Dr. Volker Pesch

Ein Blog über Natur & Jagd in den Medien

Seite 2 von 7

Jagdkunde

Bei Sachbüchern zur Jagd fragt man sich gelegentlich, für wen sie eigentlich geschrieben sind. Für Jägerinnen und Jäger steht nichts Neues drin, andere Zielgruppen werden durch jägersprachliche Vokabeln abgeschreckt oder einfach nicht dort abgeholt, wo sie stehen. Kontroversen werden als bekannt vorausgesetzt (oder gleich ganz verschwiegen), einzelne Positionen als einzig wahre präsentiert. Sachbücher, die einerseits der Jagd positiv gegenüber stehen und sich andererseits ausdrücklich auch an eine nicht-jagende Leserschaft wenden, sind selten. 

In dieser Hinsicht sind die Bücher von Eckhard Fuhr echte Glücksfälle. Etwa „Lob der Jagd“ von 2011, das er gemeinsam mit Werner Schmitz geschrieben hat, „Jagdlust“ von 2012 oder auch sein Buch über die „Rückkehr der Wölfe“ von 2014. Fuhr war über viele Jahre Redakteur der FAZ, leitete das Kulturressort der Welt, arbeitete als Kulturkorrespondent und Kolumnist und lebt heute als freier Autor in Berlin. In Wild und Hund erschien seine monatliche Kolumne „Im Mediendschungel“. Darin hat er mitunter Positionen vertreten, die der traditionellen Jägerschaft nicht geschmeckt haben dürften. Und vor ein paar Jahren ist er in den Ökologischen Jagdverband (ÖJV) eingetreten und mittlerweile zum Stellvertretenden Vorsitzenden des ÖJV Brandenburg avanciert.

Jetzt ist unter dem Titel „Jagdkunde“ ein handliches Taschenbüchlein erschienen. Darin handelt Fuhr viele Aspekte der heutigen Jagd ab, angefangen bei den formalen Voraussetzungen der Jagdausübung über Waffen und Reviersystem, Hunde, jagdbare Arten und den Wolf bis hin zum Wildbret. Er versteht es wirklich, eigenes Jagderleben erzählerisch und unterhaltsam mit Informationen, Erklärungen, historischen Herleitungen, Anekdoten und Beschreibungen zum jeweiligen Thema zu verknüpfen. Das Buch zeugt von differenzierter Sachkenntnis und ist mit leichter Hand geschrieben. Für Jägerinnen und Jäger ist das kurzweilig, anderen vermag es die Jagd verständlich zu machen und also näherzubringen.

Eckhard Fuhr vertritt allerdings offensiv Positionen des ÖJV, etwa wenn es um den Schrotschuss auf Rehwild geht oder die Verkürzung der Schonzeit auf Böcke (siehe dazu den Beitrag Ohne Hemmungen auf Rehwild? in diesem Blog). In der Regel schreibt er das auch dazu. Und er argumentiert meist sachlich, vertritt diese Positionen nicht dogmatisch. Seine Ablehnung von Loden und Trophäen kommt in „Jagdkunde“ noch nicht ganz so deutlich durch wie zuletzt in einem taz-Interview, das leider von erheblicher Schwarzweißmalerei zeugt.

Man muss schon genau ins Impressum des Buches schauen um herauszufinden, dass es sich bei „Jagdkunde“ um eine durchgesehene Taschenbuchausgabe des bereits erwähnten Buches „Jagdlust“ handelt, mit verändertem Titel und Untertitel. Dieser Hinweis fehlt leider auch auf den Verlagsseiten und im Online-Handel. Das ist ärgerlich für Leserinnen und Leser, die bereits die gebundene Originalausgabe besitzen und sich auf ein neues Buch gefreut hatten. 

Der Text wurde lediglich durchgesehen und geringfügig überarbeitet. Besonders augenfällig ist das bei den Passagen, in denen es um den ÖJV geht. Ein Beispiel: 2012 hatte Fuhr noch geschrieben, die im ÖJV organisierten Jäger fände wohl deswegen soviel Resonanz in den Medien, „weil sie das Öko-Etikett nutzen, auch wenn es schlicht um holzwirtschaftliche Interessen geht.“ In diesem Zusammenhang hieß es, Journalisten ließen sich eben leicht einen Bären aufbinden. 2019 hat der ÖJV-Vizevorsitzende diese Sätze gestrichen.

