Dr. Volker Pesch

Texter | Journalist | Schriftsteller | dtp

Ganz normaler Wahnsinn?

Wenn die Verlage über rückläufige Verkaufszahlen, den Niedergang des Buchwesens im Allgemeinen und die Undankbarkeit der Leserschaft im Besonderen klagen, sollten sich Verleger und Lektoren auch einmal an die eigene Nase fassen. Könnte das, so sollten sie sich vielleicht fragen, auch mit Masse und Qualität zu tun haben? Müssen beispielsweise, wenn sich Bücher von Martin Rütter, Cesar Millan oder Anton Fichtlmeier gut verkaufen, zwingend 27 weitere Titel in der Sparte „Hundeflüsterei“ erscheinen, und zwar pro Verlag und Jahr?

Bei Käufer oder Leserin führt das schnell zu gähnender Langeweile und Verdruss. Immerhin kosten ja selbst Paperbacks oder Englische Broschuren heute schnell mal 18 oder 22 Euro, gebundene Bücher häufig noch mehr. Wenn dann mal wieder so ein überflüssiges Werk auf Nimmerwiedersehen oben links im Bücherregal verschwindet, ist mitunter der Gedanke naheliegend, die nächste Neuerscheinung zu ignorieren und stattdessen Hundevideos bei YouTube anzuschauen. Die belasten weder Portemonnaie noch Regal. Und das Beste daran: schlechte Filmchen lassen sich einfach wegklicken.

Anlass dieser Gedanken ist ein Taschenbuch, das 2020 bei Kosmos erschienen ist (wobei ausdrücklich gesagt sei, dass Kosmos einer der wenigen Verlage ist, die in großer Zahl überaus lesenswerte Titel zu Natur und Jagd im Programm führen): „Der ganz normale Wahnsinn“ von Perdita Lübbe-Scheuermann und Frauke Burkhardt. Erklärtermaßen ist das Buch der beiden erfahrenen Hundetrainerinnen kein Ratgeber, sondern soll „kurzweilige Lektüre mit viel Mut zur Wahrheit“ sein. Der Verlag nennt es „frech, provokant, tiefgründig“. Das weckt Erwartungen.

Aber dann folgt Seite auf Seite voller Trivialitäten, Lamento und Spott. Von ganz hoher Warte blicken die beiden auf Hundetrainer, Hundeschulen, Hundehalter und ein wenig auch auf Hunde herab, und nach 88 Seiten weiß der tapfere Leser immerhin soviel: alle doof (außer den Hunden). Was fehlt sind lehrreiche oder unterhaltsame Geschichten, gute Fallbeispiele, interessantes Hundewissen oder irgendetwas, das Erkenntnisgewinn oder Lesespaß verschaffen würde. Bei diesem Buch ist weniger „Mut zur Wahrheit“ gefordert als vielmehr Mut zum Weiterlesen, zumal der Stil, vorsichtig formuliert, eher gewöhnungsbedürftig ist.

Ob das noch bis zum Ende auf Seite 208 so weitergeht, kann ich nicht sagen – denn ich habe, das gebe ich zu, diesen Mut nicht aufgebracht. Das kommt bei mir selten vor. Aber auf dem Stapel meiner zu rezensierenden Bücher liegen noch einige vielversprechende Titel, und auch meine (Lese)Zeit ist ja begrenzt und will nicht verschwendet sein.

Perdita Lübbe-Scheuermann und Frauke Burkhardt, Der ganz normale Wahnsinn. Von Hunden und ihren Menschen, Franckh-Kosmos Verlag 2020, 18,00 Euro

Der kahlköpfige Rabe

Der Kormoran galt hierzulande schon als ausgerottet. Dank vieler Artenschutzbemühungen haben sich die Bestände in den letzten Jahrzehnten wieder erholt, aber nicht selten gehen die schwarzen Vögel massiv zu Schaden. Auf der Basis von Ausnahmeregelungen dürfen sie vielerorts wieder bejagt werden.

