Texter | Journalist | Schriftsteller

Monat: April 2026 (Seite 2 von 2)

Eat – poop – die

Man wüsste gern, ob sich eine Übersetzung des Titels ins Deutsche verkaufsfördernd ausgewirkt hätte. Der Verlag hatte offensichtlich Bedenken und beließ es deswegen beim amerikanischen Originaltitel. Dabei hätte „Fressen – Kacken – Sterben“ sehr präzise beschrieben, worum es in diesem höchst lesenswerten Buch des Biologen, Meeresökologen und Naturschützers Joe Roman geht. Nämlich darum, wie Wildtiere die Ökosysteme gestalten und bewahren, indem sie Nährstoffe aufnehmen, verstoffwechseln und mit ihrem Kot, Urin oder Kadaver wieder in die Umwelt abgeben. 

Ein paar Beispiele: Wale fressen in der Tiefsee, befördern beim Aufsteigen Stickstoff und Phosphor an die Meeresoberfläche, wo sie koten und damit den dort lebenden Pflanzen und Tieren Nährstoffe zuführen. Insekten locken Seevögel an, die sie fressen und mit ihrem Kot Lebensgrundlagen für andere Tiere schaffen. Mehr als 100 Arten ernähren sich von Lachsen, die Jahr für Jahr zum Laichen die Flüsse Nordamerikas hochwandern, darunter Möwen und Bären, die mit ihren Hinterlassenschaften die umliegenden Wälder düngen. Und der Urin von Zikadenschwärmen kann Stickstoff im Übermaß eintragen. 

„Tiere“, heißt es an einer Stelle, „sind das schlagende Herz des Planeten.“ Das weltweite Artensterben bedeutet daher nicht nur einen Verlust an Biodiversität, sondern bedroht Ökosysteme insgesamt. So gesehen könnten wir Wildtiere als Teil unserer Nutztiere betrachten, wie Roman anmerkt. Unsere heimische Tierwelt – etwa der Rothirsch – kommt in diesem Buch nicht vor; die Erkenntnisse lassen sich aber ohne Weiteres übertragen.

Joe Roman: Eat – poop – die. Wie Tiere unsere Welt verändern, Hanser Verlag 2024, Broschur 304 Seiten, 18,00 Euro

Birding

„Birding“, „Birdwatching“ oder auch schlicht „Vogelbeobachtung“ wird oft fälschlicherweise als Hobby pensionierter Studienräte angesehen. Dabei ist es nicht nur eine für alle Alterskohorten faszinierende Art der Freizeitgestaltung, sondern auch ein niedrigschwelliger Einstieg in Naturkunde und Naturschutz. Sogar Kinder lassen sich mit Fernglas, Spektiv oder Teleobjektiv überraschend lange von den Bildschirmen ihrer Smartphones ablenken. Vorausgesetzt, sie werden kindgerecht herangeführt.

Genau das tut dieses großformatige Buch. Autorin Silke Hartmann und Illustratorin Fiona Osbaldstone nehmen die kleinen Leserinnen und Leser mit in die heimische Vogelwelt (mit einem kurzen Ausblick zu den Vögeln der Welt). Sie beginnen mit der Frage, warum Vögel „toll“ sind, zeigen und beschreiben Arten in ihren typischen Lebensräumen wie Stadt, Wald oder Wasser, erklären Verhaltensweisen, Gesang, Gefieder und vieles mehr. Dabei fordern sie in kleinen Spielen, Rätseln und Aufgaben immer wieder zu unterschiedlichen Formen der Interaktion auf, die Spaß machen und spielerisch vogelkundliches Grundwissen vermitteln. Als kleines und durchaus sinnvolles Zugeständnis an die moderne Welt finden sich QR-Codes im Buch, die zu einer Website mit zusätzlichen Inhalten führen, beispielsweise zu Audios von Vogelstimmen.

Der Verlag nennt es ein „Abenteuerspielbuch“ und empfiehlt es für Kinder ab 7 Jahre. Zusammen mit einem ersten Fernglas wäre es zweifellos ein prima Geschenk, bei dem der pädagogische Hintergedanke wahrscheinlich nicht einmal bemerkt würde. 

Silke Hartmann: Birding. Entdecke die Wunderwelt der Vögel, Léman Publishing 2024 Jahr, 48 Seiten Hardcover, 19,90 Euro

Jagd vorbei?

Die Jagd und ihre gesetzlichen Grundlagen geraten in Deutschland zunehmend unter Rechtfertigungsdruck und oft unter Beschuss. Bei Jagdgesetznovellen stehen häufig nicht die Anforderungen einer waidgerechten Jagd im Mittelpunkt, sondern Tier- und Naturschutzbelange beziehungsweise das, was starke Interessengruppen und unbedarfte Naturfreunde dafür halten. Da ist es gut und wichtig, wenn aus der Jägerschaft immer wieder (selbst-)kritische und sachlich fundierte Beiträge kommen, um diesem Trend entgegenzuwirken. 