Darüber kann man mindestens schmunzeln. Aus Sicht des Rezensenten ist das Buch aber auch in der neuen Fassung lesenswert. Wer antiquarisch eine Ausgabe von „Jagdlust“ auftreiben kann, sollte allerdings lieber zu dieser greifen, auch wegen der wunderbaren Zeichnungen von Cornelia Schleime.

Eckhard Fuhr: Jagdkunde. Zeitgemäße Betrachtungen über ein altes Handwerk, erschienen 2019 bei Matthes & Seitz, 176 Seiten, Paperback, 10,00 Euro
Originaltitel: Jagdlust. Warum es schön, gut und vernünftig ist, auf die Pirsch zu gehen, erschienen 2012 im Quadriga Verlag

Erhältlich beim Buchhändler Deines Vertrauens
und online z.B. bei amazon oder buch7

Originaltitel antiquarisch erhältlich z.B. über amazon

Ohne Hemmungen auf Rehwild?

In Heft 1/2019 der „Ökojagd“, dem Magazin des Ökologischen Jagdverbandes, schreibt Georg Meister über das Reh als „Zuchtobjekt“ einer trophäenorientierten Jägerschaft. Der 1929 geborene Forstwissenschaftler und Sachbuchautor ist Mitgründer und Ehrenmitglied des ÖJV Bayern.

Meister schlägt einen weiten Bogen vom Leben der Rehe in den europäischen Urwäldern über die Folgen der Sesshaftwerdung des Menschen, die populationsdynamischen Auswirkungen der jagdrechtlichen Änderungen von 1848 und mit dem Reichs- und Bundesjagdgesetz bis in die Gegenwart. Ein langer Artikel – dessen Ergebnis nicht wirklich überrascht: Ein effektiver Waldumbau von „Nadelholzplantagen“ zu „stabilen Mischwäldern“ werde nur gelingen, wenn endlich der Grundsatz „Wald von Wild“ durchgesetzt werde. Der müsse eigentlich besser „Zukunftswald vor Trophäenjagd“ lauten, schreibt Meister. „Alle Hemmnisse“ seien abzubauen, die eine „rasche Anpassung des Rehwildbestandes an die Landeskultur“ behinderten.

Es ist die bekannte ÖJV-Position, wie sie zuletzt beispielsweise auch Eckhard Fuhr in seinem Buch „Jagdkunde“ vertritt (siehe Rezension in diesem Blog). Als solcherart „Hemmnisse“ gelten das sachliche Verbot des Schrotschusses auf Rehwild, jegliche Beschränkungen der Freigabe bei den Drückjagden und die herbstliche Schonzeit für Böcke.

Waldpolitisch und wildbiologisch kann man vielleicht so argumentieren. Der Schrotschuss auf kurze Distanz tötet tierschutzgerecht (er war früher gang und gäbe und ist in anderen Ländern erlaubt), Drückjagden wären hinsichtlich der Reduktion des Rehwilds zweifellos effizienter, und biologisch ist es ohne Belang, ob der Bock mit oder ohne Gehörn erlegt wird. In vielen der neueren Landesjagdgesetze haben diese Positionen bereits Niederschlag gefunden.

Aber Rehe sind nicht nur „kleine braune Waldscheren“! Über den waldpolitischen und wildbiologischen Argumenten stehen tierschutzrechtliche. Rehe sind schmerzempfindliche Wirbeltiere, und die Vermeidung von Tierleid ist auch jagdlich ein hohes Gut. Wenn der Schrotschuss erst erlaubt ist, wird die eine oder andere Garbe auf 50 und mehr Meter abgefeuert werden, auch auf flüchtige Stücke, sei es in Selbstüberschätzung oder schlicht im Eifer des Gefechts. Die Tötungswirkung der Schrote sinkt mit jedem Meter, die Verletzungsgefahr steigt. Und die Nicht-Freigabe von Böcken auf der Drückjagd diszipliniert die Schützen, denn sie zwingt zu genauem Ansprechen und überlegter Schussabgabe. Wenn nicht Naserümpfen und Strafzahlungen drohen, werden nicht nur Böcke auf der Strecke liegen, sondern auch Ricken ohne zugehörige Kitze und viel zerschossenes Wild, das kaum noch zu verwerten ist.

Für den Einzelansitz spricht sicherlich wenig dagegen, die Schonzeit für Böcke zu verkürzen, zumindest biologisch. Wer in Trophäen ohnehin nur Staubfänger sieht, mag seine Böcke im Januar schießen. Wer darin Erinnerungsstücke, Respektsbezeugungen oder schlicht gutes Waidwerk sieht, kann ja auch weiterhin ab Mitte Oktober den Finger gerade lassen. Dem Wald ist’s so oder so egal: auch beim Rehwild sind die männlichen Stücke nicht die Zuwachsträger.