Text: Dr. Volker Pesch

Foto: Halali

Er ist nicht einmal im Prachtkleid farbenfroh, seine Stimme klingt heiser bis krächzend, und auf Speisekarten findet man ihn eher selten. Selbst der gute alte Taschenatlas der Vögel, seit den Sechzigerjahren Standard im Bücherregal aller Hobbyornithologen, kann dem Vogel wenig abgewinnen: „Dieser schwarze, grünlich glänzende Bursche richtet manchen Schaden an“, heißt es dort, „und trotzdem schützen wir ihn. Schon sein Äußeres ist etwas exotisch […].“ Als Nahrungskonkurrent wurde er über Jahrhunderte scharf bejagt und galt im mitteleuropäischen Binnenland um 1920 als nahezu ausgerottet.

Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten sich aber wieder größere Populationen etablieren, heute gelten die Bestände als stabil. Das ist ein Erfolg des Artenschutzes. Aber Angler, Fischer und Teichwirte wollten dem gefiederten Fischräuber am liebsten wieder den blutigen Garaus machen. Und weil manch ein Umweltminister diesem Anliegen nicht ganz ablehnend gegenüberstand und seinem Bundesland bereits ein „Management“ verordnet hatte, haben ihn NABU und LBV 2010 sicherheitshalber zum Vogel des Jahres gekürt. Eine Provokation, die viel Aufmerksamkeit gebracht, aber die Diskussion nicht eben versachlicht hat…

Lesen Sie weiter in der neuen Ausgabe HALALI Nr. 4/2020 ab S. 122

Der Nachsuchenführer

Von den vielen Büchern zum Thema Schweißarbeit/Nachsuche, die in den letzten Jahren erschienen sind, ist dieses möglicherweise das schlechteste: „Der Nachsuchenführer“ von Helmut Huber. Wer angesichts des Titels vermutet hat, es gehe darin um die Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen am anderen Ende des Schweißriemens, um praktische Erfahrungen gar oder um nützliche Tipps, wird bitter enttäuscht sein.

Denn am Ende der 144 Seiten, auf denen sich erzählende und belehrende Passagen abwechseln, steht nur soviel fest: Nachsuchenführer sind ganz harte Kerle, scheuen weder Regen noch Kälte, haben die Kondition von zwei Marathonläufern und die Weisheit eines Obi-Wan Kenobi. Gerufen werden sie eigentlich immer nur von Vollpfosten, die kaum Hirsche und Sauen unterscheiden können und ihre Jagdscheine in Schnellkursen mit Erfolgsgarantie ergattert haben. Und Frauen kommen in der rauen Männerwelt der Schweißarbeit nur als verständnisvolle Ehefrauen der Nachsuchenführer und Kaffeekocherinnen am Streckenplatz vor.

Sympathisch daran ist allenfalls der ostentative Verzicht des Autors auf Ausrüstungsfirlefanz. Die Vorstellung, wie der alte Opel Corsa neben all den SUVs und Pick-ups anhält, ein Hannoverscher Schweißhund vom Beifahrersitz springt und der Hundeführer seinen 98er schultert, lässt einen durchaus schmunzeln.

Aber die Lachmuskeln verspannen sogleich angesichts der einen oder anderen ebenso dogmatisch vorgebrachten wie falschen Behauptung, wie etwa dieser: Die ersten 10 Lebenswochen prägen einen Hund überhaupt nicht (S. 14); Im Haus darf niemals gefüttert werden (15f); Zur Durchsetzung der Stubenreinheit sollte ein Hund kräftig am Genick geschüttelt werden (16). Wenn der Autor dann auch noch zugibt, an der Kirrung den Sauen aufs Haupt zu schießen (37), von der Naturbelassenheit ehemaliger Truppenübungsplätze schwärmt (53) und sich zuletzt auch noch die skurrilen Thesen Peter Wohllebens zueigen macht (116), steigen sicher auch wohlmeinende Leserinnen und Leser aus.

Da mag eine Schlussbemerkung über den Schreibstil anmuten wie ein Fangschuss auf einen bereits aufgebrochenen IIb-Hirsch: Stilblüten wie „Die Spannung war zum Greifen nah“ runden das Gesamtwerk ab.

