Texter | Journalist | Schriftsteller

Pirschgang auf Abwegen (I)

Die Kolumne auf volkerpesch.de

Neulich sah ich die Werbeanzeige eines namhaften Herstellers von Jagdoptiken. Dessen Name sei an dieser Stelle höflich verschwiegen. Hier wurde das Neueste vom Neuen beworben, was ja nicht ungewöhnlich ist, denn Neuheit ist an sich ein starker Kaufanreiz und hält die Ausrüstungsindustrie am Leben. In diesem Fall stutzte ich aber sofort, denn angepriesen wurde hier allen Ernstes ein Drückjagdglas mit „revolutionärer Minimalvergrößerung von 0,75“.

Von Vergrößerung zu sprechen ist da in der Tat revolutionär, dachte ich und denke ich noch heute, aber ich will nicht kleinlich sein. Auch Werbetexter haben bessere und schlechtere Tage. Und ich verneige mich vor den Ingenieuren!

Neu und spektakulär an diesem Fernglas ist nämlich nicht nur die Verkleinerung des Fernen. Auch ein Sehfeld von sage und schreibe 56 Metern auf 100 Meter lässt mich staunen. Ich rechne mir aus, dass eine flüchtige Sau mit 25 Stundenkilometern glatte 8 Sekunden bräuchte, dieses Sehfeld zu durchkreuzen. Im leichten Troll wären es runde 20 Sekunden. Das verschafft Gelassenheit auf dem Stand!

Sie könnten eine mit solcherart Glas ausgerüstete Waffe einfach auf der Brüstung von Bock oder Kanzel in Richtung des vermuteten Wechsels fixieren und abwarten. Früher oder später wird ein Schweinchen in den superfeinen Leuchtpunkt laufen – und Sie müssen nur noch den Finger krumm machen.  

Mich erinnert das an die alte Geschichte, wie man Krokodile fängt. Die kennen Sie nicht? Dann sei sie kurz erzählt. Immerhin hat die Geschichte ja auch mit Natur & Jagd zu tun, selbst wenn sie eher in die Rubrik Auslandsjagd gehört und also eigentlich eines Herkunftsnachweises bedürfte, den ich leider nicht liefern kann.

Zum Fangen eines Krokodiles brauchen Sie ein langweiliges Buch sowie Lupe, Pinzette und Streichholzschachtel. Setzen Sie sich irgendwo hin, wo mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Krokodil zu erwarten ist, und lesen Sie in dem Buch. Weil es so langweilig ist, werden Sie bald einschlafen. Wenn dann das Krokodil kommt, wird es ebenfalls zu lesen beginnen und einschlafen. Da Sie zuerst eingeschlafen sind, werden Sie auch zuerst aufwachen. Dann betrachten Sie das Krokodil durch die umgekehrte Lupe, greifen es mit der Pinzette und tun es in die Streichholzschachtel.

Probieren Sie es ruhig einmal aus: revolutionärer kann eine Minimalvergrößerung kaum sein! Und deutlich preiswerter als ein neues Drückjagdglas ist das allemal.

2 Kommentare

  1. Waldkäuzchen

    Schön geschrieben…auch mir ist die Werbung untergekommen und auch ich habe gerätselt was es wohl mit der Minimalvergrößerung auf sich hat. Dank der Geschichte mit dem Krokodil, weiß ich es jetzt 😉

    • Volker Pesch

      Danke! Seit gestern gibt es auch eine Newsletter-Funktion… (Anmeldung im Hauptmenü)

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