 

Greenwash, Inc.

„Greenwash, Inc.“ von Karl Wolfgang Flender ist ein durchaus aktueller Roman: Thomas, der Protagonist, arbeitet für eine international agierende PR-Agentur, die Unternehmen ein grünes Image verpasst. Und zwar gerade dann, wenn sie Regenwälder abholzen, hochgiftigen Computerschrott verschiffen oder den Tod von indischen Kinderarbeitern billigend in Kauf nehmen. Thomas inszeniert Hope Stories von ökologischer Nachhaltigkeit in einer Welt ohne Anlass zur Hoffnung auf einen tatsächlichen Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen. Diese Welt ist zynisch, absolut moralfrei und von kalter Effizienz. So weit, so zeitkritisch.

Allerdings bedient der Autor ziemlich viele Klischees, und das ohne Ironie oder Augenzwinkern. Die Charaktere sind teilweise überzeichnet und entwickeln sich nicht, der fiese Agenturchef bleibt fies und die mit Psychopharmaka zugedröhnten Mitarbeiter dröhnen sich zu, von Anfang bis Ende. Außerdem muss sich der geneigte Leser auf lange Dialoge über Rennradmarken oder Mixgetränke einlassen. Man kennt diese Stilmittel seit Bret Easton Ellis’ berühmtem Roman „American Psycho“, und wahrscheinlich werden sie heute an der Uni Hildesheim gelehrt, wo Flender „Literarisches Schreiben“ studiert hat. Wer so etwas mag, sollte „Greenwash, Inc.“ ruhig lesen.

Karl Wolfgang Flender: Greenwash, Inc., DuMont Buchverlag 2015, 392 Seiten, gebunden 19,99 Euro, Taschenbuch 11,00 Euro

Erhältlich beim Buchhändler Deines Vertrauens
und online z.B. bei amazon oder buch7

Paranoia der Medien?

Florian Asche ist kein Leisetreter. Im Gegenteil: wer Bücher mit Titeln wie „Jagen, Sex & Tiere essen“ oder „Kannst Du mal die Leber halten?“ (ein Kinderbuch!) veröffentlicht, liebt wohl den schwungvollen Auftritt. Es darf vermutet werden, dass er die medialen Regeln der Aufmerksamkeit ganz genau kennt und mit sicherer Hand bedient. Diese Vermutung nährt auch seine Kolumne „Asches letzter Bissen“ in Wild und Hund. Titel der aktuellen Folge: „Paranoia 2019. Unsere Freude am Weltuntergang.“ (WuH Nr. 16/2019, S. 112)

Umso mehr überrascht es, wenn ausgerechnet Asche darin zur allgemeinen und undifferenzierten Medienschelte anhebt. Die Ernteprognose 2019 des Deutschen Bauernverbandes im Wirtschaftsteil der FAZ reicht ihm als zentrale Wissensquelle, um den Klimawandel zu leugnen und kritische Medien wie ZEIT oder taz als politische Kampfinstrumente zu diffamieren. Und mit Verweis auf die historische Borkenkäferkalamität nach dem Krieg relativiert er die aktuelle Problematik. Seine Kolumne gipfelt in der Aussage, Fakten seien mittlerweile nur eine „Belastung“ für die Medien. In wessen Horn stößt er denn da?

Sicher gilt immer noch die alte Regel, „only bad news are good news“, und bekanntermaßen schlägt manche Schlagzeile weit über die Zeile hinaus. Im konkreten Fall könnte man aber leicht entgegnen, eine überwältigende Mehrheit der seriösen WissenschaftlerInnen und in der Folge auch WissenschaftsjournalistInnen gehe heute nunmal davon aus, dass es den Klimawandel gebe und wir aktuell dessen Vorboten und Zeichen erlebten. Ergo sagten und schrieben sie das auch so. Übrigens auch in der FAZ.

Aber hier geht es um einen anderen Punkt: Die pauschale Medienschelte ist einfach ärgerlich und sachlich falsch! Sie steht auch „Wild und Hund“ nicht gut zu Gesicht. Niemals zuvor in der Geschichte und nirgends sonst hatten und haben Menschen mehr, unterschiedlichere und freiere Medien zur Verfügung als hier und heute. Wer sich ausgewogen informieren will, hat dazu alle Möglichkeiten, in Text, Bild und Ton, analog oder digital, monographisch oder interaktiv. Er/sie muss nicht die ZEIT lesen, und niemand zwingt zur Lektüre der taz. Aber die Ernteprognose des DBV allein wird wohl eher nicht ausreichen, sich ein fundiertes Bild zu einem komplexen Problem wie dem Klimawandel zu machen.

