Dr. Volker Pesch

Texter | Journalist | Schriftsteller | dtp

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Rufe der Wildnis

Und noch ein Buch einer jungen Frau, die Jägerin wird! Wie es scheint, entdecken die Verlage nach und nach Thema und Klientel. Nach Pauline de Bok und Antje Joel (deren Bücher bereits an dieser Stelle rezensiert worden sind) erzählt jetzt eine junge Amerikanerin ihren Weg zu Jagd. Aber anders als de Bok schreibt Lily Raff McCaulou das nicht als existenzielle Selbsterfahrung, und anders als Joel nicht als psychotherapeutisches Projekt. Die Journalistin tut das sachlicher, reflektierter, hintergründiger und damit auch verallgemeinerbarer.

Raff McCaulou zieht berufsbedingt aus New York ins ländliche Oregon. Hier lernt sie einen Mann und mit ihm das Fliegenfischen kennen und lieben, kommt ins Gespräch mit Jägern, beginnt sich für Jagd und Naturschutz zu interessieren, besucht gemeinsam mit Jugendlichen einen Grundkurs zum Umgang mit Schusswaffen (was Absolventen der deutschen Jägerprüfung nur ungläubig staunen lässt), kauft schließlich eine erste Waffe und Abschusslizenzen und hat im weiteren Verlauf auch Waidmannsheil. Für Noch-nicht-Jäger und -Jägerinnen hilfreich sind die eingestreuten Erläuterungen und Hintergrundinformationen, etwa über den Unterschied von Flinte und Büchse oder statistische Daten rund um Jagd, Natur und Gesellschaft.

Sehr nachvollziehbar schildert die Autorin ihre Zweifel und Beweggründe, sie reflektiert Fragen und Gedanken, die sich ihr auf dem Weg zur Jägerin auftun und nicht einfach wegwischen lassen wie die Mücken beim Ansitz: Muss sie angesichts des massiven Missbrauchs von Schusswaffen nicht Skrupel haben, selbst welche zu besitzen? Ist das Töten eines Tieres ethisch zu rechtfertigen? Und wie steht es um den Verzehr von Fleisch angesichts von Massentierhaltung und Klimawandel? Dabei zieht sich ein zentraler Gedanke durch das gesamte Buch: Nur wenn wir Jäger auch echte Naturschützer sind, wird sich die Jagd gegen alle Kritik und Anfeindungen auf lange Sicht behaupten können.

Lily Raff McCaulou: Rufe der Wildnis. Warum ich zur Jägerin wurde, erschienen 2018 im Franckh-Kosmos Verlag, 336 Seiten, 25,00 Euro

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Die Herrscher der Lüfte und ich

Sandra Jung ist wahrscheinlich vielen Jägerinnen und Jägern bekannt. Zumindest jenen, die eine Affinität zu neuen Medien haben. Denn sie ist umtriebig auf YouTube, Instagram und Facebook unterwegs, bewirbt edle Jagdoptik und allerlei anderes rund um die Jagd und dabei nicht zuletzt immer auch sich selbst: Jungjägerin Sandra Jung, Falknerin Sandra Jung. Auch jene Fernsehzuschauer, die noch zu festen Zeiten ihre Empfangsgeräte einschalten, hatten schon Gelegenheiten, die überaus telegene 27jährige kennenzulernen, etwa in der NDR-Talkshow.

Die Einladung hatte sie ihrem neu erschienen Buch zu verdanken. Offensichtlich wirkt die überraschende Mischung aus junger Frau und altem Jagdhandwerk auch auf Fernsehmacher attraktiv, denn ansonsten sieht man Falkner und Jäger ja eher selten zu den guten Sendezeiten. Der Titel verrät den autobiografischen Charakter des Buches. Präziser müsste es vielleicht ICH und die Herrscher der Lüfte heißen, mit starker Betonung auf ICH, denn die Coming-of-Age-Geschichte und die Autorin selbst stehen sehr deutlich im Zentrum. Dabei sprüht aber ihre Liebe zu Adlern, Bussarden, Falken und Eulen und ihre Begeisterung für das Falknerdasein förmlich aus jeder Zeile. 