Helmut Huber, Der Nachsuchenführer. Von der Arbeit mit dem Schweißhund, Stocker Verlag 2020, Hardcover 144 Seiten, 29,90 Euro

Pirschgang auf Abwegen (VII)

Die Kolumne auf volkerpesch.de

Diese Schlagzeile müffelt etwas: „Wissenschaftler entwickeln Kuhtoilette“ ist der Leitartikel der Wirtschaftsseite überschrieben. Die üblichen Verbrauchertipps und Börsenberichte überblättere ich normalerweise, aber das weckt nun doch meine Aufmerksamkeit. Sofort erscheint vor meinem inneren Auge das Bild eines mächtigen Charolais-Bullen in der Hocke. Pressend. Schwarzbunte Mutterkühe tauschen während der Verrichtung durch die Trennwände muhend Neuigkeiten aus. Eine selbstverliebte Färse vom Alten Angler Rotvieh will gar nicht mehr weg vom Spiegel. Und dann die Kuhtoilette selbst! Die dürfte anatomisch (wohin mit dem Schwanz?) und statisch eine Herausforderung für jeden Industriedesigner sein.

Ich beginne zu lesen und werde baff enttäuscht: Die vermeintliche Kuhtoilette als solche ist wenig innovativ, eigentlich nur eine Latrine mit Eingangstür und Bodenablauf. Die Tiere lassen es raus wie evolutionär gewohnt. Ältere werden sich erinnern: So sahen die Toiletten auf französischen Campingplätzen noch in den 80er Jahren aus. Es geht den Verhaltensbiologen des Leibniz-Instituts für Nutztierbiologie in Dummerstorf bei Rostock auch gar nicht um die Toilette als solche. Vielmehr bringen sie als Tiertrainer Kälbern bei, sich gezielt und ausschließlich an diesem Ort zu lösen. Wenn die Viecher das dem Forschungsdesign entsprechend tun, bekommen sie ein Leckerli. Wenn nicht, eine kalte Brause. Iwan Petrowitsch Pawlow grüßt freudig aus dem Jenseits.

Wer sich jetzt daran erinnert, dass die Dummerstorfer im vergangenen Jahr ihren Leibniz-Status verlieren sollten, weil Zweifel an der Exzellenz des Instituts laut geworden waren, ist voll auf dem Holzweg: Es geht hier um gleich zwei der großen Gegenwartsthemen, nämlich Tierwohl und Klimarettung (also ausnahmsweise nicht um Corona). Rindviecher mit anständigen Hygienevorstellungen und entsprechendem Verhalten sind psychisch insgesamt stabiler und leiden weniger unter Klauen- und Eutererkrankungen. Und die ordnungsgemäße Entsorgung der Fäkalien, fein getrennt nach Urin und Kot, verringert die Ammoniakemmissionen und erfüllt somit eine EU-Richtlinie, die bis zum Jahr 2030 umgesetzt sein muss.

Inzwischen können die Forscher die zentrale Frage mit einem klaren Ja beantworten: Ja, Kühe lassen sich auf ein kontrolliertes Ausscheidungsverhalten trainieren. Das ist dem Artikel zufolge das Ergebnis der ersten Studie, die auf der Auswertung von bislang fünf Durchgängen mit jeweils acht bis zehn Kälbern beruht. Zuletzt, wird der stolze Projektleiter zitiert, hätten die Kälber „überwiegend“ die Toilette benutzt. 

Die alte Bauernweisheit, dass die Kuh kackt wohin sie will, ist damit also widerlegt. Jedenfalls für den überwiegenden Teil der ersten 40 bis 50 Probanden. Ob und inwieweit sich diese Erkenntnis auf die rund 990 Millionen Rinder, die aktuell weltweit gehalten werden, auswirken wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht könnte es auf mittlere Sicht den anhaltenden Rückgang der Beschäftigtenzahlen in der Landwirtschaft ausgleichen: Der Bedarf an Kuhtoilettentrainern dürfte in Zukunft riesig sein.

Stallschwalben

Schon einige Jahre hält Ulrike Siegel eine eigene belletristische Nische besetzt, und das überaus erfolgreich: „Bauerntöchter erzählen“. Den Anfang machte die Bauerntöchter-Trilogie mit autobiografischen Erzählungen, die mittlerweile sogar im Schmuckschuber zu haben ist. Es folgten Bücher mit Erzählungen von Frauen, die Höfe verlassen, und solchen, die in Höfe eingeheiratet haben, außerdem von Bauerntöchtern auf den Spuren ihrer Mütter, prominenten Bauernkindern und Bauernsöhnen. 2018 gab es sogar einen Jubiläumsband mit den besten Geschichten aus 15 Jahren „Bauerntöchter erzählen“.

Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Autorin nun auch ein Buch mit eigenen autobiografischen Geschichten vorgelegt hat. Denn Ulrike Siegel ist natürlich selbst eine Bauerntochter, geboren 1961 auf dem elterlichen Hof in Baden-Württemberg. Dort ist sie aufgewachsen, dort arbeitete sie auch nach der Schulzeit, erwarb Meistertitel in Landwirtschaft und ländlicher Hauswirtschaft, studierte dann Agrarwissenschaften und schloss längere Auslandsaufenthalte in Lateinamerika, Afrika und Indien an. Über viele Jahre war sie Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg.

Die titelgebenden „Stallschwalben“ stehen für die Sehnsucht der jungen Frau, mit den Vögeln gen Süden zu ziehen. Einfach aufbrechen, die enge Welt verlassen, anstelle des kalten und kargen Winter ferne Welten erkunden – davon konnte sie nur träumen. Denn das Leben auf den Höfen in den 60er und 70er Jahren war arbeits- und entbehrungsreich, auch für Bauerntöchter. Die waren von klein auf eingebunden in Ernte, Versorgung des Viehs und häusliche Verrichtungen. In 22 kurzen Erzählungen nimmt Ulrike Siegel ihre Leserinnen und Leser mit in diese Zeit und setzt aus zahllosen Anekdoten und Erinnerungen ein authentisches Bild zusammen.  Das ist alltagsgeschichtlich interessant, meist durchaus kurzweilig und stellenweise auch recht nostalgisch. Wer es gelesen hat, wünscht sich, selbst Bauerntochter gewesen zu sein, allen Entbehrungen zum Trotze.

Ulrike Siegel: Stallschwalben. Autobiografische Geschichten einer Bauerntochter, erschienen 2019 bei LV.Buch im Landwirtschaftsverlag, 192 Seiten, 14,00 Euro

Erfolgreicher Jagdhund

Bücher über Welpenerziehung gibt es unzählige. Die tragen verheißungsvolle Titel wie „Die große Welpenschule“, „Das 8-Wochen-Programm“ oder „Spaßschule für Hunde“, und unter den Autorinnen und Autoren ist manch ein TV-Promi. Etwas schmaler – aber auch deutlich gehaltvoller – wird das Angebot, wenn es auf die jagdliche Erziehung und Ausbildung begrenzt wird. Gleichwohl bleibt die Auswahl groß. Jeder Verlag, der in dem Segment aktiv ist, hat einen oder mehrere Titel auf seiner Liste. 

Neu bei Kosmos ist ein Buch von Stefanie Blawe und Claudia Fries. Beide sind zertifizierte und erfahrene (Jagd)Hundeausbilderinnen mit eigenen Hundeschulen. In der Praxis, so schreiben sie im Vorwort, haben sie immer wieder mit Hundehaltern zu tun, die ihre Hunde bis dahin mit fragwürdigen Methoden und geringem Erfolg ausgebildet haben. Methoden, die ihnen von vermeintlichen Fachleuten als einzig mögliche „Standard-Lösung“ angeboten worden waren. Dagegen stellen die Autorinnen keinen neuen ultimativ gültigen Weg, sondern betonen die Individualität jedes Mensch-Hund-Gespanns, die auch individuelle Ausbildungsmethoden erfordere.

So setzen die beiden beispielsweise nicht ausschließlich auf die Methode der „positiven Bestärkung“, selbst wenn eine belohnungsorientierte Erziehung immer erste Wahl ist. Aber wer schon einmal vergeblich mit dem Leckerli gewedelt hat, während der Hund einer selbstbelohnenden Unart nachgegangen ist, weiß um die Problematik. Manchmal ist eben auch Bestrafung die zielführende Methode, wobei Strafe hier nichts mit Gewalt oder Aggression gegen den Welpen zu tun hat. Das Buch ist insgesamt praxisorientiert und anschaulich geschrieben und enthält viele Tipps und Anregungen. Nebenbei räumen die beiden auch mit sorgsam gehegten Fehlinformationen auf, etwa der Annahme, es gebe sowas wie einen allgemeinen Welpenschutz.