Unsere Wölfe

Vor bald 20 Jahren galt die Geburt der ersten wilden Welpen auf dem Boden der Bundesrepublik als Sensation. Seitdem haben sich die Wölfe beinahe im ganzen Land immer mehr Territorien erschlossen. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz konnten im letzten Monitoringjahr 73 Rudel und 30 Paare bestätigt werden (siehe Pressemitteilung). Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Bestände in nächster Zeit weiter exponentiell ansteigen.

Die einen feiern die Rückkehr des Wolfes als Erfolgsgeschichte des Natur- und Artenschutzes. Die anderen sehen in erster Linie die Probleme, die eine ungeregelte Ausbreitung in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft mit sich bringt. Beide Seiten vereint die Faszination für dieses große Raubtier.

Heiko Anders begleitet die Rückkehrer seit vielen Jahren mit der Kamera. Im Auftrag der Landesumweltämter und anderer Institutionen arbeitet er für das Wolfsmonitoring. Mehrfach konnte er Erstnachweise neuer Rudel liefern. Vor allem brachte ihn diese Arbeit näher heran an die wilden Wölfe als jeden anderen. Jetzt hat er einen opulenten Bildband vorgelegt. Die darin versammelten Fotos sind zwischen 2013 und 2018 in acht verschiedenen Revieren in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt entstanden.

Mit durchgängig großartigen (Nah)Aufnahmen führt Anders die Betrachter mitten in die Habitate und Rudel. Seine Bilder vermitteln tiefe Einblicke in das Leben der Wölfe, zeigen das Territorial- und Sozialverhalten der adulten Tiere und ihrer Welpen. Die zugehörigen Texte und Bildunterschriften sind informativ und beschreiben unterhaltsam die Umstände, unter denen die jeweiligen Aufnahmen entstanden sind. In Bild und Text zeigt sich Heiko Anders‘ Begeisterung für diese wunderbaren Tiere – er bringt uns die Wölfe im eigentlichen Sinne nahe. Übrigens sind nicht ausschließlich Wölfe abgelichtet: Im Band finden sich vereinzelt auch Bilder anderer Arten (z.B. Rotwild).

Etwas ärgerlich ist, dass der NABU als Herausgeber die Einleitung zum Band für die hinlänglich bekannten Grabenkämpfe nutzt. Einschließlich unausgewogener Sticheleien gegen die Jägerschaft, deren Beiträge zu Artenschutz und Wolfsmonitoring unerwähnt bleiben. Die Probleme der Nutztierhalter werden mit dem Hinweis auf Herdenschutz und Entschädigung heruntergespielt. Dass einem Schäfer das Wohlergehen seiner Schafe am Herzen liegen könnte, scheint nicht in diese Vorstellungswelt zu passen. Aber das sind nur wenige Seiten in einem ansonsten ästhetisch und inhaltlich wirklich empfehlenswerten Bildband.

Heiko Anders, Das Leben unserer Wölfe. Beobachtungen aus heimischen Wolfsrevieren, hrsg. vom NABU e.V., erschienen 2019 im Haupt Verlag, 224 Seiten, 220 Farbfotos, Großformat gebunden, 29,90 EUR

Erhältlich beim Buchhändler Deines Vertrauens
und online z.B. bei amazon oder buch7

Zur Rückkehr des Wolfes siehe auch in der Rubrik „Angelesen“ den Beitrag „Im Wolfserwartungsland“.

Initiative Waidgerechte Jagd

Seit kurzem online ist die Initiative „Waidgerechte Jagd“ auf https://waidgerechte-jagd.de. Sie will ein aufgeklärtes Bild der Jagd vermitteln, will Jägern einen „Wertekompass für ihre jagdliche Praxis“ und Nichtjägern „Informationen über eine aufgeklärte und moderne Form der Jagd“ bieten. Mithin eine Jagd, „die durch aktiven Tier- und Naturschutz Lebewesen, Gesellschaft und Jäger eint.“ Partner sind u.a. Halali, Jaeger und Pirsch sowie diverse Markenhersteller und Händler wie Frankonia (verantwortlich laut Impressum).