Die Zeitspanne reicht über rund 10 Jahre, von Sandra Jungs erster Berührung mit Greifvögeln über Jäger- und Falknerprüfung bis zur Gründung einer eigenen Falknerei. Und es ist wirklich beeindruckend, was sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ben da auf Burg Greifenstein in Thüringen auf die Beine oder vielmehr zwischen die Burgmauern gestellt hat: Gewissermaßen aus dem Nichts, mit nicht mehr in der Hinterhand als der ideellen Unterstützung von Eltern und Freunden, ist aus der anfänglichen Träumerei erst eine Geschäftsidee und dann ein veritables Unternehmen mit täglicher Flugshow geworden. Sprachlich ist das Buch sicher kein Anwärter auf den Uwe-Johnson-Preis, aber es macht große Lust auf die alte Kunst, mit Vögeln zu jagen. 

Sandra Jung: Die Herrscher der Lüfte und ich. Mein Leben mit Greifvögeln, erschienen 2019 im Ullstein Verlag, 231 Seiten, broschiert, 14,99 Euro

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Wir sind Geschöpfe des Waldes

Der 1942 in Sachsen geborene Wolf-Dieter Storl bezeichnet sich selbst als Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Mit 11 Jahren wanderten seine Eltern mit ihm in die USA aus, wo er später studierte und erste Lehraufträge erhielt. Die meiste Zeit, so schreibt er selbst auf seiner Internetseite www.storl.de, verbrachte er allerdings in der Waldwildnis. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Einödhof im Allgäu – und schreibt und schreibt und schreibt. Aktuell weist der Shop seiner Internetseite nicht weniger als 33 Buchtitel aus, in denen es beispielsweise um Zauberpflanzen, schamanische Rituale oder Naturmedizin geht. Manche davon sind echte Bestseller.

Auch sein neues Buch „Wir sind Geschöpfe des Waldes“ dürfte sich gut verkaufen. Immerhin ist es in einer Zeit erschienen, in der Menschen nicht nur im Wald spazieren gehen, sondern gleich darin baden (siehe dazu meine Kolumne zum Thema). Auf dem Titel sieht man den Autor wie er leibt und lebt: Ohne Weiteres könnte er in einem Mystery-Märchen nach Art von „Der Herr der Ringe“ den Zauberer geben. In der Rechten hält er den Zauberstab, in der Linken eine Abwurfstange vom Rotwild. Jagdrechtlich betrachtet zeigt das Bild also höchstwahrscheinlich den Autor beim Wildern, aber wahrscheinlich muss man es schamanisch betrachten.

Wie auch immer. Auf mehr als 350 Seiten misst Storl das Thema „Mensch und Wald“ aus, und zwar historisch und geografisch, botanisch und (wild)biologisch, mythologisch, anthropologisch und astrologisch. Da geht es beispielsweise um die Evolution der Waldlebewesen, das Weltbild von Steinzeitmenschen und indigenen Waldvölkern (Kelten u.a.), den Wald in Märchen und als Bindeglied zwischen Kosmos und Erde oder die Angst vor dem Wald als eine moderne Form des entfremdeten Bewusstseins. Es wird eine ungeheure Fülle an Wissen, Geschichten, Beschreibungen, Fakten und Daten vor den Leserinnen und Lesern ausgebreitet.

Genau das könnte auch das Problem des Buches sein. Ich schreibe hier ausnahmsweise mal in der ersten Person Singular: Ich habe das Buch mit Interesse und Staunen gelesen. Vieles darin würde ich „esoterisch“ nennen (auch wenn „Esoteriker“ diese Zuschreibung üblicherweise weit von sich weisen und auch Wolf-Dieter Storl sich vermutlich nicht in dieser Ecke sehen möchte). Wer da Berührungsängste hat, sollte nicht zu diesem Buch greifen! Ich persönlich habe damit aber ein anderes Problem: Es macht mich höchst skeptisch, wenn ein einzelner Autor sich als allwissend präsentiert und beherzt kreuz und quer durch Themen und Disziplinen streift. Zumal dann, wenn er mehrere Bücher pro Jahr vorlegt.

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Pirschgang auf Abwegen (IV)

Die Kolumne auf volkerpesch.de

Die Internationale Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation hält den Verzehr des roten Muskelfleischs von Säugetieren für krebserregend. So ging die Meldung vor zwei oder drei Jahren in die Welt hinaus. Und so ploppt sie seitdem immer wieder mal auf, besonders häufig in den Medien missionarischer Vegetarier oder Veganer. Um die Fleischverächter an dieser Stelle gleich vor Bluthochdruck und dessen schlimmen Folgen zu bewahren, sage ich es in aller Deutlichkeit: Wer kein Fleisch essen möchte, warum auch immer, soll es meinethalben gerne lassen – chacun à son goût, sagt der Franzose, und die Französin dürfte ihm da beipflichten.

