Shop seiner Internetseite nicht weniger als 33 Buchtitel aus, in denen es beispielsweise um Zauberpflanzen, schamanische Rituale oder Naturmedizin geht. Manche davon sind echte Bestseller.

Auch sein neues Buch „Wir sind Geschöpfe des Waldes“ dürfte sich gut verkaufen. Immerhin ist es in einer Zeit erschienen, in der Menschen nicht nur im Wald spazieren gehen, sondern gleich darin baden (siehe dazu meine Kolumne zum Thema). Auf dem Titel sieht man den Autor wie er leibt und lebt: Ohne Weiteres könnte er in einem Mystery-Märchen nach Art von „Der Herr der Ringe“ den Zauberer geben. In der Rechten hält er den Zauberstab, in der Linken eine Abwurfstange vom Rotwild. Jagdrechtlich betrachtet zeigt das Bild also höchstwahrscheinlich den Autor beim Wildern, aber wahrscheinlich muss man es schamanisch betrachten.

Wie auch immer. Auf mehr als 350 Seiten misst Storl das Thema „Mensch und Wald“ aus, und zwar historisch und geografisch, botanisch und (wild)biologisch, mythologisch, anthropologisch und astrologisch. Da geht es beispielsweise um die Evolution der Waldlebewesen, das Weltbild von Steinzeitmenschen und indigenen Waldvölkern (Kelten u.a.), den Wald in Märchen und als Bindeglied zwischen Kosmos und Erde oder die Angst vor dem Wald als eine moderne Form des entfremdeten Bewusstseins. Es wird eine ungeheure Fülle an Wissen, Geschichten, Beschreibungen, Fakten und Daten vor den Leserinnen und Lesern ausgebreitet.

Genau das könnte auch das Problem des Buches sein. Ich schreibe hier ausnahmsweise mal in der ersten Person Singular: Ich habe das Buch mit Interesse und Staunen gelesen. Vieles darin würde ich „esoterisch“ nennen (auch wenn „Esoteriker“ diese Zuschreibung üblicherweise weit von sich weisen und auch Wolf-Dieter Storl sich vermutlich nicht in dieser Ecke sehen möchte). Wer da Berührungsängste hat, sollte nicht zu diesem Buch greifen! Ich persönlich habe damit aber ein anderes Problem: Es macht mich höchst skeptisch, wenn ein einzelner Autor sich als allwissend präsentiert und beherzt kreuz und quer durch Themen und Disziplinen streift. Zumal dann, wenn er mehrere Bücher pro Jahr vorlegt.

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Pirschgang auf Abwegen (IV)

Die Kolumne auf volkerpesch.de

Die Internationale Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation hält den Verzehr des roten Muskelfleischs von Säugetieren für krebserregend. So ging die Meldung vor zwei oder drei Jahren in die Welt hinaus. Und so ploppt sie seitdem immer wieder mal auf, besonders häufig in den Medien missionarischer Vegetarier oder Veganer. Um die Fleischverächter an dieser Stelle gleich vor Bluthochdruck und dessen schlimmen Folgen zu bewahren, sage ich es in aller Deutlichkeit: Wer kein Fleisch essen möchte, warum auch immer, soll es meinethalben gerne lassen – chacun à son goût, sagt der Franzose, und die Französin dürfte ihm da beipflichten.

Die Warnung gilt besonders für Fleisch in verarbeiteter Form, weniger für Steak oder Braten. Es geht also um die Wurst! Und zu der haben ja gerade wir Deutsche eine besonders enge Beziehung. Unsere Wurst ist Distinktionsmerkmal (bayerische Weißwurst!) und Kulturerbe (rheinischer Flönz!). Über 1500 Sorten soll es hierzulande geben. Aber wo hört eigentlich Geschmacksrichtung auf und wo fängt Sorte an? Wer hat all die Würste probiert und gezählt? Und wieso lebt der noch?

Vermutlich deswegen, weil Zahlen trügerische Gesellen sind. Genau besehen ist die Einschätzung der WHO nämlich weit weniger dramatisch. Wer zu viel rotes, verarbeitetes Fleisch isst, so der Tenor, erhöht geringfügig das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Darauf deuten erste statistische Korrelationen hin, wobei die Zusammenhänge noch nicht ganz erforscht sind. Ziemlich sicher ließe sich das gleiche auch für Tofuschnitzel und Falafeldöner nachweisen, statistisch, meine ich. Wer zu viel verarbeitetes Soja oder Produkte aus Kichererbsenmehl isst, lautete die Meldung dann, erhöht geringfügig das Risiko, an Krebs zu erkranken. 

Doch wie viel ist eigentlich zu viel? Als Freund der genussvollen Mäßigung empfehle ich an dieser Stelle, sicherheitshalber auf die bunte Grillfleischmischung vom Discounter und Bärchenwurst aus Wanne-Eickel zu verzichten. Essen Sie stattdessen lieber Obst, Gemüse und Nüsse! Aber legen Sie sich gelegentlich beherzt ein paar Medaillons aus der Damwildkeule auf den Grill, garen Sie den Rehrücken zartrosa und würzen Sie ihre grobe Bratwurst vom Schwarzwild nach Art einer lombardischen Salsiccia. Das ist gesund und macht glücklich.