Klingt nach einer guten Idee! Einstweilen finden sich auf den Seiten einige Fragen & Antworten, die sich vor allem an Nicht-Jäger richten dürften (z.B. „Sind Jäger Mörder?“), 12 Leitsätze zur Zukunft der Jagd und die drei Siegerfilme des Sophie Award 2019, dem Jagdfilm-Wettbewerb von DJV und Jagdstolz.

Elch im Sommerloch

Ein Elch hat bei Pasewalk die grüne Grenze überschritten und wandert nun durch Vorpommern. Das berichten seit gestern mehrere Medien (z.B. Ostseezeitung, der Nordkurier und Die Welt). Alle Jahre wieder kommen Jungbullen aus Polen ins Land, um sich eigene Reviere und Elchtiere zu suchen – vergeblich! Denn in Mecklenburg-Vorpommern sind zwar die Sommerlöcher ausgedehnt, nicht aber die Feuchtgebiete. Elche lieben einfach weite und gemischte Habitate mit Wald, Offenland und Wasser. Mais- und Ratschläge sind weniger ihr Ding.

Es ist also unwahrscheinlich, dass wir nach Biber und Wolf einen weiteren „Rückkehrer“ begrüßen können. Meist verschwinden die Elche wieder ebenso plötzlich, wie sie aufgetaucht sind. Weniger glückliche Exemplare werden von Zeitungsleserinnen und -lesern „Pommes“ getauft und landen im Rostocker Zoo (so geschehen 2017).

Wem gehört die Natur?

2018 sorgte der Film „Auf der Jagd – wem gehört die Natur?“ von Alice Agneskirchner für Diskussionen nicht nur in der Jägerschaft (Trailer bei YouTube). Mittlerweile ist er als DVD, Blue-ray und Stream erhältlich (z.B. bei amazon). Grund genug, ihn vom heimischen Sofa aus noch einmal anzuschauen.

Laut offizieller Ankündigung ist der Film „wie ein spannender Waldspaziergang, bei dem man unverhofft einer Seite unserer Natur begegnet, die einem sonst verborgen bliebe“. Letzteres kann für Jäger wohl kaum gelten. Aber die langen Kameraeinstellungen, spärlichen Wortbeiträge und seltenen Kommentare lassen einen durchaus eintauchen in den Wald – und über 100 Minuten wohlig im Sofa versinken. 

Agneskirchner zeigt den Wald als bedrohten Lebensraum des Wildes, Kapital der Forstwirtschaft und Jagdrevier von Mensch und Wolf. Und das durchaus ausgewogen: keine der widerstreitenden Positionen wird verächtlich gemacht, niemand wird vorgeführt, weder Jäger noch Forstwirte oder andere Protagonisten werden lächerlich gemacht. Die Jägerschaft kommt sogar ausgesprochen gut weg, auch weil die Jägerinnen und Jäger im Film allesamt ihre Positionen reflektieren und besonnen argumentieren.

Es darf allerdings bezweifelt werden, dass Zuschauerinnen und Zuschauer ohne Vorkenntnisse über die hier thematisierten Konflikte – beispielsweise die Wald-Wild-Problematik oder die Notwendigkeit eines ausgewogenen Altersklassenaufbaus in Wildtierpopulationen – dem Film in allen Teilen folgen können. Hier wären vielleicht doch erklärende Kommentare sinnvoll gewesen, auch wenn sie zweifellos die Ästhetik des Gesamtkunstwerks gestört hätten.

 

 

Harlings Jagd(B)Revier

„Mit der Saufeder geschrieben“ hat Gert G. von Harling sein neues Buch, nach eigenem Bekunden. Also nicht mit dem goldenen Füllfederhalter. Sondern spitz und scharf, beidseitig geschliffen, zu Abwehr und Verteidigung gedacht. Seine Sammlung von Kommentaren und Reflexionen rund um die Jagd soll auf negative Entwicklungen aufmerksam machen und Denkanstöße geben, ohne dabei besserwisserisch oder mit erhobenem Zeigefinger daher zu kommen. Mal ironisch, mal scharfzüngig, mal nachdenklich.

Der Autor muss nicht weiter vorgestellt werden: Er war Schriftleiter der Wild und Hund sowie Lektor des Verlages Paul Parey und wurde vielfach ausgezeichnet und geehrt. Mit mehr als 60 Buchveröffentlichungen und ungezählten Beiträgen in der Jagdpresse ist Gert von Harling einer der bekanntesten zeitgenössischen Jagdautoren des Landes, bekannt gleichermaßen für anspruchsvolle Belletristik wie gehaltvolle Fachliteratur. Zuletzt hatte er lesenswerte Erinnerungen vorgelegt (siehe Halali Nr. 1/2018).