Die Warnung gilt besonders für Fleisch in verarbeiteter Form, weniger für Steak oder Braten. Es geht also um die Wurst! Und zu der haben ja gerade wir Deutsche eine besonders enge Beziehung. Unsere Wurst ist Distinktionsmerkmal (bayerische Weißwurst!) und Kulturerbe (rheinischer Flönz!). Über 1500 Sorten soll es hierzulande geben. Aber wo hört eigentlich Geschmacksrichtung auf und wo fängt Sorte an? Wer hat all die Würste probiert und gezählt? Und wieso lebt der noch?

Vermutlich deswegen, weil Zahlen trügerische Gesellen sind. Genau besehen ist die Einschätzung der WHO nämlich weit weniger dramatisch. Wer zu viel rotes, verarbeitetes Fleisch isst, so der Tenor, erhöht geringfügig das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Darauf deuten erste statistische Korrelationen hin, wobei die Zusammenhänge noch nicht ganz erforscht sind. Ziemlich sicher ließe sich das gleiche auch für Tofuschnitzel und Falafeldöner nachweisen, statistisch, meine ich. Wer zu viel verarbeitetes Soja oder Produkte aus Kichererbsenmehl isst, lautete die Meldung dann, erhöht geringfügig das Risiko, an Krebs zu erkranken. 

Doch wie viel ist eigentlich zu viel? Als Freund der genussvollen Mäßigung empfehle ich an dieser Stelle, sicherheitshalber auf die bunte Grillfleischmischung vom Discounter und Bärchenwurst aus Wanne-Eickel zu verzichten. Essen Sie stattdessen lieber Obst, Gemüse und Nüsse! Aber legen Sie sich gelegentlich beherzt ein paar Medaillons aus der Damwildkeule auf den Grill, garen Sie den Rehrücken zartrosa und würzen Sie ihre grobe Bratwurst vom Schwarzwild nach Art einer lombardischen Salsiccia. Das ist gesund und macht glücklich.

Landwirtschaft am Pranger

Die Medien berichten heute über eine Sternfahrt der Landwirte aus Mecklenburg-Vorpommern: Über 1000 Protestierende mit rund 550 Schleppern sind gestern zu einer Kundgebung in den Rostocker Stadthafen gekommen (Bild: Georg Scharnweber, SVZ). Ihr Protest richtete sich gegen das sogenannte Agrarpaket, mit dem die Bundesregierung einen verspäteten Schnellschuss in die Debatten um Klima-, Tier- und Artenschutz gesemmelt hat. Bundesweit fanden zeitgleich ähnliche Protestaktionen statt.

Das ist ein beeindruckendes Zeichen einer Branche am Pranger. Die Landwirte wollen nicht länger die „Prügelknaben der Nation“ sein, so die Organisatoren. Das kann man verstehen. Wenn dann allerdings gewarnt wird, das Agrarpaket bedrohe das „bäuerliche Idyll“, lasse „Bauernhöfe“ und „kleine Familienbetriebe“ sterben, bald gebe es keine „Kühe auf der Weide“ mehr und keine „regionalen Lebensmittel“ in „Hofläden“ – dann reibt man sich doch verwundert die Augen.

Bäuerliches Idyll? Fast 90 % der Betriebe in MV bewirtschaften mehr als 200 Ha Land, über 40 % sogar mehr als 1000 ha. Im Schnitt arbeiten darauf nur 1,2 Vollbeschäftigte pro 100 ha. In der Tierhaltung finden sich durchschnittlich 270 Rinder und 2155 Schweine. Betriebe mit ökologischem Landbau machen nur rund 16 % aus und sind überwiegend auch keine Kleinbetriebe (Zahlen aus der Agrarstrukturerhebung 2016). Das als „bäuerliches Idyll“ zu bezeichnen ist wohl eine contradictio in adjecto, ein innerer Widerspruch im Begriff.