Jetzt hat der Düsseldorfer Rechtsprofessor Johannes Dietlein einen Band vorgelegt, der sich dieser Aufgabe stellt. Dietlein ist aktiver Jäger, Autor zahlreicher Abhandlungen zum Jagdrecht und Sachverständiger in parlamentarischen Anhörungen, war unter anderem Vorsitzender des Ausschusses für Jagd- und Forstrecht der Deutschen Gesellschaft für Agrarrecht und Mitglied des Rechtsausschusses des DJV. Ein ausgewiesener Experte also.

Sein Buch beginnt mit einer Bestandsaufnahme zur Jagd in Deutschland und beleuchtet die Geschichte der Jagd und Jagdgesetzgebung. Das erste Hauptkapitel behandelt zentrale Diskussionspunkte und Herausforderungen, beispielsweise ethische Fragen, das „süße Trugbild“ von der Selbstregulierung der Natur oder das „Reizthema Trophäenjagd“. Das zweite Hauptkapitel widmet sich den Zukunftsperspektiven, beispielsweise den Stärken und Schwächen des Revierprinzips, der Wald-und-Wild-Problematik und den Folgen der Rückkehr des Wolfs. 

Man kann das Buch neben Heribert Kalchreuters „Die Sache mit der Jagd“ (in der Neubearbeitung von 2008) und Hans-Dieter Pfannenstiels „Heute noch jagen?“ (von 2017) stellen; beide Autoren haben aber einen stärker (wild-)biologischen Fokus als der Jurist Dietlein. Allein der Titel ist ein Rätsel, denn der entspricht nicht dem Tenor des Buches.

Johannes Dietlein: Jagd vorbei und halali. Das deutsche Waidwerk – ein Auslaufmodell?, Kosmos Verlag 2024, 304 Seiten gebunden, 28,00 Euro

Die Salze der Erde

Kann ein Buch über Stickstoff, Phosphor und Kalium interessant, kurzweilig und sogar spannend sein? Die Antwort ist: ja, es kann! Und das nicht nur für Landwirte. Die mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftsjournalistin Kerstin Hoppenhaus zeigt, wie das möglich ist. Sie folgt den Spuren dieser drei Grundbausteine alles Lebens auf historischen, wirtschaftlichen und ökologischen Pfaden: vom Nährstoff zum Rohstoff zum Schadstoff zum Wertstoff. 

Stickstoff, Phosphor und Kalium sind zunächst lebensnotwendige Nährstoffe, ohne die kein Wachstum möglich wäre. Schon früh wurde ihre Eigenschaft als Dünger erkannt, wurden Ernteabfälle, Dung und Gülle auf die Äcker gebracht und stickstoffsammelnde Zwischenfrüchte angebaut. Mit dem Import von Guano und Salpeter aus Übersee und der Gewinnung von Stickstoff aus der Luft wandte sich die europäische Landwirtschaft von der Idee der Bewahrung der Bodenfruchtbarkeit durch Nährstoffkreisläufe ab und einem System zu, das auf Durchsatz und Verbrauch setzt. Aus Nährstoffen wurden weltweit gehandelte und umkämpfte Rohstoffe. Und das nicht nur für die Produktion von Lebensmitteln, sondern aufgrund ihrer explosiven Eigenschaften auch für militärische Zwecke. Unter dem zunehmenden Eintrag von Stickstoff und Phosphat leiden Böden, Luft und Wasser – aus Rohstoffen wurden Schadstoffe, die unseren Planeten massiv und auf vielerlei Art bedrohen. Aber das ist kein Automatismus: Natur und Mensch kennen Wege, diese Stoffe zu recyclen und ihren Verbrauch zu reduzieren. Dann werden aus Schadstoffen wieder Wertstoffe.

Kerstin Hoppenhaus zeigt das anhand einer Fülle von Berichten aus aller Welt, solide recherchierten Fakten und erstaunlichen Fun Facts (nicht selten allerdings auch Scare Facts), ohne sich in unleserliche Fachprosa oder moralisierende Zeigefingerheberei zu verlieren. Völlig zurecht ist das Buch nominiert für den NDR-Sachbuchpreis und den Wissenschaftsbuchpreis 2025.