Und jetzt also ein Jagd(B)revier. Rund 120 kurze Texte sind darin versammelt. Die handeln von Brauchtum, Wandlungen der Jagd, Rechtsfragen, Waffen und Technik, Ethik, Wildtieren, Kleidung, Jagdhunden, Veganismus und und und… Ein thematischer Parforceritt voller unterhaltsamer Anekdoten, anregender Gedanken und kritischer Positionen. Von Harling geht mit Jagdgegnern ebenso scharf ins Gericht wie mit einer Jägerschaft, der die Waidgerechtigkeit abhanden kommt.

Nur gelegentlich tappt der Autor in die Früher-war-alles-besser-Falle, und manche Bemerkung zeugt auch von einem gewissen Unverständnis für das Beschriebene. Aber es sind – wie gesagt – „Denkanstöße“, und als solche müssen sie ja nicht kritiklos übernommen werden. Im Gegenteil: es darf widersprochen werden.

Gert G. von Harling: Harlings Jagd(B)revier, erschienen 2018 im Verlag Neumann-Neudamm, 200 Seiten, gebunden, 19,95 Euro

Erhältlich beim Buchhändler Deines Vertrauens
und online bei amazon oder buch7

Wildschöne Welten

Gewissermaßen vor seiner Haustüre fotografiert Wolfram Otto, nämlich in Norddeutschland. Dabei hat er über viele Jahre seine Techniken der Tarnung und lautlosen Annäherung perfektioniert. Denn die meisten Wildtiere beobachten bekanntlich ihr Umfeld genau, und bei vielen Arten sind auch Hör- oder Geruchssinn besonders empfindlich. Eine kleine Bewegung, ein leises Geräusch oder ein Windzug in die falsche Richtung – und schon ist die Bühne leer. Wer mit Flinte oder Büchse jagt, kann davon Lieder singen. Wer mit der Kamera unterwegs ist, muss sogar noch näher ran. Und wer mehr als nur digitale Zufallsbeute machen will, wird nicht umhinkommen, die Tiere mitunter auf allen Vieren robbend oder im Neoprenanzug anzugehen. Der braucht echte Passion, fotografisches Handwerk und sicher auch immer ein Quentchen Glück. 

Bei Wolfram Otto kommt noch ein besonderes Gespür für Bildschnitt, Komposition und Tiefenschärfe hinzu. Der mehrfach ausgezeichnete Natur- und Tierfotograf hat jetzt einen opulenten Bildband mit einer Auswahl seiner besten Bilder vorgelegt. Es sind durchgängig faszinierende, teilweise spektakuläre Aufnahmen von wirklich außergewöhnlicher Qualität und Intensität. Sie zeigen Sorgenkinder des modernen Artenschutzes wie Biber, Eisvogel, Erdhummel oder Schachbrettblume und viele unscheinbare Arten, die weniger bekannt sind und in freier Natur leicht übersehen würden. 

Aber der Biologe und ehrenamtliche Naturschutzwart Otto will nicht nur die Anmut und Schönheit der heimischen Natur abbilden, sondern auch und gerade auf die Zerbrechlichkeit des Gefüges aufmerksam machen. Er will die Menschen sensibilisieren und für den Naturschutz gewinnen, so schreibt er selbst im Vorwort.

Kurze, meist informative, teilweise anekdotische Begleittexte handeln von den abgebildeten Arten und verweisen auf ökologische oder biologische Zusammenhänge. Dass darin die intensive Landwirtschaft durchweg am Pranger steht und beispielsweise der Biber nur als willkommener Biotopgestalter dargestellt wird, überrascht nicht. Auf die Probleme und Interessenskonflikte, die mit der Rückkehr des großen Baumfällers und Staudammbauers verbunden sind, geht Otto nicht weiter ein. Das ist aber vielleicht auch nicht die Aufgabe eines solchen Bildbandes.

Wolfram Otto: Wildschöne Welten in Norddeutschland, erschienen 2018 im Hinstorff Verlag, 224 Seiten, Großformat, 38,00 Euro

Erhältlich beim Buchhändler Deines Vertrauens
und online bei amazon oder buch7

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2019 Dr. Volker Pesch

Theme von Anders NorénHoch ↑