Stefanie Blawe und Claudia Fries: Der Weg zum erfolgreichen Jagdhund. Von der Welpenerziehung zum fertigen Helfer, erschienen 2019 im Franckh-Kosmos Verlag, 192 Seiten, gebunden, 32,00 Euro

Wald

Mit den optisch und haptisch ansprechenden Bänden der Reihe NaturZeit bedient der Kosmos-Verlag die Nachfrage nach populärwissenschaftlichen Natur-Sachbüchern – gebunden in Halbleinen und gedruckt auf einem offenen, matten Ökopapier. Das macht sie zu beliebten Geschenken. In einem aktuellen Band wird der Wald in den Fokus gerückt, was angesichts des aktuellen Hypes um Waldbaden oder Waldkindergärten und vor dem Hintergrund der problematischen Situation unserer Wälder durch Trockenheit und Schädlinge wenig verwunderlich ist. Die Umweltjournalistin Adriane Lochner erzählt darin von der Beziehung zwischen Mensch und Wald und nimmt ihre Leserinnen und Leser mit auf einen Waldspaziergang durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. 

Tatsächlich streift das Buch eine Vielzahl historischer, biologischer und wirtschaftlicher Aspekte, naturalistisch illustriert durch Zeichnungen von Paschalis Dougalis. Es geht beispielsweise um den Wald in Kunst und Mythologie, die Genese des Nachhaltigkeitsbegriffs, die Pflanzen- und Tierwelt, typische Waldformationen in Europa oder moderne Forstwirtschaft. Insgesamt zeigt sich die Autorin fachlich gut informiert und spart auch nicht mit sachlicher Kritik an dem einen oder anderen Baumflüsterer. Allerdings hangelt sie sich von einem Unterthema zum nächsten wie weiland Tarzan von Liane zu Liane. Auch wenn das durchaus gut und verständlich geschrieben ist, wäre hier weniger vielleicht mehr gewesen.

Adriane Lochner: Wald. Was er uns schenkt, wie wir ihn prägen, erschienen 2019 im Franckh-Kosmos Verlag, 208 Seiten, gebunden, 14,99 Euro

Baumeister und Baumfäller

In: HALALI Nr. 2/2020

Der Biber war in Deutschland nahezu ausgerottet. Seine Wiederansiedelung gehört zu den großen Erfolgsgeschichten des Natur- und Artenschutzes. Aber wo Biber leben, kommt es oft auch zu erheblichen Schäden. Vielerorts wird der Ruf nach Bejagung lauter. Halali-Autor Dr. Volker Pesch über ein Wildtier zwischen Faszination und Polarisierung.

Den vollständigen Beitrag aus HALALI Nr. 2/2020 finden Sie unter diesem Link.

Die Bienenkönigin

Wer die Biologie der Honigbiene verstehen will, muss die Bienenkönigin verstehen. Sie ist keine Regentin in einem menschlichen Sinne, sie lenkt nicht, gibt keine Befehle und hat auch kein Spieglein an der Wand. Aber sie ist das faszinierende Zentrum des Bienenvolks, denn mit bis zu 2000 Eiern pro Tag sorgt sie ganz allein für dessen Fortexistenz. Sie ist die Mutter aller Arbeitsbienen und Drohnen (jedenfalls in der Natur und naturnahen Haltung) und wird entsprechend umsorgt und beschützt. Den Stock verlässt sie in ihrem Leben nur dreimal: Einmal kurz nach ihrer Geburt, da lässt sie sich auswärts ausgiebig begatten. Dann noch einmal, wenn sie mit einem Teil des Volks ausschwärmt und ein neues Zuhause bezieht. Und schließlich nach ihrem Ableben, da wird sie von fleißigen Aufräumerinnen aus dem Stock geworfen.

Grund genug für die kalifornische Imkerin Hilary Kearney, der Bienenkönigin eine eigene Monografie zu widmen. Die junge Frau ist weit über ihre Heimat hinaus bekannt als Gründerin der Imkerei Girl Next Door Honey, Bloggerin und Autorin verschiedener (Fach-)Zeitschriften. Der Schweizer Haupt Verlag hat das Buch jetzt in einer sehr ansprechenden deutschsprachigen Ausgabe verlegt.