Kerstin Hoppenhaus: Die Salze der Erde. Was drei chemische Elemente mit Kolonialismus, Kima und Welternährung zu tun haben, Hanser Verlag 2024, 335 Seiten gebunden, 26,00 Euro

Auf der Nachsuche

Die Nachsuche auf krankes Wild gehört zu den Grundpfeilern waidgerechter Jagd. Ganz gleich, ob ein beschossenes Stück nicht im Feuer liegt oder ob ein Wildtier bei einem Verkehrsunfall verletzt wurde. Trotz aller Technik gibt es hier nach wie vor nichts Effizienteres als ein erfahrenes Gespann aus Hundeführer und Schweißhund. Wobei die Betonung auf „erfahrenes“ liegt: Die Arbeit auf der Wundfährte verlangt auf beiden Seiten des Riemens Können, Übung und gute Kondition. Glücklicherweise gibt es landauf, landab professionelle Gespanne, die alles stehen und liegen lassen, wenn sie zur Nachsuche gerufen werden. 

Und wenn Frank Rakow, seit einem halben Jahrhundert Jagdjournalist und ehemals Chefredakteur der „Deutschen Jagdzeitung“ und von „Jagen weltweit“, solche Hundeführer bittet, aus ihrer Praxis zu erzählen, sind sie natürlich dabei: bekannte „alte Hasen“ wie Uwe Tabel oder Hellmut Schulze ebenso wie gegenwärtig aktive Rüdemänner, etwa Stefan Mayer, Dirk Nass oder Michael Hock. Dass die Schweißarbeit schon lange keine Männerdomäne mehr ist, zeigen Daniela Mayer und Tatjana Puchmüller eindrucksvoll.

Insgesamt 18 Autorinnen und Autoren haben Beiträge beigesteuert. Man erfährt darin vieles über Hund, Mensch und Wild. Manches lässt einen staunen, anderes schmunzeln. Interessant ist, dass diese Profi-Riege keineswegs nur „klassische“ Schweißhunde wie Hannoverscher Schweißhund, Bayerischer Gebirgsschweißhund oder Alpenländische Dachsbracke führt, sondern beispielsweise auch Steirische Rauhhaarbracke, Teckel oder Deutsch Drahthaar. Wenn es denn ein Resümee aller Beiträge im Buch gibt, dann vielleicht dieses: Im Zweifel vertraue Deinem Hund.

Frank Rakow (Hrsg.): Auf der Nachsuche. Deutschlands bekannteste Hundeführer erzählen, Kosmos Verlag 2024, 167 Seiten gebunden, 24,00 Euro

Familien-Naturführer

Der nachhaltigste Weg, Kindern die Lust auf Natur auszutreiben, dürfte der folgende sein: Man nehme den lieben Kleinen das Smartphone aus der Hand, fahre mit ihnen in den nächsten Wald und lasse sie mit Hilfe eines voluminösen Nachschlagewerks Pflanzen und Tiere bestimmen. Den familiären Zusammenhalt stärkt das auch nicht unbedingt.

Der Familien-Naturführer der jungen Forstwissenschaftlerin Katharina Hedder könnte da Abhilfe schaffen: Mit 352 Seiten ist er zwar nicht für die Westentasche gemacht, stellt aber das gemeinsame Naturerleben von Erwachsenen und Kindern in den Mittelpunkt. Nach einem Einleitungskapitel werden im ersten Teil 50 einfache Aktivitäten und Spielideen vorgestellt, die sich im Garten, in Wald, Feld und Flur oder auch am Meer umsetzen lassen. Das Spektrum reicht von Basteleien über Kochrezepte bis zum Sandburgbau. Es gibt kleine Experimente genauso wie Achtsamkeitsübungen oder Beobachtungstipps.

Wenn auf diese Weise das Interesse geweckt ist, kommen der zweite und dritte Teil des Buches mit konventionellen Tier- und Pflanzenportraits zum Einsatz. Hier liegt der Fokus auf den hierzulande häufigen Arten, die jeweils mit typischen Merkmalen und Verhaltensweisen vorgestellt werden. Außerdem gibt es Seiten zu besonderen Themen, beispielsweise zu Vogel-Silhouetten am Himmel. Das gesamte Buch ist übersichtlich gestaltet, reich bebildert, es gibt ein Register und sogar eine kostenlose App, in der sich Tonaufnahmen der Tierstimmen anhören lassen.

Der Verlag nennt das Buch einen „Naturführer für die ganze Familie“ und macht keine Altersempfehlung. Inhaltlich ist das richtig, besonders die Aktivitäten sind eher für kleine Kinder gedacht. Aber selber lesen können sie die komplexen Texte kaum, die sind an Jugendliche und Erwachsene adressiert. Vielleicht funktioniert es ohnehin am besten, wenn die das Buch lesen und den Kleinen gar nicht verraten, woher sie plötzlich das Wissen und die guten Ideen haben. Auf Nachfrage wäre vielleicht eine Notlüge erlaubt: „Das hab‘ ich irgendwo auf TikTok gesehen“ könnte das Interesse an der Natur noch steigern.