Landwirtschaft am Pranger

Die Medien berichten heute über eine Sternfahrt der Landwirte aus Mecklenburg-Vorpommern: Über 1000 Protestierende mit rund 550 Schleppern sind gestern zu einer Kundgebung in den Rostocker Stadthafen gekommen (Bild: Georg Scharnweber, SVZ). Ihr Protest richtete sich gegen das sogenannte Agrarpaket, mit dem die Bundesregierung einen verspäteten Schnellschuss in die Debatten um Klima-, Tier- und Artenschutz gesemmelt hat. Bundesweit fanden zeitgleich ähnliche Protestaktionen statt.

Das ist ein beeindruckendes Zeichen einer Branche am Pranger. Die Landwirte wollen nicht länger die „Prügelknaben der Nation“ sein, so die Organisatoren. Das kann man verstehen. Wenn dann allerdings gewarnt wird, das Agrarpaket bedrohe das „bäuerliche Idyll“, lasse „Bauernhöfe“ und „kleine Familienbetriebe“ sterben, bald gebe es keine „Kühe auf der Weide“ mehr und keine „regionalen Lebensmittel“ in „Hofläden“ – dann reibt man sich doch verwundert die Augen.

Bäuerliches Idyll? Fast 90 % der Betriebe in MV bewirtschaften mehr als 200 Ha Land, über 40 % sogar mehr als 1000 ha. Im Schnitt arbeiten darauf nur 1,2 Vollbeschäftigte pro 100 ha. In der Tierhaltung finden sich durchschnittlich 270 Rinder und 2155 Schweine. Betriebe mit ökologischem Landbau machen nur rund 16 % aus und sind überwiegend auch keine Kleinbetriebe (Zahlen aus der Agrarstrukturerhebung 2016). Das als „bäuerliches Idyll“ zu bezeichnen ist wohl eine contradictio in adjecto, ein innerer Widerspruch im Begriff.

Aber nichtsdestotrotz ist das Anliegen der Landwirte verständlich! Die klima-, tier- und artenschutzbesorgten Verbraucher zeigen nämlich mehrheitlich keine Bereitschaft, für Weißmehlprodukte, Milch oder Fleisch angemessene Preise zu zahlen. Und die (nationale und internationale) Politik versäumt es seit Jahren, hier besonnen steuernd einzugreifen. Die Landwirte haben in den vergangenen Jahren schon erhebliche Anstrengungen für mehr Tierwohl in den Ställen und weniger Gifte auf den Äckern unternommen, was selten irgendwo Erwähnung und nie Anerkennung findet. Und es ist den Betrieben kaum zuzumuten, in immer schnellerer Folge immer neue Sauen durch die Dörfer zu jagen. Sonst kommen unsere Lebensmittel tatsächlich irgendwann aus Regionen dieser Welt, in der es für Tier- oder Artenschutz nicht einmal Worte gibt.

The Wonderful Wild

Es ist mittlerweile fast zu einem eigenen Genre der Belletristik geworden: Frauen schreiben über ihre tiefe Verbundenheit zu Tieren und darüber, was das mit ihnen tief im Innersten macht. Dabei sind die Grenzen zu Mystik und Esoterik oft durchlässig. Sollten an dieser Stelle lesende Männer voll hämischer Vorfreude auflachen, sei zur Vorsicht geraten: es gibt auch ganz eigene Männer-Genres in der Belletristik, auf die Mann nicht unbedingt stolz sein kann!

Aber es geht mir an dieser Stelle gar nicht um Frauen oder Männer, sondern um Bücher wie Jane Godalls My Life with the Chimpanzees (der Klassiker), Tanja Askanis Wolfsspuren – Die Frau, die mit den Wölfen lebt, Gudrun Pflügers Wolfsspirit – Meine Geschichte von Wölfen und Wundern, Sandra Jungs Die Herrscher der Lüfte und ich, Elli Radingers Die Weisheit alter Hunde – die Beispiele ließen sich vermehren.

Relativ neu in diesem Segment und schon Bestsellerautorin ist Gesa Neitzel. In ihrem 2016 erschienenen Buch Frühstück mit Elefanten beschreibt sie ihre Ausbildung zur Safari-Rangerin in Afrika, mithin ein Leben ohne Internet und fließendem Wasser, dafür mit allerlei krabbelndem Getier und den Big Five. Im Kern ist es die Coming of Age-Geschichte einer jungen Frau, die dem stressigen Alltag als Berliner Fernsehredakteurin entflieht und in der Wildnis ihre Aufgabe und Erfüllung findet. Das ist durchaus unterhaltsam.

Mit „The Wonderful Wild“ ist jetzt gewissermaßen die Fortsetzung erschienen. Ging es im ersten Buch noch in erster Linie um die äußeren Begebenheiten, wendet sich das zweite allerdings der Innenwelt der Autorin zu. Das macht schon der Untertitel deutlich: „Was ich von Afrikas Wildnis für das Leben lerne“, lautet der, und spätestens da schrillen alle Alarmglocken.

Tatsächlich hat Gesa Neitzel ihre eigenen Erfahrungen zu einer Art Ratgeber zusammengerührt. Die 1987 geborenen Autorin erklärt uns nun, was in unserem Leben alles schief läuft, warum das so ist, wie sie das in der Wildnis erkannt hat und – natürlich – wie wir das ändern können. Nämlich im Kern so: Wenn wir nur auf die Stimme der Wildnis in uns hören, werden wir unseren authentischen Rhythmus finden. Oder so ähnlich.

Man staunt über die Selbstgewissheit der jungen Frau, ihren Mut zur Wissenslücke und ihr Pathos der Erleuchtung – und wünscht sich vergeblich ein wenig kritische Distanz, Ironie oder Augenzwinkern. Von Realismus gar nicht zu reden.

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