Auch wenn es im Kern immer um die Bienenkönigin geht, beschreibt die Autorin in kurzen und reich bebilderten Texten die Biologie des gesamten Bienenvolks, abgerundet durch eher anekdotische Erzählungen aus ihrer imkerlichen Praxis. Das ist nett und anschaulich geschrieben, aber dürfte sich in erster Linie an Leserinnen und Leser richten, die einen leichten Einstieg in das Thema suchen. Wer sich schon einmal grundlegend mit Bienen und Imkerei beschäftigt hat, wird hier nichts Neues finden. Insofern ist der Untertitel („Was jeder Hobbyimker wissen muss“) ein wenig hoch gestapelt.

Und dennoch bietet das Buch auch für Fortgeschrittene viel: nämlich wertvolle Tipps, wie man im Gewusel des Bienenstocks die Königin findet, und insgesamt 48 doppelseitige Suchbilder in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen. Die zeigen jeweils eine Nahaufnahme von hunderten Bienen auf ihren Brut-, Honig- oder Pollenwaben – und irgendwo im Gewimmel die Königin. Es macht wirklich Spaß, die zu suchen, und zugegebenermaßen stolz, sie gefunden zu haben… (wenn’s nicht gelungen ist, gibt’s selbstverständlich auch eine Auflösung am Ende). Auch Kinder haben daran Freude und können so für die Bienenhaltung begeistert werden.

Hilary Kearney, Die Bienenkönigin. Was jeder Hobbyimker wissen muss, Haupt Verlag Bern 2020, 128 Seiten, gebunden, 22,00 EUR

Leben ohne Ende

Wir Jäger erfahren immer wieder, dass der Tod in unserer Gesellschaft verdrängt wird. Dabei geht es zumeist um den Tod der erbeuteten Tiere, genauer gesagt um das Töten. Selbst Zeitgenossen, die sich an der nächsten Fleischtheke gierig mit grillfertigen Fleischportionen eindecken, klagen unser Tun an. Das ist eine Form der Entfremdung. Denn wir Menschen, darauf weist Bernd Heinrich gleich zu Beginn seines Buches hin, sind „ein natürlicher Teil der Schöpfung und kein nachträglicher Einfall.“ Wir sind ein Glied in der Nahrungskette.

Der 1940 im heutigen Polen geborene und als Kind mit seinen Eltern in die USA ausgewanderte Autor ist Zoologe und emeritierter Professor für Biologie an der Universität Vermont. Seine Bücher unter anderem über Hummeln und Raben sind mehrfach ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt. Und Bernd Heinrich ist Jäger. 

Mit „Leben ohne Ende“ hat er nun eine Biologie derjenigen Lebewesen vorgelegt, die andere Organismen zersetzen und ihnen somit zur „Auferstehung“ in neuen Lebewesen verhelfen. Er nennt sie etwas salopp „Totengräber“, „Leichenbestatter“ oder „Recycler“. Es geht also um Rolle, Funktion und Arbeitsweise der Mikroorganismen und Pilze, Maden und Käfer, Rabenvögel und Geier, Prädatoren und Aasfresser und nicht zuletzt der Menschen. Und Heinrich untersucht auch, wie wir mit Veränderungen umgehen, insbesondere mit dem Übergang vom Leben zum Tod in Bestattungsritualen, Mythen und Glauben.

Das ist überraschend lesbar und anschaulich geschrieben. Dabei berührt es doch unsere Substanz im eigentlichen Sinne. Denn wie alle Lebewesen bestehen unsere Körper nur aus vorübergehend zusammengefügten Stoffen, aus Kohlenstoff, Sauerstoff und knapp 60 weiteren, die von anderen Lebewesen stammen und dereinst auch wieder in den ewigen Kreislauf des Lebendigen eingehen werden. „Der Tod ist kein Anlass, ein Ende zu betrauern,“ schreibt Heinrich, „sondern einen neuen Anfang zu feiern.“ Das lässt einen über das eigene Sein nachdenken und auch über die Form, in der man dereinst selbst bestattet werden möchte.

Bernd Heinrich: Leben ohne Ende. Der ewige Kreislauf das Lebendigen, erschienen 2019 im Verlag Matthes & Seitz, Reihe „Naturkunden“, 204 Seiten, in Leinen gebunden, 34,00 Euro

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