Katharina Hedder: Familien-Naturführer, Kosmos Verlag 2024, 352 Seiten broschiert, 22,00 Euro

Nachtjagd auf Sauen

Ältere werden sich erinnern: Mondlicht und Sitzfleisch, das waren mal die Bedingungen erfolgreicher Bejagung der Schwarzkittel. Glücklich war, wer ein lichtstarkes Zielfernrohr sein Eigen nannte, aber notfalls ging es auch mit dem 6×42. Durch Revierkenntnis und regelmäßiges Abfährten wusste man schließlich, wo die Sauen kommen würden. Und wenn sie nicht kamen, war es dennoch schön, dank Ansitzsack, Thermosflasche und dem schnürenden Fuchs im Neuschnee.

Nachtjagd auf Sauen geht heute anders. In der kurzen Zeit, seit Restlichtverstärker und Wärmebildgeräte legal zu erwerben sind, und noch mehr, seit ihr Einsatz in den meisten Bundesländern auch erlaubt ist, haben sie die Jagd rasant verändert. Jetzt kann man den Sauen rund ums Jahr und unabhängig von Mond und Wetter nachstellen. 

Das sollte allerdings nicht zu der Fehlannahme verleiten, die Technik könne Wissen und Fähigkeiten ersetzen. Im Gegenteil: Auch diese Jagd muss man können. Das dafür nötige Grundlagenwissen vermitteln jetzt Michael Gast und Martin Balke. Sie beginnen bei den Umweltbedingungen, also Jahreszeit, Witterung und Gelände, erläutern Ausrüstung und Schießtechniken und beschreiben die verschiedenen Jagdarten. Dabei nimmt die Technik erfreulicherweise nicht den größten Raum ein, auch wenn die einzelnen Gerätetypen mit allen Stärken und Schwächen detailliert vorgestellt werden. Im Mittelpunkt des Buches steht vielmehr das praktische Jagen auf der Pirsch und beim Ansitz. 

Zu kurz kommt der problematische Aspekt: Wenn den Sauen rund ums Jahr, bei jedem Wetter und bis tief in die Einstände nachgestellt wird, hat das erhebliche Folgen für das gesamte Gefüge von Tier, Mensch und Lebensraum. Das wird im Buch nicht weiter thematisiert.

Michael Gast und Martin Balke: Nachtjagd auf Sauen. Auf der Pirsch und an der Kirrung, Kosmos Verlag 2023, 136 Seiten broschiert, 24,00 Euro

Sauber ansprechen

Sauberes Ansprechen ist und bleibt ein Gebot der Waidgerechtigkeit. Ist ein Stück männlich oder weiblich, alt oder jung, hat es inne oder führt es – das muss eindeutig beantwortet sein, bevor der Finger gekrümmt wird. Deswegen ist das Ansprechen Teil jeder fundierten Jägerausbildung, und deswegen ist es gut, dass wohl jeder Verlag, der jagdliche Literatur veröffentlicht, mindestens einen entsprechenden Titel im Sortiment führt. 

Auch im kleinen österreichischen Sternath Verlag ist jetzt ein solches Buch erschienen. Der Salzburger Berufsjäger und Naturfotograf Christof Burgstaller hat die schmale Fotofibel vorgelegt. Auf weniger als 100 Seiten behandelt er Rehwild, Rotwild, Gamswild, Steinwild, Schwarzwild und Murmelwild. Dabei verzichtet er weitgehend auf beschreibende Texte und setzt stattdessen auf Fotos mit kurzen, erläuternden Bildunterschriften. Die Fotos sind prägnant und aussagekräftig, die Unterschriften praxisbezogen, wobei beides angesichts des schmalen Umfangs nur beispielhaft sein kann. 

Burgsteller erhebt aber auch nicht den Anspruch, sämtliche Ansprechmerkmale bei allen Wildarten erschöpfend abzuhandeln. Sein Ziel ist es vielmehr, den Blick auf das zu lenken, was in der Jagdpraxis wirklich Bedeutung hat und dem Jäger Sicherheit gibt. Mehrfach weist er darauf hin, dass viele Merkmale nicht eindeutig sind, etwa die Deckenfärbung bei Rehwild. Insgesamt bietet das Buch weder neue Erkenntnisse noch Überraschungen, aber einen verlässlichen Einstieg in die Thematik. Gelegentlich darf der Leser auch ein wenig rätseln. 

Christoph Burgstaller: Sauber Ansprechen. Reh, Rotwild, Gams, Steinwild, Sau & Murmel, Sternath Verlag 2024, 93 Seiten Taschenbuch, 27,00 Euro; nicht im regulären Buchhandel erhältlich, zu beziehen über www.sternathverlag.at

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