Aber nichtsdestotrotz ist das Anliegen der Landwirte verständlich! Die klima-, tier- und artenschutzbesorgten Verbraucher zeigen nämlich mehrheitlich keine Bereitschaft, für Weißmehlprodukte, Milch oder Fleisch angemessene Preise zu zahlen. Und die (nationale und internationale) Politik versäumt es seit Jahren, hier besonnen steuernd einzugreifen. Die Landwirte haben in den vergangenen Jahren schon erhebliche Anstrengungen für mehr Tierwohl in den Ställen und weniger Gifte auf den Äckern unternommen, was selten irgendwo Erwähnung und nie Anerkennung findet. Und es ist den Betrieben kaum zuzumuten, in immer schnellerer Folge immer neue Sauen durch die Dörfer zu jagen. Sonst kommen unsere Lebensmittel tatsächlich irgendwann aus Regionen dieser Welt, in der es für Tier- oder Artenschutz nicht einmal Worte gibt.

The Wonderful Wild

Es ist mittlerweile fast zu einem eigenen Genre der Belletristik geworden: Frauen schreiben über ihre tiefe Verbundenheit zu Tieren und darüber, was das mit ihnen tief im Innersten macht. Dabei sind die Grenzen zu Mystik und Esoterik oft durchlässig. Sollten an dieser Stelle lesende Männer voll hämischer Vorfreude auflachen, sei zur Vorsicht geraten: es gibt auch ganz eigene Männer-Genres in der Belletristik, auf die Mann nicht unbedingt stolz sein kann!

Aber es geht mir an dieser Stelle gar nicht um Frauen oder Männer, sondern um Bücher wie Jane Godalls My Life with the Chimpanzees (der Klassiker), Tanja Askanis Wolfsspuren – Die Frau, die mit den Wölfen lebt, Gudrun Pflügers Wolfsspirit – Meine Geschichte von Wölfen und Wundern, Sandra Jungs Die Herrscher der Lüfte und ich, Elli Radingers Die Weisheit alter Hunde – die Beispiele ließen sich vermehren.

Relativ neu in diesem Segment und schon Bestsellerautorin ist Gesa Neitzel. In ihrem 2016 erschienenen Buch Frühstück mit Elefanten beschreibt sie ihre Ausbildung zur Safari-Rangerin in Afrika, mithin ein Leben ohne Internet und fließendem Wasser, dafür mit allerlei krabbelndem Getier und den Big Five. Im Kern ist es die Coming of Age-Geschichte einer jungen Frau, die dem stressigen Alltag als Berliner Fernsehredakteurin entflieht und in der Wildnis ihre Aufgabe und Erfüllung findet. Das ist durchaus unterhaltsam.

Mit „The Wonderful Wild“ ist jetzt gewissermaßen die Fortsetzung erschienen. Ging es im ersten Buch noch in erster Linie um die äußeren Begebenheiten, wendet sich das zweite allerdings der Innenwelt der Autorin zu. Das macht schon der Untertitel deutlich: „Was ich von Afrikas Wildnis für das Leben lerne“, lautet der, und spätestens da schrillen alle Alarmglocken.

Tatsächlich hat Gesa Neitzel ihre eigenen Erfahrungen zu einer Art Ratgeber zusammengerührt. Die 1987 geborenen Autorin erklärt uns nun, was in unserem Leben alles schief läuft, warum das so ist, wie sie das in der Wildnis erkannt hat und – natürlich – wie wir das ändern können. Nämlich im Kern so: Wenn wir nur auf die Stimme der Wildnis in uns hören, werden wir unseren authentischen Rhythmus finden. Oder so ähnlich.

Man staunt über die Selbstgewissheit der jungen Frau, ihren Mut zur Wissenslücke und ihr Pathos der Erleuchtung – und wünscht sich vergeblich ein wenig kritische Distanz, Ironie oder Augenzwinkern. Von Realismus gar nicht zu reden.

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Sarah Wieners Bienenleben

Ach, diese sympathische Frau Wiener! Wer kennt sie nicht, die charmante Österreicherin mit Berliner Wurzeln, Tochter des Schriftstellers und Gastronomen Oswald Wiener. Köchin und Betreiberin von Restaurants und diversen anderen Unternehmungen der Gastro-Branche. Fernsehfrau („Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener“), Sachbuchautorin („Kochen kann jeder“), Botschafterin für biologische Vielfalt, Begründerin der Sarah-Wiener-Stiftung, mit der sie Kinder für gute Ernährung begeistert, Abgeordnete im Europaparlament. Engagiert für artgerechte Tierhaltung, gegen Gentechnik, für Biodiversität, gegen Prostitution und für die Integration von Flüchtlingen. Jetzt imkert sie auch noch und – wie könnte es anders sein? – hat sogleich ein Buch darüber geschrieben. 

Am Anfang stand eine Folge der Fernsehsendung „Sarah Wieners erste Wahl“ aus dem Jahr 2013 (zu finden bei YouTube). In dieser zehnteiligen Serie begab sie sich auf die Suche nach den Ursprüngen unserer Grundnahrungsmittel und traf Produzenten, die ökologisch und nachhaltig wirtschaften. Für die Folge über Honig besuchte sie die Imkerei Fischermühle in Baden-Württemberg, die eng mit dem ökologischen Imkerverband Mellifera e.V. verbunden ist. Hier brachte ihr Imkermeister Norbert Poeplau die Grundlagen der wesensgemäßen Imkerei nahe  und begeisterte sie dafür. Und als sie 2015 gemeinsam mit Partnern ein 800-Hektar-Gut in der Uckermark gekauft hatte, lag der Gedanke an eigene Bienenvölker nahe. Sieben an der Zahl schaffte sie an und wurde zur leidenschaftlichen Imkerin.  

Im Buch erzählt sie das heiter und unverkrampft, berichtet über ihre imkerlichen Anfänge, spart auch Fehler und Misserfolge nicht aus und vermischt das mit autobiografischen Anekdoten. Dabei gelingt es ihr, gewissermaßen „im Vorbeigehen“ die Biologie der Honigbienen und die Grundlagen der (wesensgemäßen) Imkerei darzustellen. Leserinnen und Leser erfahren viel Wissenswertes über die natürliche Lebensweise der Bienen, über die unterschiedlichen Beutentypen, über die Stadien eines Bienenlebens und die Aufgabenverteilung innerhalb des Biens, über wissenschaftliche Erkenntnisse und das Handwerk des Imkerns, über Bienenkrankheiten und deren Behandlung sowie über die heilsame Wirkung der Bienenprodukte.

Etwas nervig ist die stetige Vermenschlichung der Bienen durch die Autorin. Selbstredend haben die Bienenvölker Namen. Und laufend „denkt“ eine Biene dies und das oder „sagt sich“ etwas. Das mag als literarisches Stilmittel noch durchgehen, wenngleich es doch eher ein Mittel für Kinderbücher wäre. Schwieriger wird es, wenn die Bienen als vorbildliche Solidargemeinschaft und modellhafte Demokratie herhalten sollen. Diese Gedanken finden sich zwar in vielen Bienen-Büchern, das macht sie aber nicht richtiger. Denn ein Bienenvolk ist das gerade Gegenteil davon: die einzelne Biene zählt nichts, das Überleben des Bien alles. Die Natur ist auch für Bienen kein Ponyhof.

Fazit: Wer sich schon mit Bienen und Imkerei beschäftigt hat, wird hier kaum etwas Neues lesen, das aber auf sehr unterhaltsame Weise. Das ist kein Minuspunkt, denn gestandene Imker und Apidologen sind nicht die Zielgruppen des Buchs. Es soll vielmehr – und wird das auch, soviel darf prophezeit werden – solchen Menschen einen Zugang zur Sache eröffnen, die sich bislang noch nicht damit befasst haben. Und sie vielleicht sogar dazu anregen, selbst Bienen zu halten. Hoffentlich tun die das dann mit der gleichen Begeisterung und Hingabe wie die sympathische Frau Wiener.

Sarah Wiener: Bienenleben. Vom Glück, Teil der Natur zu sein, 24 Abbildungen, Aufbau Verlag 2019, 288 Seiten, gebunden, 22,00 Euro

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Pirschgang auf Abwegen (III)

Die Kolumne auf volkerpesch.de

Ich überlege ernsthaft, mich zum zertifizierten Waldbademeister ausbilden zu lassen. Handwerk hat goldenen Boden, heißt es schließlich, und der Meistertitel sicherte die Qualität meiner Arbeit. Sollte es demnächst für Schreiber wie mich keine Publikationsmöglichkeiten mehr geben, weil Peter Wohlleben bundesweit die Exklusivrechte an sämtlichen Naturthemen übertragen worden sind, hätte ich noch ein festes Standbein.

Besser wäre natürlich ein Waldbadediplom, immerhin hat das deutsche Diplom einen hervorragenden Ruf in der ganzen Welt. Wenn meine Lateinkenntnisse noch verlässlich sind, wäre das ein Dipl. nat. silv. (natare in silva). „Da hat man was in der Hand“, würde Evelyn Hamann sagen, und ich pflichte ihr da voll und ganz bei. 

Sie halten das für einen Scherz? Mit Verlaub, dann sind Sie aber schlecht informiert! Denn Waldbaden liegt voll im Trend. In Japan kennt man es schon lange als shinrin-yoku, und als forest therapy oder eben Waldbaden schwappt es seit ein paar Jahren mit dem Schwung der Erleuchtung auch in unsere Körper, Wälder und Therapieangebote über.

Wissenschaftler der Uni München haben übrigens herausgefunden, dass da im Wald wirklich was mit den Badenden passiert. Studien zufolge wirken das gedämpfte Licht, die Gerüche (Terpene!), das Rascheln von Laub und die sauerstoffreiche Luft beruhigend und ausgleichend, stärken die Abwehrkräfte und verbessern die Schlafqualität. Biochemisch gesehen steigt der Melatoninspiegel im Blut und sinkt der Kortisolspiegel. Ob und inwieweit Waldbaden auch der Krebsvorsorge dient, wird derzeit erforscht.

Leider habe ich noch keine passenden Studiengang gefunden. Die Deutsche Akademie für Waldbaden & Gesundheit beispielsweise bildet immerhin zum „Kursleiter für Waldbaden“ aus. Das klingt mir aber zu stark nach Volkshochschule. Da interessierte mich eher die Weiterbildung zum „Natur-Resilienz-Trainer“, schon des Fremdworts wegen. Vielleicht werde ich mich dort anmelden.

Nun werden Jägerinnen und Jäger möglicherweise mit den Schultern zucken. Natürlich ist es entspannend und beglückend, im Wald zu sein – ja und? Wer einen echten Grund dazu sucht, sollte das grüne Abitur machen, da ist Waldbaden inklusive. Ich wollte Sie auch nur vorwarnen: Neben Joggern, Spaziergängern, Pilzsammlern, Motocrossern und Geo-Cachern werden Sie im Revier zunehmend auch auf Waldbader treffen. Es besteht aber Grund zur Hoffnung, dass die sich eher still verhalten.

Ein Fundstück

Manche lesen ‚Landlust‘,
andere halten Hühner.

Das lass‘ ich für heute einfach mal so stehen …
(eine Überschrift im OZ-Journal vom 14./15.09.2019)

MeLa, Meler, am Melsten

Heute beginnt in Mühlengeez bei Güstrow die 29. MeLa, die alljährliche Agrarschau des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Rund 1000 Aussteller werden dort sein und voraussichtlich über 70.000 Besucherinnen und Besucher. Tiere, Technik, Nahrungsmittel – Landwirtschaft zum Anfassen ist ganz sicher auch in diesem Jahr ein Besuchermagnet.

Für die Medien gibt sich die Veranstaltung total klimafreundlich. Wäre das irgend möglich, hätte Landwirtschaftsminister Backhaus ganz sicher Greta Thunberg zur Eröffnungsveranstaltung eingeladen oder wenigstens eine Videobotschaft überbringen lassen. Die Rolle müssen nun die Bauern- und Bienenverbandsvertreter selbst spielen.

Tier der MeLa 2019 ist das Rheinisch-Deutsche Kaltblut – ein Arbeitspferd, das längst in der Landwirtschaft keinen Platz mehr hat und heute nur noch von wenigen Liebhabern alter Rassen gezüchtet wird. Im Unterschied zum Hochleistungsvieh, das im internationalen Wettbewerb um die dicksten Keulen und prallsten Euter steht. Auf dem Außengelände werden auch historische Landmaschinen präsentiert, aber im Zentrum der Aufmerksamkeit dürfte die neueste Generation von Nutzfahrzeugen nebst sämtlicher Gerätschaften für Bodenbearbeitung und chemischen Pflanzenschutz stehen (Stichwort: SmartFarming). Der Imkerverband wird seinen Stand möglicherweise mit einem Lüneburger Stülper dekorieren, jenem Strohkorb, der sinnbildlich für die gute alte Zeit steht. Um dann mit dem „Bienofon“ in eine moderne Maximalertragsbeute zu horchen.

Nein – das historisierende Kolorit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die MeLa auch 2019 dem Dreiklang von Leistungssteigerung, Effizienz und Kostenminimierung folgt. Alles andere ist im besten Fall nettes Beiwerk.

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